Viswanathan Anand: "Die Weltwirtschaft ist schachmatt. Jetzt beginnt ein neues Spiel."

Der „Tiger von Madras“, Schachweltmeister Viswanathan Anand, über Parallelen zwischen Management und Schach, Karriereplanung und Krisenbewältigung.

FORMAT: Steht die Weltwirtschaft aus Ihrer Sicht derzeit unter Schach, oder ist sie bereits schachmatt?
Viswanathan Anand: Schachmatt. Jetzt beginnt ein neues Spiel.
FORMAT: Haben Sie für Manager, denen in dieser Situation nun seit geraumer Zeit ein sehr rauer Wind um die Ohren weht, ein paar Tipps parat?
Anand: Wenn man daran Spaß hat, was man macht, dann fühlt es sich nicht wie Arbeit an. Das gilt auch in Phasen, in denen es schlecht läuft. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels. Das ist im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld das Wichtigste, das sich Manager vor Augen halten sollen.
FORMAT: Haben sich die Firmenlenker zu sehr in Sicherheit gewiegt, nachdem die Wirtschaft jahrelang boomte und neue Lösungen scheinbar nicht wichtig waren?
Anand: Es ist wie beim Schach. Wenn während des Spiels keine Probleme auftauchen, sinkt die Aufmerksamkeit, weil die Herausforderung zu gering ist. Schwache Schachspieler erkennt man daran, dass sie sich sehr stark an Theorien halten, die lange gut funktionierten. Das ist ein Muster, das leider auch in der Wirtschaft häufig zu be­obachten ist.

"Arbeite immer hart an neuen Konzepten"
FORMAT: Sie müssen als Schachweltmeis­ter eine Menge Strategien in der Schublade haben. Sind nun in der Wirtschaft neue Konzepte nötig?
Anand: Egal ob im Schach oder in der Geschäftswelt, wer wirklich gut sein möchte, muss immer neue Strategien entwickeln, um den Gegner und den Mitbewerb zu überraschen. Das gilt besonders, wenn man in eine Sackgasse gerät. Ich arbeite immer hart an neuen Konzepten. In Trainingsphasen kostet das oft zehn Stunden oder mehr täglich. Nur wer ängstlich ist, hält sehr lange an alten Theorien fest.
FORMAT: Sollen Manager deswegen gleich alle bewährten Rezepte über Bord werfen?
Anand: Nein. Ich hatte bereits zwischen 1991 bis 2001 einen festen Platz unter den besten Schachspielern der Welt. Dann kam eine achtmonatige Krise. Ich lernte, dass sich nicht alle Fähigkeiten wegen eines Rückschlags in Luft auflösen. Das trifft auch auf erstklassige Unternehmen zu, deren Stärken unter der Wirtschaftskrise leiden.

"Pausen öffnen Chancen"
FORMAT: Die Karriere vieler Manager weist wegen der Wirtschaftskrise einen Knick auf. Wie gehen Sie persönlich mit Niederlagen um?
Anand: Erfolg und Versagen sind Teile eines ganz normalen Zyklus. Wenn ich schlechte Ergebnisse erziele, nehme ich eine Auszeit und spiele ein oder zwei Wochen nicht Schach. Das wirkt Wunder, wenn man den Kopf frei kriegen will. Nach Niederlagen muss man emotionale Distanz aufbauen. Der Schmerz des Verlierens verblasst, die Pause öffnet die Chance, an etwas Neuem zu arbeiten.
FORMAT: Bedeutet das, dass Manager einfach nicht mehr ins Büro kommen sollen, wenn es nicht rund läuft? Glauben Sie wirklich, dass Konzernchefs die Möglichkeit haben, eine Karrierepause einzulegen?
Anand: Viele Unternehmen müssten jetzt eigentlich glücklich sein, wenn ihre Manager einen Monat nicht ins Büro kommen. Das würde auch den Betroffenen ganz gelegen kommen, weil die Angst vor dem Jobverlust grassiert, die teils übertrieben ist. Während der Auszeit können Strategien überdacht und hinterfragt werden.

