Strategen im Nebel: Trotz unklarer Lage Weichenstellungen für 2010 erforderlich

Ob die Talsohle tatsächlich durchschritten ist, weiß niemand. Rückkehr zum Business as usual gibt es aber keinesfalls. 2010 wird daher zum Jahr der strategischen Weichenstellungen und strukturellen Anpassungen.

„Wir ziehen unsere beiden großen Osteuropa-Investitionsprojekte – eine Papiermaschine für Altpapier in Polen sowie die langfristige Pacht von 2,5 Millionen Hektar Wald in Russland zur Zellstoff- und Papierproduktion – weiter durch“, hielt Peter J. Oswald, Vorstandschef des Verpackungsspezialisten Mondi, vor wenigen Tagen auf einer vom Beratungsunternehmen Accenture veranstalteten Podiumsdiskussion unmissverständlich fest. Selbstverständlich ist das in diesen Zeiten nicht. Die brandaktuelle Umfrage eines anderen Beraters, Roland Berger, zeigt nämlich, dass fast die Hälfte der befragten heimischen Großunternehmen Investitionen gestoppt haben. Weitere zehn Prozent haben das auch für die nächste Zukunft vor.

Erste Maßnahme: Ausgaben einfrieren
So legte die voestalpine beispielsweise ihre in Zeiten der Hochkonjunktur schon fast spruchreife Entscheidung für ein neues Stahlwerk in Südosteuropa mit Eintritt der Krise ziemlich schnell auf Eis. „Für Forschung und Entwicklung, IT und Mitarbeiterausbildung haben wir die Investitionen heuer jedoch nicht zurückgefahren, sondern sogar erhöht“, betont Vorstandsvorsitzender Wolfgang Eder, dass strategisch bedeutsame Bereiche nicht von Streichungen betroffen sind. Investitionen zurückstellen zählt zu jenen Maßnahmen, mit denen Unternehmen der seit gut einem Jahr virulenten Krise gegensteuern. Aus der Roland-Berger-Umfrage geht hervor, dass dabei bislang vor allem ausgabenwirksame Maßnahmen im Vordergrund standen, um zunächst einmal das Überleben zu sichern – Kostenreduktion, Budgetrevision, restriktives Cash-Management, Einstellungsstopps. Für Managing Partner Rupert Petry ist das zwar verständlich, er warnt aber davor, zu glauben, damit seien die Management-Hausaufgaben erledigt. „Bisher ging es um operative Themen, nun müssen Strukturmaßnahmen in den Mittelpunkt rücken. Denn jetzt ist auch klar, dass es sich nicht um eine Wachstumsdelle handelt, sondern um nachhaltige Veränderungen in vielen Branchen“, so der Berater.

Herbstliche Weichenstellungen
Gerade in der nun anstehenden heißen Planungs- und Budgetierungsphase für 2010 müsse dem Rechnung getragen werden, so Petry. Erschwert wird dieses Vorhaben allerdings dadurch, dass die Entscheidungsträger selbst zurzeit alles andere als klar durchblicken: 60 Prozent der Topmanager sehen die weitere Entwicklung noch völlig unklar. Knapp ein Viertel glaubt, die Talsohle erreicht zu haben, rund acht Prozent meinen, es werde noch schlimmer kommen, nur fünf Prozent sehen sich schon im Aufschwung (siehe Grafik ) ). Petry sowie seine Kollegen Hendrik Bremer und Julian Pötzl, Mitglieder der Geschäftsleitung im Wiener Roland-Berger-Büro, haben analysiert, an welchen erfolgskritischen Faktoren Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen jetzt ihre strategischen Weichenstellungen ausrichten sollten, um für nachhaltig veränderte Rahmenbedingungen gerüstet zu sein.

Damoklesschwert über der Autoindustrie
Beispiel Automobilzulieferer: Am Automarkt führen Abwrackprämien heuer zu einem Vorzieheffekt von 1,3 Millionen Fahrzeugkäufen in Europa, die allerdings bei den Verkaufszahlen 2010 fehlen werden. Daher werde die Talsohle bei den Autohändlern, so jedenfalls die aktuelle Global-Automotive-Supplier-Studie der Berater, erst nächstes Jahr erreicht, während die für die heimischen Zulieferer relevanten Produktionszahlen nach dem Tiefpunkt 2009 nächstes Jahr schon wieder ansteigen sollten – allerdings weit unter dem Wert von 2008 bleiben. „Wollen Zulieferer wieder ihr altes Ertragsniveau erreichen, müssen sie ihre strukturellen Kosten um 20 bis 25 Prozent zurückfahren“, rechnet Petry trocken vor. Aus Sicht von Hendrik Bremer sollten Banken sich davor hüten, die recht ordentliche Ertragslage des ersten Halbjahrs 2009 in den Planzahlen fortzuschreiben: „2010 kommen die Margen wieder unter Druck, weil der Wettbewerb im Kreditbereich wieder anziehen wird. Außerdem wird der Großteil der krisenbedingten Kreditausfälle erst ab nächstem Jahr schlagend.“ Druck kommt auch von neuen Eigenkapitalvorschriften.

Leitbetriebe leiden lange
Auf den Tourismus wiederum sieht Julian Pötzl in der Wintersaison 2009/10 Rückgänge zukommen. „Anfang des vorigen Winters war die Krise noch nicht so spürbar. Außerdem hat Urlaubsabbau den Inlandstourismus begünstigt. Der heurige Winter wird daher im Vergleich zum Vorjahr sehr schwierig“, erklärt der Consulter. Er warnt Touristiker aber vor dem naheliegenden Schnellschuss, die Auslastung über Preissenkungen zu pushen: „Das würde die strategische Positionierung Österreichs als hochqualitative Destination unterminieren.“ Besonders betroffen von der Krise sind laut einer Studie des Industriewissenschaftlichen Instituts (IWI) die sogenannten „Leitbetriebe“, international orientierte heimische Großunternehmen mit hoher Wertschöpfung. „Es wird“, so Markus Beyrer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung und Auftraggeber der Studie, „Jahre dauern, wieder das Produktionsniveau vor der Krise zu erreichen.“ Umso dringender sieht Be­rater Petry die Firmenlenker hierzulande jetzt gefordert: „Im Vergleich zu Deutschland wird in Österreich bisher noch eher verhalten restrukturiert. Daran führt aber kein Weg vorbei.“

Von Michael Schmid

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