24 Stunden täglich online: 2009 scheint die mobile Wunderwelt zum Greifen nahe

Neue Geräte, neue Dienste, neue Mitspieler: Wie die weltweite Mobilfunkindustrie trotz angespannter Wirtschaftslage weiter ­wachsen wird und mit welchen Diensten sie unser ­Leben weiter verändert.

„Wir sind das Ölgeschäft des 21. Jahrhunderts. Beruhigend ist, dass uns das Öl sicher nie ausgehen wird, denn das menschliche Bedürfnis nach Kommunikation wird nie versiegen.“ Das sagte der Vorsitzende des weltweiten Industrieverbands der Mobilfunker (GSM Association) Alexander Izosimov diese Woche in Barcelona, wo sich die ­Branche jährlich zu ihrer wichtigsten Leistungsschau trifft.

Die Krise ist angekommen
Das Selbstverständnis dieser jungen Industrie ist ­offensichtlich nicht so leicht zu erschüttern – zumindest im globalen Kontext. Selbst wenn die Kunden in den saturierten Märkten den Kauf ihres neuen Handys erst einmal verschieben oder ein billigeres nehmen, warten in Schwellenländern noch immer zig Millionen Kunden auf ihren ersten Anschluss. Dennoch: „Die Krise ist angekommen“, konstatiert Analyst Roman Friedrich von Booz Allen. Und er meint damit vor allem die Restrukturierungs- und Sparprogramme, die Lieferanten bereits angeworfen haben. In einer Branche, die vor allem von den Skaleneffekten lebt, werden einige nicht überleben. Den kanadischen Netzwerkausrüster Nortel hat es schon erwischt, Motorola könnte ebenfalls die Segel streichen. Die Gerüchteküche kochte hoch in Barcelona. Die Stimmung war zwiespältig wie das Wetter, noch ­bewölkt, aber kein Gewitter. Bei einer Umfrage von Arthur D. Little unter westeuropäischen Telekomfirmen gaben 75 Prozent der Mobilfunker an, gute Rezepte gegen die Krise zu haben.

Wachstumsmotor identifiziert
Denn allen Schreckensmeldungen zum Trotz könnte ausgerechnet das Krisenjahr einige Innovationen vorantreiben, von denen die Hersteller zwar seit Jahren reden, die aber noch nicht den Massenmarkt erreicht haben. Denn der Motor für weiteres Wachstum ist identifiziert. Endlich scheint das mobile Internet – gemeint sind hier nicht die Datenkarten – am Handy zum Greifen nah (siehe Grafik ). Wie das mit dem Greifen auf der Anwenderseite funktioniert, musste den etablierten Herstellern wie Nokia und Co ausgerechnet ein Branchenfremder vormachen, Apple eben. Obwohl der kali­fornische Computer- und Entertainmentkonzern dem Handy-Gipfel konsequent fernbleibt, fällt in jedem zweiten Gespräch ein Stichwort zum Kult-Telefon, und bei den Ständen der Inhalte-Anbieter ist er omnipräsent.

Mobilisierung dank Apple und Google
Apple hat mit seiner intuitiven Bedienung auf Fingertipp, den so­genannten Touchscreens, die Messlatte für die anderen Hersteller gelegt und lässt die Mobilfunker frohlocken. Mit diesem Telefon steigt die Nutzung der Datendienste sprunghaft an, ja sie verdoppelt und verdreifacht sich sogar. Wer iPhone-Nutzer in freier Wildbahn beobachtet, kann die Messungen der Netzbetreiber nachvollziehen. Natürlich gibt es die betreibereigenen ­Internet-Angebote wie Planet3, Vodafone Live oder die T-Mobile T-Zones schon lange, doch die Nutzung war auf ­herkömmlichen Smartphones in der ­Regel eine elendige Frickelei, die sich hauptsächlich verspielte Teenager für ihre Klingel­tondownloads antun wollten. Und ein ganz ähnliches Verhalten legen Nutzer des neuen Google-Handys an den Tag, das sich seit seinem Marktstart vor zwei Wochen auch hierzulande ausgezeichnet verkauft.

