Kreditklemme und Konditionenverschärfung fordern Finanzsstrategen heraus

Banken und Kommerzkunden im Clinch. Angesichts enormer Herausforderungen für Finanzierungsstrategien startet das Controller-Institut eine Dialog-Offensive.

Kredite kosten doppelt so viel wie zuvor“, sagte KTM-Chef Stefan Pierer vor zwei Wochen im FORMAT-Interview über die Krisenfolgen. Seine Einschätzung mag stimmungsmäßig durchaus repräsentativ für Kreditnehmer sein, die jetzt von ihren Banken neue Finanzierungen brauchen. Falls sie auch tatsächlich mathematisch korrekt ist, konnte sich Pierer entweder in der Vergangenheit zu sensationell günstigen Konditionen finan­zieren – oder die Banken verrechnen ihm jetzt enorme Risikoaufschläge.

200 Basispunkte Aufschlag
„Die Margen der Banken sind stark gestiegen“, konstatiert Eduard Zehetner, der seit Februar als Sanierungsmanager die Immofinanz-Gruppe führt und als ehemaliger RHI-­Finanzchef über reichlich Turn­around-Erfahrung verfügt. Zahlten Kommerzkunden vor Ausbruch der Finanzkrise je nach Bonität Zins­aufschläge von 30 bis 60 Basispunkten auf einen Referenzzins, so verrechnen die Kredit­institute laut Zehetner heute mindestens 200 Basispunkte Aufschlag. Der Effekt: Die Leitzinssenkungen der Notenbanken, mit denen diese durch billigeres Geld die Wirtschaft ankurbeln wollten, kommen durch die höheren Margen der Banken nicht bei den Kreditkunden an. Zehetner dazu: „Bei den Margen müssen die Banken jetzt wie blöd verdienen. Kunden zahlen letztlich für die Fehler der US-Banken.“

Mehr Sicherheiten  
„Die Kreditklemme ist ein Mythos. Die Banken stehen nicht auf der Kreditbremse“, widerspricht Herbert Tempsch, verantwortlich für strukturierte Finanzierungen bei der UniCredit Bank Austria, der in Unternehmenskreisen vorherrschenden Grundstimmung. Dass die Leitzinssenkungen durch höhere Bankmargen aufgefressen wurden, räumt er zwar ein. „Aber für die Kunden ändert sich dadurch nichts gegenüber der Situation vor zwölf Monaten“, so der Banker. Für Stefan Bogner, Vorstand am Institut für Corporate Finance der WU Wien, ist die auf den ersten Blick so konträre Wahrnehmung der Lage durch Banken und Unternehmen durchaus vereinbar: „Die Kreditvolumina sind nicht zurückgegangen. Aber die Konditionen verschärfen sich,
es werden höhere Sicherheiten gefordert und schärfere Klauseln angewandt. Es gibt daher eine indirekte Kreditklemme, weil der Kunde für das gleiche Geld höhere Ansprüche erfüllen muss.“

Lösungs-Talk
Rita Niedermayr-Kruse beobachtet als Geschäftsführerin des Österreichischen Controller-Instituts die aktuellen Kontroversen um die Unternehmenskredite unter dem Gesichtspunkt der gesamten Finanzierungsstrategie. Im Rahmen einer neuen Veranstaltungsreihe, die sich gezielt an Top-Executives richtet, bietet sie Banken, Investoren, Unternehmen und Wissenschaft ein Forum, in dem Positionen ausgetauscht und Lösungswege skizziert werden sollen. „Wir wollen sämtliche Aspekte der Unternehmensfinanzierung in dieser schwierigen Wirtschaftslage beleuchten“, so Niedermayr-Kruse. Die erste Auflage dieses Financial Leadership Round Table ging am vergangenen Donnerstag zum Thema „Finanzieren in der Krise“ über die Bühne. In diesem exklusiven Finanzzirkel stellten Zehetner, Tempsch und Bogner ihre Sicht der Dinge ebenso dar wie Wienerberger-Finanz­vorstand Willy Van Riet.

Neuer Rahmen für Finanzstrategie
Wenn schon nicht in der Frage der Kreditklemme, herrscht unter Finanzexperten doch zumindest darüber Einigkeit, dass sich mit der Krise die Rahmenbedingungen, unter denen Unternehmen ihre Finanzierungsstrategien gestalten müssen, nachhaltig verändert haben. Banker Herbert Tempsch fasst diese als „Rückkehr zu ­alten Werten“ zusammen. So ge­be es etwa wieder eine stärkere Fokussierung auf das Hausbankprinzip: Banken werden künftig weniger die Finanzierung einzelner Deals als vielmehr die Begleitung von Unter­nehmen bei allen Finanzdienstleistungen ins Auge fassen. Dem Thema Sicherheiten wird bei der Konditionen­gestaltung höhere Bedeutung zukommen. „Ratings sind ­entscheidend für Pricing und verlangte Sicherheiten“, sagt Tempsch. Dass ein solches Kreditrating „nichts Gottgewolltes ist“, sondern von den Informationen abhängt, die ein Unternehmen liefert, versucht die Bank Austria Großkunden in speziellen Rating-Beratungen zu vermitteln. „Es gibt Richtlinien. Wenn Bilan­zen oder Unternehmenspläne fehlen, fällt das Rating“, stellt der Banker klar. WU-Professor Bogner betont die Bedeutung des umfassenden Risikomanagements: „Das beginnt bei Versicherungsverträgen und geht über Commoditypreisrisiken bis zum Wechselkurs- und Zinsänderungsrisiko. Unternehmen müssen sich damit auseinandersetzen.“

Gesetz ist kein Wundermittel  
Nicht allzu hoch sind indes die Erwartungen in das noch im Entwurfstadium befindliche Unternehmensliquiditätsstärkungsgesetz (ULSG), das staatliche Kreditgarantien für Großunternehmen (mehr als 250 Mitarbeiter und 50 Millionen Umsatz) von bis zu 300 Millionen Euro pro Kreditnehmer vorsieht. „Das Liquiditätskosten­thema ist damit nicht vom Tisch“, erwartet Tempsch, „weil dafür auch ein Garantieentgelt und die Kreditgebühr bezahlt werden müssen.“ Weitere Einschränkungen: Garantiert werden nur Neukredite, und die wirtschaftliche Basis vor der Krise ­musste gesund sein. Die genauen Bedingungen werden über den Sommer noch präzisiert, die Abwicklung wird durch die Kontrollbank erfolgen. Operativ wirksam wird das Gesetz somit wohl nicht vor September. So lange muss KTM-Boss Pierer nicht warten: Er bekommt eine Landesgarantie – und damit wohl auch wieder bessere Konditionen.

Michael Schmid

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