Wirtschaftsaufschwung: Der Fallschirm hat sich geöffnet, der Landungsort ist ungewiss

Um die Erholung zu sichern, sollten Manager nach Kostenreduktion und Liquiditätssicherung jetzt auch wieder auf offensivere Strategien setzen.

„Falls fallend du vom Dach verschwandest, so brems, bevor du unten landest“, wusste weiland schon der deutsche Humorist Heinz Erhardt unglücklich Stürzenden zu raten. Der freie Fall der Weltwirtschaft wurde jedenfalls im Vorjahr durch einen enormen monetären Bremsfallschirm zumindest vorläufig gestoppt. Das Bild vom Fallschirm kommt auch Robert Kremlicka, Österreich-Geschäftsführer des globalen Consultingunternehmens A. T. Kearney, angesichts der Wirtschaftslage in den Sinn. „Der Fallschirm hat sich geöffnet“, konstatiert der Unternehmensberater, „die Frage ist nur, wo werden wir landen?“ Um dem auf die Spur zu kommen, stellten A. T. Kearney und das Institut für Unternehmensführung der WU Wien die jüngste Erhebung ihres im Jahresrhythmus ab­gefragten Top-Manager-Index (TMI), der auf einer Befragung der 500 größten heimischen Unternehmen beruht, ganz auf die Maßnahmen zur Krisenbewältigung und den Ausblick auf 2010 ab.

Tief unter Wasser
Von einer nachhaltigen Trendwende kann demnach noch nicht die Rede sein. Bezogen auf das ­Basisjahr 2008, erwarten immer noch über 60 Prozent der Unternehmen für heuer eine schlechtere Gesamtperformance. A.-T.-Kearney-Prinzipal Kurt Oswald: „Im Vergleich zu 2009, als 90 Prozent eine negative Performance sahen, ist das zwar ein positiver Trend, aber noch lange keine Genesung.“ Ganz dieser Meinung ist auch Kremlicka: „Das Ende der Rezession auszurufen ist purer statistischer Zynismus. Wenn jemand vom Grund des Schwimmbeckens einen halben Meter auftaucht, ist er immer noch tief unter Wasser.“ Als überwunden würde er den Rückschlag erst dann betrachten, wenn wieder das Ausgangsniveau vor der Krise erreicht ist – bezogen auf die Industrie sollte das seiner Rechnung nach etwa 2013 der Fall sein, im Hinblick auf die derangierten Staatshaushalte sogar erst um 2025. Das birgt mehr Brisanz, als es auf den ersten Blick scheint: 2009 haben die Unternehmen nämlich hauptsächlich mit kurz­fristigen Notmaßnahmen auf den Einbruch reagiert. Dabei wurden vor allem variable Kosten reduziert, etwa durch die Rücknahme der Produktion, und die Liquidität gestärkt. Kurzfristige Krisenstrategien und nachhaltige Markt­einbrüche sind jedoch aus Kremlickas Sicht ein äußerst gefährliches Gemisch.

Nur mehr Luft bis 2011?
Der Experte warnt davor, dass unter diesen Rahmenbedingungen vielen heimischen Unternehmen bis 2011 bereits die Luft ausgehen könnte. „Dabei sind Österreichs Unternehmen zum Glück sogar kerngesund in die Krise hineingegangen, etwa mit einer Eigenkapitalquote von 34,5 Prozent in der Industrie“, so der Berater. Doch selbst wenn die variablen Kosten entsprechend reduziert würden, so seine Rechnung, kos­tet eine um 20 Prozent reduzierte Aus­lastung sechs Prozentpunkte an Umsatzrendite. „Das würde bedeuten, dass die Hälfte der Unternehmen gerade einmal um die Nulllinie oder mit Verlusten bilanzieren würden“, unterstreicht Kremlicka den Ernst der Lage. Noch wesentlich dramatischer fallen die Gewinneinbrüche bei exportorientierten Unternehmen aus. Exporte in den Dollarraum, also vorwiegend nach Amerika und Asien, haben sich wegen der Abschwächung der US-Währung gegen­über dem Euro in den letzten zwei Jahren um 15 Prozent verteuert. Da die Exporteure dies angesichts der Marktlage keinesfalls durch Preiserhöhungen wettmachen können, schlägt dieser Währungseffekt bei ­ihnen voll auf die Ergebnisse durch.

Industrie zittert, Handel verbessert
Die starke Fokussierung auf Exportmärkte, die im letzten Jahrzehnt regelmäßig zu zweistelligen Zuwachsraten bei den Ausfuhren und zu Rekordserien bei den Unternehmensgewinnen in der österreichischen Industrie geführt hat, wird somit nun zusehends zum Ballast. Das zeigt auch eine branchenspezifische Auswertung der Erwartungen für 2010. Demnach präsentiert sich der Handel insgesamt in der besten Verfassung: Jeweils mehr als die Hälfte der Handelsunternehmen werden im Hinblick auf Umsatz, Arbeitsplätze, Ergebnis und Investitionen zumindest das Niveau von 2008 wieder erreichen. In der Industrie werden dagegen etwa zwei Drittel bei Umsatz, Gewinn und Investitionen schlechter abschneiden als 2008. Während auch die Finanzbranche relativ optimistisch ins neue Jahr geht, sind Österreichs Dienstleister deutlich stärker unter Druck als in vorangegangenen Krisen. A. T. Kearney führt das auf den hohen Logistikanteil im heimischen Dienstleistungssektor zurück, der ebenfalls unter dem Einbruch des inter­nationalen Handels zu leiden hat.

Zeit für strategische Maßnahmen
Für Berater Kremlicka ist 2010 auf jeden Fall das Jahr der Wahrheit im Hinblick auf die strategischen Weichenstellungen im Management: „Wenn die Strategie nur für den Fall einer raschen, nachhaltigen Erholung passend ist, dann muss sie jetzt infrage gestellt werden.“ Bis jetzt, das stellt auch Gerhard Speckbacher vom WU-Institut für Unternehmenführung als ein Fazit der Untersuchung fest, „waren österreichische Unternehmen bei strategischen und umsatzerhöhenden Maßnahmen zum Management der Krise noch zurückhaltend“. Kremlicka mahnt Offensivstrategien gerade in jenen Sektoren ein, die auch heuer noch nicht die Umsätze des Jahres 2008 erreichen: „Gute Unternehmen setzen bereits verstärkt auf Maß­nahmen wie Anpassung des Produktport­folios, strategische Partnerschaften sowie den Check der Wertschöpfungskette und des Geschäftsmodells.“

Unterstützung durch die Politik
Für ­diese schwierigen Aufgaben fordern Österreichs Manager aber auch mehr Unterstützung seitens der Politik ein. Da Kurzarbeit demnächst in vielen Betrieben ausläuft, ist dieses Bedürfnis im Personalbereich besonders ausgeprägt. Kremlicka dazu: „Unternehmen, die zu Fixkostenreduktionen gezwungen sind, ihren Mitarbeiterstand aber halten wollen, brauchen flexiblere Modelle.“ Am ausgeprägtesten ist das Ansinnen, Personalkapazitäten zu flexibilisieren, mit 93 Prozent in der Industrie. Dort gibt es einerseits die meisten Kurzarbeitsmodelle, andererseits aber auch den höchsten Anteil an Unternehmen, die den Beschäftigtenstand 2010 halten wollen.

Michael Schmid

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