Was seriöse Geschäftsleute von Mafia-Management-Methoden lernen können

Ein geläuterter Ex-Mafioso erklärt Managern, welche Werte und Führungsprinzipien der „ehrenwerten Gesellschaft“ auch für mehr Erfolg im legalen Geschäftsleben sorgen können.

Er war ein erfolgreicher, initiativer Jungunternehmer. Noch keine 20 Jahre alt, hatte er schon seine eigene Autowerkstatt eröffnet und damit eine ganze Menge Jobs geschaffen, die Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen Beschäftigung und ein geregeltes Einkommen sicherten. Einziger Schönheitsfehler in der Erfolgsstory des jungen Louis Ferrante, die sich Ende der 80er-Jahre im New Yorker Stadtteil Queens zutrug: In seiner Werkstatt wurden gestohlene Fahrzeuge aufgearbeitet und ausgeweidet. Schnell erschloss sich der smarte Junge weitere Geschäftsfelder, stahl mit seiner Gang ganze Lkw-Ladungen, verübte Raubüberfälle und expandierte als Kredithai sogar in die Finanzwirtschaft.

Ein solches Talent konnte nicht lange unbeachtet bleiben. Als Business Angels und Mentoren traten die Mitglieder der Mafia-Familie Gambino auf den Plan. Sie wachten über das Gedeihen der Geschäfte ihres Schützlings und förderten ihn darüber hinaus im Rahmen einer Art Entwicklungsprogramm für Nachwuchsführungskräfte: Die Familie übertrug ihm die Leitung einer Taskforce, die bei strategisch wichtigen Projekten zum Einsatz kam.

Krimineller Karrierist

„Ich erfüllte in der Mafia drei verschiedene Rollen“, beschreibt Ferrante rückblickend seine Karriere im kriminellen Konzern: „Für meine Leute war ich der Boss oder Vorstandsvorsitzende, für die Gambino-Familie zunächst ein Sgarrista oder Mitarbeiter, dann mittleres Management, nahm Anweisungen von Mafia-Bossen entgegen und reichte sie an Untergebene weiter.“ Diese vielfältige Erfahrung qualifiziere ihn dazu, Menschen auf jeder organisatorischen Hierarchieebene Empfehlungen zu geben, meint Ferrante heute.

Doch dazu später. Den aufstrebenden Jungmanager ereilte nämlich zunächst ein typisches Karrieristenschicksal: Sein Aufstieg wurde von einer Intrige gestoppt. In diesem Milieu beziehungsweise dieser Unternehmenskultur heißt das nichts anderes, als dass er verpfiffen wurde. Der Verräter kam aus den Reihen der Familie – und sofort in ein Zeugenschutzprogramm. Diese Option boten die Ermittler auch Ferrante. Doch der hatte das Unternehmensleitbild mit seinem zentralen Wert der „Omertà“, der absoluten Verschwiegenheit, total verinnerlicht – und wurde zu einer langjähriger Haftstrafe verurteilt.

Ein Karriereknick, der zum Wendepunkt wurde: Im Knast begannt Ferrante zu lesen – nicht Krimis, sondern Klassiker der Weltliteratur und der Strategie von Cäsars „Gallischem Krieg“ bis Machiavellis „Il Principe“. Fast neun Jahre „Klausur“ gaben nicht nur Gelegenheit zu profunder Bildung und tiefgreifender moralischer Läuterung, er entdeckte zudem seine Berufung als Autor – und landete nach der Haftentlassung mit seiner Biografie „Unlocked“ einen Bestseller.

Erfolg mit Mafia-Management

In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Von der Mafia lernen“ verrät Ferrante nun, welche Erfolgsrezepte und Prinzipien sich aus seiner Mafia-Karriere ins legale Geschäftsleben übertragen lassen. Das sind, wie zu erwarten, nicht die bekannt brachialen Methoden des Umgangs mit unbotmäßigen Geschäftspartnern und unliebsamen Konkurrenten, sondern vielmehr bestimmte Einstellungen und Haltungen, mit denen man, so Ferrante, langfristig erfolgreich wird – oder zumindest überlebt.

Wer es innerhalb der Mafia zu etwas bringt, so die These, die sich nicht nur auf sein eigenes Fallbeispiel stützt, der hat auch das Rüstzeug für eine Business-Karriere. „Ob in der Mafia oder in einem Unternehmen, überall ist die gleiche Cleverness nötig, um nach oben zu kommen“, sagt der Autor im FORMAT-Interview .

Patriarchalischer Führungsstil

Berechenbar und loyal sein, Hierarchie und Befehlskette respektieren, sich als kleiner Mitarbeiter nicht um die große Unternehmenspolitik kümmern, aber auch Verantwortung für seine Leute übernehmen, aufgeschlossen für neue Ideen sein, niemanden öffentlich bloßstellen – was Ferrante, gespickt mit historischen Beispielen und Anekdoten aus der Geschichte diverser Mafia-Familien in nicht weniger als 88 sehr stark situationsbezogenen Lektionen empfiehlt, sind nicht unbedingt Karriererezepte für smarte, stromlinienförmige Überflieger, die ohne große Identifikation mit ihrem Arbeitgeber in multinationalen Konzernen ihr höchstpersönliches Karrieresüppchen kochen.

