"Wir brauchen jeden einzelnen Facharbeiter“

"Wir brauchen jeden einzelnen Facharbeiter“

FORMAT: Andere Länder beneiden uns um unsere geringen Jugendarbeitslosigkeitsraten. Wem haben Sie denn in letzter Zeit das österreichische System der Jugendausbildung erklärt?

Reinhold Mitterlehner: Schon vor einem Jahr haben wir den Griechen die duale Ausbildung erklärt, mittlerweile haben wir viele Anfragen, unter anderem aus Spanien. Neulich war am Rande der Kaukasus- und Zentralasienkonferenz unser System Thema. Auch EU-Kommissar László Andor hat es als sehr effizientes Modell zur Krisenbewältigung gelobt.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte des Systems?

Mitterlehner: Das Besondere ist, dass Praxis und Schule miteinander verbunden werden und dass dadurch eine Bindung an die Marktentwicklung gegeben ist. Ein Betrieb nimmt einen Lehrling dann, wenn er glaubt, dass er ihn möglicherweise als Facharbeiter später braucht. Und internationale Bewerbe wie die EuroSkills, also die europäischen Berufsmeisterschaften, bei denen unsere Lehrlinge heuer Europameister geworden sind, zeigen, wie gut die Ausbildung bei uns ist.

Wer hat die duale Ausbildung eigentlich erfunden? Wir oder die Deutschen?

Mitterlehner: Das war eine Weiterentwicklung aus dem Gesellensystem im Mittelalter, wo die Weitergabe der Kenntnisse an den Jüngeren eine Art Standesaufgabe war. Nach dem Weltkrieg wurde es bei uns mit dem Schulsystem verbunden.

Einerseits werden händeringend Facharbeiter gesucht, andererseits haben Lehrlinge keinen besonderen Ruf. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Mitterlehner: Lehrlinge stehen in der Berufshierarchie relativ weit unten. Es lobt zwar jeder in den Reden die duale Ausbildung, aber für seine eigenen Kinder wird dann doch die HTL oder die Universität bevorzugt. Daher müssen wir das Image der Lehrlingsausbildung anheben. Dafür muss das System durchlässiger werden, also Möglichkeiten für verschiedene Berufe oder auch für eine universitäre Ausbildung im Anschluss bieten. Das passiert im Kleinen schon durch Initiativen wie "Lehre mit Matura“.

Unternehmer beklagen aber oft, dass Lehrlingskandidaten nicht einmal lesen und schreiben können.

Mitterlehner: Das ist ein Problem. Man kann zwar nicht alles auf die Schule abschieben, aber es wäre gut, hier im Schulbereich oder sogar noch früher anzusetzen und im Kindergarten Potenzialanalysen durchzuführen und die Fähigkeiten und Neigungen zu unterstützen. Bei den heutigen Lehrlingen versuchen wir die Probleme durch ein neues Coaching-Programm in den Griff zu bekommen. Manche Jugendliche haben Schwierigkeiten, einen strukturierten Tagesablauf einzuhalten, sich passend zu kleiden oder zu verstehen, was ihr Chef will. Denen stellen wir jetzt in einem ersten Schritt 80 Coaches zur Verfügung, weil wir angesichts der demografischen Entwicklung jeden einzelnen Facharbeiter brauchen.

Wie hoch ist denn die Ausfallsquote im Moment?

Mitterlehner: 15 Prozent von denen, die eine Lehre anfangen, bleiben nicht bis zur Lehrabschlussprüfung in der Ausbildung des erstgewählten Berufes. Das sind jährlich rund 22.000.

Die Gewerkschaft hat sich für eine regelmäßige Kontrolle der Ausbildnerbetriebe und eine Befristung der Lehrberechtigung ausgesprochen. Wie sehen Sie das?

Mitterlehner: Wir setzen lieber qualitativ an, indem wir den Unternehmen Leitlinien zur Ausbildung zur Verfügung stellen. Damit wollen wir das Niveau und die Vorbereitung der Lehrlinge für die Abschlussprüfung verbessern. Wenn ich nur befristete Ausbildungsmöglichkeiten schaffe, gibt es die Gefahr, dass sich die Firmen dann möglicherweise zurückziehen. Das wäre der falsche Ansatz.

Wie kann man das System der Lehre noch besser machen?

Mitterlehner: Wir müssen bei den Kindern ansetzen, um zu erkennen, für welche Bereiche jemand besondere Neigungen hat. Dann brauchen wir eine verbesserte Berufsinformation in der siebten bis neunten Schulstufe. In unseren Angeboten fördern wir auch Berufspraktika und Auslandsaufenthalte, um die Mobilität zu unterstützen.

Sie haben den Vorschlag von Express-Lehren für Maturanten als interessant bezeichnet. Wie könnten die Ihrer Meinung nach aussehen?

Mitterlehner: Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl hat vorgeschlagen, dass man mit einem Jahr Praxis als Maturant manche Lehren abschließen kann. Vor allem im kaufmännischen Bereich gibt es schon so etwas Ähnliches etwa für Absolventen von Handelsakademien. Wir sondieren, welche Bereiche zusätzlich für eine solche Lehre geeignet wären. Aber klar ist, dass das nicht der AHS-Maturant für den handwerklichen Bereich, also Tischler oder Kfz-Mechaniker, sein wird. Wie bei Priestern wird es auch bei Lehrlingen künftig mehr "Spätberufene“ geben. Hier arbeiten wir gerade an einem Projekt mit dem Sozialministerium.

Wie viel wird in Österreich jährlich in die Lehrlingsausbildung investiert?

Mitterlehner: Für betriebliche und außerbetriebliche Lehrausbildung und Förderungen geben wir über 300 Millionen Euro im Jahr aus. Die Berufsschulen sind bei diesem Betrag nicht dabei.

Wie wichtig sind Lehrwerkstätten und überbetriebliche Lehrangebote?

Mitterlehner: Sie sind eine Systemergänzung, vor allem in Zeiten der Krise. Über 90 Prozent der Lehrlinge werden aber in den Betrieben ausgebildet.

Können Sie sich einen "Blum-Bonus neu“, also einen Bonus für zusätzliche Lehrlinge, die ein Betrieb ausbildet, vorstellen?

Mitterlehner: Momentan nicht, denn die Rahmenbedingungen haben sich umgekehrt. Wir haben ja derzeit eher das Problem, dass die Betriebe nicht genügend oder nicht genügend qualifizierte Lehrlinge bekommen. Mittelfristig wird es wohl sogar darum gehen, dass man den Lehrlingen Incentives anbietet, um sie in einen Betrieb zu locken. Der kommende Lehrling wird das beste Angebot wählen können.

Welche Branchen haben schon jetzt Probleme, Lehrlinge zu finden?

Mitterlehner: Unternehmen im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich und im Tourismus. Aber aus verschiedenen Gründen, weil die Anforderungen an die Lehrlinge nicht erfüllt werden können oder weil die Mobilität fehlt.

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