Abschied vom Handy: Mit den neuen Smart-phones wird Telefonieren zur Nebensache

● Smartphone. Internet, Mail und Social Networks werden mobil. Zu Weihnachten 2009 wird mit günstigen Geräten auch der Massenmarkt aufgerollt. ● Tarifkampf. Halbe Tarife, ganze Leitung. In keinem EU-Land sind die Tarife niedriger als in Österreich. Und neue Lockangebote sind schon unterwegs. ● Datenexplosion. Die Anzahl mobiler Breitbandzugänge hat sich in drei Jahren verfünffacht: 1,5 Millionen Anschlüsse sind in Österreich bereits verkauft.

„Einem schwer Drogenabhängigen reicht kein Joint mehr“, analysiert Orange-Chef Michael Krammer das Mobilfunk-Jahr 2009. „Wir hatten jeden Monat irgendeine Promotion im Markt. Das härteste Jahr seit langem. Aber der Kunde ist abgestumpft.“ Wer noch auffallen will, macht starke Ansagen und greift tief in die Marketing-Trickkiste (siehe FORMAT-Link-Tipp: tarifagent.com ) . Konsequenterweise hat Orange mit seiner Aktion „Halbe Grundgebühr, ein Leben lang“ heuer auch das Weihnachtsgeschäft eröffnet – am 30. April. Bei tele.ring werden neue, besonders günstige Vertragstarife (ab 5 Euro im Monat) in begrenzter Stückzahl ausgegeben: ein Lockruf durch künstliche Verknappung. Beim mobilen Internetzugang hat Netzbetreiber 3 mit der „ersten echten Flatrate“ einen Tarif am Markt, der tatsächlich keine Download- und Tempo-Limits mehr kennt. Arthur-D.-Little-Berater Karim Taga nennt das „einen gefährlichen Sündenfall“. Es wird nicht der letzte gewesen sein.

Schnäppchenflut zum Jahresende
Zu den Tarifen werden hochwertige Handys um null Euro gepackt. Ein Spiel, das offiziell keiner begonnen hat, aber alle mitmachen. Und jetzt, vor Weihnachten, sind die Angebote besonders günstig. Die Konsumenten werden mit einer Flut an Schnäppchen in die Shops gelockt (siehe Die besten Smartphones ). Dabei sind die österreichischen Mobilfunkumsätze seit drei Jahren rückläufig, im ersten Halbjahr 2009 waren es weitere 3,3 Prozent. Taga rechnet insgesamt mit „fünf bis zehn Prozent Rückgang für 2009“. Bei der Mobilkom sank der Durchschnittsumsatz pro Kunde im dritten Quartal gar von 27,8 auf 24,3 Euro. Dort liegt er auch bei der Nummer zwei, T-Mobile. „Neben dem Preiskampf sind die regulatorischen Effekte für den Umsatzrückgang verantwortlich“, sagt Mobilkom-Boss Hannes Ametsreiter. Die von der EU verordneten Roamingtarife schlagen ebenso auf die Bilanzen durch wie die vom heimischen Regulator durchgesetzte Herabsetzung der Gebühren, die sich die Pro­vider gegenseitig für die Gesprächszu­stellung verrechnen. T-Mobile hat das im ersten Halbjahr einen zweistelligen Millionenbetrag „gekostet“.

iPhone – ein eigenes Kapitel
Davon unberührt sticht ein Gerät als Umsatzbringer 2009 hervor: das iPhone. So sieht das Orange-Chef Krammer, der einen Gutteil seiner 100.000 Neukunden mit dem Apple-Telefon angelockt hat. Aber erst jetzt erobert es so richtig den Massenmarkt. Callshop-Betreiber Karim Adlaoui vom Floridsdorfer Mobil21 beobachtet das täglich: „Im Sommer lag ein iPhone noch ein paar Tage in der Auslage, jetzt ist es binnen Stunden weg.“ Die erste Gerätegeneration wird zurzeit abverkauft. Eine Viertelmillion iPhones ist in den ­heimischen Netzen eingebucht, Tendenz: weiter steigend. Apple gelang innerhalb von zwei Jahren das Kunststück, die Nummer drei am Smartphone-Markt zu werden. Gleich nach dem kanadischen BlackBerry-Produzenten RIM und Nokia. Für die finnischen Marktführer war das besonders bitter, denn Apple ist deutlich profitabler als die Finnen. Der Computerspezialist verdiente im letzten Quartal eine halbe Milliarde mehr als Nokia. Und ­Steve Jobs machte der Mobilfunkindustrie vor, wie man auch mit 1-Euro-Programmen reich wird.