Viel eher macht ein engagierter Aufsteiger damit wohl bei Chefs eigentümergeführter, patriarchalisch geprägter Familienunternehmen Eindruck. Und als patriarchalisch geführtes Familienunternehmen kann man einen Mafia-Clan ja wohl bezeichnen.

Vertrauen und Verlässlichkeit dürften interessanterweise gerade in klandestinen Organisationen die mit Abstand wertvollste Währung sein. Das findet nicht nur Louis Ferrante. Auch ein anderer Ex-Insider einer Geheimorganisation, der ebenfalls unter die Management-Ratgeber gegangen ist, verbreitet diese Botschaft. Leo Martin war zehn Jahre lang bei einem deutschen Nachrichtendienst für das Anwerben und Führen von Informanten, auch als V-Männer bekannt, verantwortlich. Unter dem programmatischen Titel „ Ich krieg dich! “ verrät er, wie man systematisch und gezielt Kontakte herstellt und festigt sowie sukzessive für jenes Vertrauensverhältnis und jene Loyalität sorgt, die in diesem Umfeld im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden können.

Ehrenkodex und Durchsetzungskraft

Eine solche Art von Ehrenkodex vermisste Ferrante bei seinem Neustart in der Welt der gesetzestreuen Bürger durchaus schmerzhaft. Gefinkelte Vermieter, verschlagene Hypothekenberater und gerissene Verkäufer versuchten ihn laufend über den Tisch zu ziehen. „Als Mafioso war ich gefürchtet, folglich machten die Geier einen Bogen um mich. Als gesetzestreuer Bürger wurde ich zur leichten Beute, jeder versuchte mich abzuzocken und zu bescheißen“, erinnert er sich.

Erst als er beschloss, die „zivilen Aspekte“ des in der Mafia Gelernten anzuwenden, stellte er fest, dass er durch eine gute Schule des Erfolgs gegangen war: „Mafiosi, denen der Wechsel in die gesetzmäßige Welt gelungen ist, haben das geschafft, indem sie ihre aggressive Natur bewahrt haben, diese aber in Zaum halten, um andere Menschen nicht gänzlich davon abzuschrecken, mit ihnen Geschäfte zu machen.“ Nicht umsonst trägt das Kapitel zur Mitarbeitermotivation den Titel „Wie Sie Ihr Ziel erreichen, ohne die Knarre zu ziehen“, und eine der zentralen Lektionen für angehende Capos lautet: „Lassen Sie niemals zu, dass Ihnen irgendjemand das Fell über die Ohren zieht.“

Kündigung überlebt

Ferrante selbst ist jedenfalls ein stimmiges Fallbeispiel dafür, dass seine Erfolgstipps funktionieren. Der erfolgreiche Autor ist mittlerweile aufs Land gezogen, kassiert pro Auftritt als Speaker bei Firmenevents sowie Seminaren 5.000 Dollar und bereitet eine TV-Karriere vor.

Möglich war das nur, weil ihm die Mafia seine „Kündigung“ nicht übel nahm. Er führt das darauf zurück, dass er sich – so wie er es heute anderen empfiehlt – immer loyal und integer verhalten hatte und niemandem Geld schuldete. Und das hilft offenbar sogar in einer Organisation, die in ihrer Personalpolitik die zweite Komponente von „hire and fire“ manchmal ziemlich wörtlich nimmt.

– Michael Schmid

Zur Person: Louis Ferrante, 42, war in seiner Jugend Gang-Leader in Queens / New York und Mitglied einer Mafia-Familie. Nach einer Verurteilung saß er neun Jahre in Haft, wo er sich durch intensive Lektüre Bildung aneignete und sich von Kriminalität distanzierte. Seinem biografischen Bestseller „Unlocked“ folgt nun sein zweites Buch, „Von der Mafia lernen“.

Louis Ferrante: Von der Mafia lernen
Die Management-Geheimnisse der ehrenwerten Gesellschaft
Redline Verlag, München, 2011
272 Seiten; 19,99 Euro

Leo Martin: Ich krieg dich!
Menschen für sich gewinnen – Ein Ex-Agent verrät die besten Strategien Ariston Verlag, München, 2011 256 Seiten; 15,50 Euro
Das Thema dieses Buches ist Kommunikation. Und die Schlüsselkompetenz, um die es dabei geht, heißt Vertrauen aufbauen. Nur dadurch, nicht etwa durch simple Manipulation oder durch materielle Anreize, bringt man andere Menschen nachhaltig dazu, zu kooperieren und Wissen preiszugeben. Der studierte Kriminalwissenschaftler und frühere Nachrichtendienst-Mitarbeiter Leo Martin beschreibt die dafür erforderlichen Schritte und Prinzipien anhand eines spannenden Fallbeispiels.

Sparen ist out, Geld ausgeben ist angesagt. Wer schlau ist, investiert auch in die eigene Karriere.
 

Karriere

Investieren statt sparen: 5 Tipps, die persönliche Rendite bringen

Die Angebote für Mietbüros, die alle Stückeln spielen, werden immer größer. Eine FORMAT-Übersicht: Was sie können, was sie kosten, wo sie zu finden sind.
 

Erfolg

"Co-Worken" ist in – Eine Übersicht über die besten Mietbüros

 

Erfolg

Co-Working-Spaces – alle Details