Geräte machen Lust auf Internet  
In entwickelten Märkten stellen diese Telefon-Computer-Kombinationen bereits 50 Prozent der jährlichen Neuverkäufe (siehe auch Grafik ). Und dar­auf werden Tausende verschiedene Dienste angeboten, die sich je nach Nutzergruppe unterscheiden. Es gibt keine „Killerapplikation“ mehr, wie einst die Sprachtele­fonie oder SMS, „und es wird auch kein Wachstumsmarkt sein, der jetzt gigantisch wächst, aber das mobile Internet eröffnet unterschiedlichste neue Erlösquellen“, sagt Booz-Mann Friedrich. Mit dem Zusammenwachsen von Web und Handy werden auch Geschäfts- und Entwicklungsmodelle aus der Computerbranche auf den Mobilfunk übertragen. Open Source und offene Entwicklergemeinschaften sind die Losung der Stunde. Apple und Google lassen die Dienste für ihre Handys in der freien Entwickler-Community entstehen und beteiligen die dann an ihren Umsätzen. Was beim Kunden ankommt, entscheidet der Kunde. „Gute Produkte finden ihren Weg“, ­meinte Google-Chef Robert Hamilton in Barcelona, „und da haben die User oft das bessere Feeling als hochbezahlte Manager“.

Permanente Erreichbarkeit
Tausende Entwickler in Firmen arbei­ten an der schönen neuen Handywelt, die gleichwohl nützliche wie absurde Seiten zeigt – und reicht von Videokonferenz­lösungen am BlackBerry bis hin zu Suchfunktionen, um die Social-Networks-Friends zu finden, oder Spaß-Funktionen. Die viel zitierte „Always on“-Gesellschaft kommt vom PC auf das Handy, und das hat auch seinen Preis… Jeder soll rund um die Uhr erreichbar sein, bereit für neue spontane Aktivitäten oder um im Büro noch rasch Input zu geben. Da wird während eines Essens schnell im Internet recherchiert, in der U-Bahn der Status fürs „Facebook“ aktualisiert. Wolfgang Langenbucher, emeritierter Professor für Kommunikationswissenschaft, meint: „Das Kommunikationsverhalten wird sich gewaltig verändern.“ Mit gravierenden Auswirkungen auch für die klassi­schen Medien: „Gedruckte Medien ­werden nur noch eine ergänzende Funktion haben“, meint Langenbucher. Denn dass man lange Artikel am Handy liest, sei nicht vorstellbar.

Therapiegruppen für Dauermobile
Wie soll man mit dieser dauernden ­Verfügbarkeit umgehen? „Es ist auch hier so wie beim Essen: Zu viel des Guten verschafft Übelkeit und Lust auf Diäten“, meint der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann (siehe Interview ). Er plädiert daher für einen dosierten, gelassenen Umgang mit diesen Kommunikationsmedien. Vor allem Jugendliche tendieren dazu, die technischen Möglichkeiten zu intensiv zu nutzen. Manche kippen sogar in eine Art Abhängigkeit von diesen Medien. In Spanien wurden bereits mehrere Teenager wegen Handysucht in der Kinderpsychia­trie behandelt. In China soll es bereits eigene Therapiegruppen für Dauermobilfunker geben. Typische Handy-Junkies sind rund um die Uhr erreichbar, schlafen neben ihrem Handy, unterbrechen Diskussionen mit ihrem Gegenüber sofort für Ferngespräche und SMS, glauben immer wieder, den Klingelton zu vernehmen und bekommen Nervenzusammenbrüche, wenn der Akku leer und kein Ladegerät in Sicht ist.

Wohlüberlegte Kontrolle
Dass bei all den Gesprächen auch digitale Spuren hinterlassen werden, vergessen viele. Im Telekom-Gesetz ist geregelt, welche Ortungsdienste der Netzbetreiber ausführen „darf“ (ohne Zustimmung des Benutzers nur betrieblich notwendige) und wem er Einsicht in die Daten geben darf (etwa bei Unfällen oder bei Not­fällen). Die sogenannten „location based services“ sind daher auch nur bei Zustimmung der Benutzer möglich. „Man soll sich überlegen, von wem man sich kontrollieren lässt“, rät Österreichs oberster Datenschützer Hans Zeger. Sonst kann es passieren, dass die Liebste per Handydaten überwacht, ob man abends wirklich so lange im Büro sitzt wie behauptet oder welche Wege man nimmt.

Von Rainer Grünwald, Miriam Koch und Barbara Mayerl

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