Surfen statt Telefonieren
Das iPhone ist die Speerspitze eines Trends, der Hersteller und Netzbetreiber gleicher­maßen hoffen lässt: Die „Smartphones“ setzen zum Siegeszug an und werden das Jahr gut ausklingen lassen. Das klassische Handy zum Telefonieren war gestern. Jetzt sind die mobilen Geräte Computer, Internet-Terminals und Social-Network-Maschinen – mit denen man zwischendurch auch die Mama anrufen kann. Den Smartphones ist es zu verdanken, dass die Absatzzahlen heuer nur stagnieren und nicht schrumpfen. Im zweiten Quartal wurden 300 Millionen Handys weltweit verkauft, davon 40 Millionen Smartphones – das Segment wuchs um 27 Prozent, erhoben die Analysten von Gartner. T-Mobile textete die legendäre „Bild“-Schlagzeile um: „Wir sind Smartphone“. Und macht den Gattungsbegriff auch für jene verständlich, denen Surfen am Handy bisher unbekannt oder zu teuer war. T-Mobile-Boss Robert Chvátal weiß, dass der Lockruf wirkt: „Das Weihnachtsgeschäft dreht sich heuer eigentlich nur darum.“ Mit den computerähnlichen Handys wird je nach Einsatzgebiet gemailt, gechattet, gesucht und gespielt. 100 Megabyte pro Monat verbraucht der Smartphone-Kunde im Schnitt. Die Viel-Mailer mit ihren BlackBerrys brauchen das Doppelte, und der durchschnittliche iPhone-Kunde saugt sich 250 Megabyte pro Monat auf das Telefon. Das klingt auch in den Kassen der Provider gut.

Web 2.0 als Datentreiber
Ein weiterer Datentreiber ist der Run auf die sozialen Netzwerke. Hier hat vor allem Netzbetreiber 3 mit seiner traditionell jungen Klientel einschlägige Erfahrungen gemacht. „Bei uns nutzen zwei Drittel der Kunden ihr Handy zum Surfen“, berichtet 3-Chef Bert­hold Thoma. Nach dem Skype-Handy vor zwei Jahren und einem ­Facebook-Modell im Frühjahr bringt 3 nun mit den INQ-Geräten eine günstige Eigenmarke. Thoma: „Nicht jeder kann sich ein Handy für 700 Euro leisten. Das Einsteigersegment bei den Smartphones wurde von manchem Hersteller zu spät entdeckt.“ Samsung hat rasch reagiert und mit dem Touchscreen-Modell „Corby“ die 200-Euro-Grenze – auch ungestützt – locker unterboten. Das Gerät ist ein programmierter Bestseller. Zu den Verkaufsschlagern gehören auch die Mini-Notebooks, die „Netbooks“. Der durch Kampftarife konditionierte Kunde erwartet auch hier, dass die Hardware – garniert mit dem neuen Windows-7-Betriebssystem – null Euro kostet. 1,5 Millionen mobile Breitbandnutzer konsumieren im Schnitt die zehnfache Datenmenge, die ein Smartphone-Kunde braucht – treiben allerdings die Netze langsam an ihre Limits.

Noch hält die Netzqualität
Mehr als 3 Megabit pro Sekunde sind selten drin, stellte auch das Fachmagazin „connect“ in seiner aktuellen Ausgabe fest. Die Tester hatten im Sommer alle Netze in Deutschland, der Schweiz und Österreich verglichen. Erfreuliches Ergebnis: Das Netz der heimischen Mobilkom (A1) erzielte den höchsten Punktestand in allen drei Ländern. Österreichs Kunden genießen das Paradox billiger Tarife bei – noch – guter Netzqualität. Die Kapazitäten sind aber enden wollend, und die Anbieter wollen derzeit wegen der gesunkenen Erträge nicht gerne in die Aufrüstung investieren. Der nächste Technologiesprung LTE (LongTermEvolution) könnte Datenraten von 50 bis 100 Megabit pro Sekunde gewährleisten. Kleine Testnetze und Laborversuche haben die Mobilfunker bereits laufen. Vor 2011 oder 2012 ist mit einer flächendeckenden Einführung allerdings kaum zu rechnen. Bis dahin wird der Datenverkehr durch Smartphones und mobiles Breitband weiter massiv anschwellen.

Überlastung wird zum Problem
Die meisten Megabytes, mehr als Marktführer Mobilkom, bewegt hierzulande 3, der kleinste Netzbetreiber, mit seinen 500.000 Datenkunden. Er musste deswegen zuletzt massiv nachrüsten. Telekom-Analyst Karim Taga kennt die Entwicklungen. „Es sind oft nur einzelne beliebte Dienste, die treiben den Datenverbrauch aber massiv an“, sagt er. Dass großer Erfolg auch ins Auge gehen kann, erfuhr der US-Mobilfunker AT&T. Der Datenverbrauch bei iPhones war so exzessiv höher als der anderer Smartphone-Kunden, dass AT&T nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hatte: einen teuren Netzausbau zu finanzieren oder einen Imageschaden durch die Beschränkung von iPhones in Kauf zu nehmen. Denn wer mehr (Geschwindigkeit) verspricht, als er hat, steht blöd da. Bei Handy- genauso wie bei Drogen-Dealern. Auf den Smartphone-Boom zu Weihnachten wird sich das nicht auswirken.

Barbara Mayerl

Im Bild: Das X2 von Sony-Ericsson kommt mit Windows-System und ist mehr ein PC als ein Handy.

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