"Negative Gedanken verbannen"
FORMAT: Was hält Sie davon ab, bei Niederlagen die Flinte ins Korn zu werfen?
Anand: Wenn ich bei einem Schachturnier die ersten Runden über schlecht spiele, kann ich nicht einfach zusammenpacken und abreisen. Mir hilft es am meisten, negative Gedanken zu verbannen.
FORMAT: Was ist zu tun, um nicht mehrmals in dieselbe Falle zu tappen?
Anand: Im Schach gibt es keine neuen Fehler, man kann immer nur alte Fehler wiederholen. Das Problem ist, dass Fehler immer ihre Gestalt ändern. Schachspieler und Manager sind gut beraten, alte Fehlermuster zu erkennen und ihnen rechtzeitig zu begegnen.
FORMAT: Was können jene, die noch auf einer unteren Stufe der Karriereleiter stehen, daraus lernen?
Anand: Schachprofis behaupten nie, dass sie einzig wegen ihrer brillanten Züge gewinnen. Oft geht genau der Spieler als Sieger vom Brett, der weniger Fehler macht. Meist wird erst gegen Ende eines Spieles klar, dass ein Bauer, der vorher geopfert wurde, dringend nötig wäre. Die Lehre dar­aus: Auch aufstrebende Talente müssen mehrere Züge im Voraus planen.
FORMAT: Wann haben Sie begonnen, Schach zu spielen? Ab wann wurde Ihnen klar, dass Sie Profi werden wollten?
Anand: Als ich sechs Jahre alt war, brachte mir meine Mutter das Schachspielen bei. Obwohl ich später Wirtschaft studierte, blieb ich beim Schach, weil ich nur zu 95 Prozent davon überzeugt war, mit einer Karriere in der Geschäftswelt Erfolg zu ­haben.

"Das tun, woran das Herz hängt"
FORMAT: Was sollten jene, die eine Managementfunktion anstreben, beachten?
Anand: Als ich mich in der Schachweltrangliste bis auf Rang fünf nach oben gearbeitet hatte, war mein weiterer Lebensweg vorgezeichnet. Ich wusste, dass ich einen sehr guten Grund gebraucht hätte, um mich nicht voll und ganz dem Spiel der Könige zu widmen. Ich kann auch dem aufstrebenden Wirtschaftsnachwuchs nur empfehlen, ausschließlich das zu tun, woran das Herz hängt.
FORMAT: Und was raten Sie etablierten Managern, um mit den Wirtschaftsturbulenzen zurechtzukommen?
Anand: Beim Schach ist es wie in der Geschäftswelt oft fast unmenschlich schwer, die Nerven zu behalten. Besonders Perfektionisten haben Probleme, Niederlagen einzustecken. Aber es sind nicht die Perfektionisten, die die Marktanteile steigern, sondern jene, die zur richtigen Zeit die richtige Leistung anbieten.
FORMAT: Wie wichtig ist Erfahrung für die Karriere jedes Einzelnen und für den Erfolg von Unternehmen?
Anand: Mir kommt beim Schach all die Arbeit, die ich über die Jahre hinweg in­vestiert habe, zugute. Dieser Erfahrungsschatz ist die Basis für weitere Erfolge.

"Direktes Mitarbeiter-Feedback zulassen"
FORMAT: Teamwork ist ein wirksamer Erfolgsfaktor in gut geführten Unternehmen. Sehen Sie Parallelen zum Schach?
Anand: Gnadenlose Objektivität steht an erster Stelle. Ich beschäftige in Turnierphasen vier Trainer, die auch dafür sorgen, dass die Informationsflut beherrschbar bleibt. Der große Vorteil eines Teams ist, dass jedes Teammitglied Dinge wahrnimmt, die man selbst übersieht. Das hilft bei der Selbsteinschätzung. Die Trainer haben auch die Aufgabe, mir zu sagen, was ich falsch mache. Ich rate jedem Manager, direktes Feedback von Mitarbeitern zuzulassen.
FORMAT: Im Frühjahr 2010 finden die nächsten Schachweltmeisterschaften statt. Was ist Ihr Ziel? Werden Sie wieder Weltmeister?
Anand: Ja.

Interview: Carolina Burger, Robert Winter

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