Sexuelle Belästigung ist Chefsache

Seit dem vom Magazin "stern“ zeitverzögert aufgedeckten Fehlverhalten des deutschen Politikers Rainer Brüderle wird nun erregt eine Debatte über Sexismus und sexuelle Belästigung geführt. Das zeigt die Relevanz und Sprengkraft des Themas mehr als deutlich.

Sexuelle Belästigung ist Chefsache

Dennoch dürften manche Manager von der Intensität und Lautstärke, mit der viele Frauen speziell auf Twitter den Aspekt sexueller Belästigung am Arbeitsplatz thematisierten, überrascht sein. Sie hätten wohl eher die explosionsartig ansteigenden Burnout-Fälle durch Stress und Arbeitsdruck oder Mobbing für vordringlichere Personalthemen gehalten. Mit dem Tatbestand sexuelle Belästigung wurde die Gleichbehandlungskommission 2010 und 2011 österreichweit gerade einmal in 44 Fällen konfrontiert. Laut einer in der Sozialpartner-Publikation "Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz“ veröffentlichten Erhebung sind in den EU-Ländern acht Prozent aller Beschäftigten von Mobbing und Einschüchterung betroffen, zwei Prozent von sexueller Belästigung. Die Dunkelziffer, so wird dort eingeräumt, liege vermutlich aber wesentlich höher.

Falls Sexismus im Betrieb tatsächlich weitgehend ein massives Problem darstellt, wäre das ein äußerst brisanter Befund. Einer der entscheidendsten Erfolgsfaktoren für die Personalstrategie von Unternehmen wird in den nächsten Jahren nämlich darin liegen, sich gerade bei qualifizierten Frauen erfolgreich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren.

Gefragte Frauen

Der Hintergrund dafür ist klar: Fachkräftemangel ist ein heute schon virulentes Problem, das sich durch die demografische Entwicklung weiter verstärken wird. Am gravierendsten ist der personelle Engpass bei technischen Fachkräften spürbar - und weil Frauen in diesem Bereich noch unterrepräsentiert sind, gelten sie dort als besondere Hoffnungsträger. So werden junge Frauen gezielt ermutigt, verstärkt die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu studieren. Junge Mitarbeiterinnen beim ohnehin nicht ganz einfachen Berufseinstieg in männerdominierten Bereichen dann aber mit einer sexistisch geprägten und diskriminierenden Unternehmenskultur abzuschrecken wäre in höchstem Maße kontraproduktiv.

Umso eher sollten Führungskräfte sich des Themas annehmen. "Sexismus und klassische Rollenbilder sind gerade in der österreichischen Kultur tief verwurzelt“, befindet etwa IBM-Österreich-Chefin Tatjana Oppitz. Allerdings bietet hierzulande gerade das Arbeitsrecht engagierten Führungskräften durchaus eine Handhabe, wenn es darum geht, diese Kultur zum Besseren zu wenden.

Arbeitsrechtliche Folgen. "Im Arbeitsrecht ist sexuelle Belästigung anders und weiter definiert als im Strafrecht“, erklärt Stefan Köck, Arbeitsrechtsexperte der internationalen Anwaltssozietät Freshfields. Strafrechtlich erfordert die Erfüllung des Tatbestands die Belästigung durch eine "geschlechtliche Handlung“. Im Arbeitsrecht ist die sexuelle Belästigung schon durch ein "der sexuellen Sphäre zugehöriges Verhalten“ gegeben, das die Würde einer Person beeinträchtigt und für die betroffene Person unerwünscht ist. Darunter können also schon anzügliche oder zweideutige Äußerungen fallen, ebenso das Versenden von Mails, SMS oder das Aufhängen von Bildern mit sexuellem Inhalt am Arbeitsplatz. Selbst "Anstarren“ und "Hinterherpfeifen“ werden in Ratgebern als Beispiele für sexuelle Belästigung durch Mimik und Gestik angeführt.

"Die Summe von Alltagssexismen kann somit am Arbeitsplatz tatsächlich schnell zur sexuellen Belästigung werden. Als Arbeitgeber muss man da-für sensibel sein und das abstellen“, warnt Arbeitsrechtler Köck. Stellt ein Belästiger, der auf sein unerwünschtes Verhalten aufmerksam gemacht wird, dieses nicht unverzüglich ein, haben Betroffene nämlich Anspruch auf Schutz durch den Arbeitgeber. "In diesem Fall kommt es für einen Arbeitgeber darauf an, schnell zu handeln und den Sachverhalt zu erheben“, rät Köck. Wer trotz Kenntnis von Problemen untätig bleibt, riskiert nicht nur Schadenersatz (siehe Kasten rechts), sondern auch den teuren Abgang von Fachkräften: Sexuelle Belästigung ist ein Austrittsgrund und berechtigt Arbeitnehmer zur fristlosen Beendigung des Dienstverhältnisses unter voller Wahrung aller Ansprüche auf Abfertigung und Kündigungsentschädigung.

Zügige Aufklärung ist auch im Hinblick auf Konsequenzen für Belästiger angebracht. "Eine Entlassung muss schnell ausgesprochen werden“, sagt Arbeitsrechtler Köck. Es gebe in Österreich zwar wenig Judikatur dazu, in wiederholten und schweren Fällen von Belästigung, so der Experte, sei eine Entlassung aber durchaus gerechtfertigt. Versetzung, Abmahnung oder Kündigung sind weitere mögliche Folgen für Belästiger.

Prävention durch Richtlinien

Vor allem in internationalen Konzernen versucht man, das Problem möglicher sexueller Belästigung präventiv durch Codes of Conduct und Verhaltensrichtlinien, zu deren Einhaltung sich alle Mitarbeiter verpflichten müssen, in den Griff zu bekommen. Meist geht es dabei nicht allein um die sexuelle Sphäre, sondern ganz allgemein um Gleichbehandlung und Diskriminierungsverbote. So soll die "Equal Opportunity Scorecard“ bei IBM die Gleichstellung von Frauen im Konzern messbar machen. Bei BMW wurde konzernweit die Möglichkeit geschaffen, Beschwerden über Belästigung und Diskriminierung in diversen Sprachen jederzeit telefonisch oder online anbringen zu können. "Codes sind in US-Unternehmen vor allem eine Reaktion auf die Angst vor Millionenklagen wegen Sexual Harrassment“, meint die als Top Executive Coach international tätige Managementexpertin und frühere Headhunterin Claudia Daeubner.

In Österreich hat sich die Universität Salzburg mit einer Initiative gegen sexuelle Belästigung hervorgetan und will in einer Informationsbroschüre Mitarbeiter und Studierende dafür sensibilisieren, dass es sexuelle Belästigung auch im universitären Umfeld gibt. Doch nicht nur an Ausbildungsstätten gehen sexuelle Belästigung und Übergriffe häufig mit einem Hierarchiegefälle einher. "Für Chefs müssen noch strengere Regeln gelten als für den einfachen Mitarbeiter“, gibt daher der Psychologe Barry Chersky als Leitlinie für Beziehungsanbahnung am Arbeitsplatz vor.

Nicht nur in dieser Hinsicht sind Führungskräfte gefordert: Eine Unternehmenskultur mit respektvollem Umgang und ohne Sexismus lässt sich in Unternehmen nur dann verwirklichen, wenn das Topmanagement konsequent hinter diesen Zielen steht. Manager müssen Vorbilder sein und die Bekämpfung von Belästigung zur Chefsache machen.

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