Job statt Pension

Job statt Pension

Bei der Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer ist Österreich in Europa Nachzügler. Doch es gibt auch Vorzeigeunternehmen, die bewusst auf ältere Mitarbeiter setzen.

Ältere Arbeitnehmer sind unflexibel, haben eine geringere Lernbereitschaft, sind nicht mehr gut belastbar, ihre Merkfähigkeit nimmt überdies ab, und noch dazu sind sie häufiger krank als jüngere Mitarbeiter. All diese Vorurteile sind sowohl wissenschaftlich als auch empirisch längst widerlegt. Doch das ist offenbar noch nicht zu allen Unternehmen, Managern und Personalchefs durchgedrungen.

Während die EU 2012, im "Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen“, das Ziel ausgab, bei der Beschäftigungsquote der Bevölkerung über 50 bis 2020 einen Wert von 75 Prozent zu erreichen, beträgt dieser aktuell hierzulande gerade einmal 42,4 Prozent. Schweden kommt im Vergleich dazu heute bereits auf 70 Prozent. Auch mit dem durchschnittlichen Pensionsantrittsalter von 58,3 Jahren liegen wir im europäischen Vergleich im letzten Drittel.

Diese Zahlen beunruhigen auch so manche Unternehmen. "Aufgrund der demografischen Entwicklung habe ich mir schon vor einigen Jahren die Frage gestellt, wie wir in Zukunft unsere Arbeitskräfte finden sollen, wenn nicht genug Junge nachkommen“, sagt Manfred Monsberger, Leiter Human Resources der Möbelhausketten Leiner und Kika. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter des Unternehmens ist über 50 Jahre alt. Die meisten von ihnen werden sich bereits in zehn Jahren in den Ruhestand verabschiedet haben.

Um auch in Zukunft volle Leistungsfähigkeit garantieren zu können, gab es für Monsberger nur einen Weg: "Wir müssen ein Arbeitgeber sein, der auch für ältere Menschen attraktiv ist und der es begrüßt, wenn die eigenen Mitarbeiter so lange wie möglich im Unternehmen bleiben.“ Ältere Mitarbeiter sollen nicht nur möglichst lange bei Leiner bleiben, Monsberger will auch betagtere Arbeitssuchende ermutigen, sich um Jobs zu bewerben: "Das Alter ist für uns nebensächlich, wir brauchen Mitarbeiter, die leistungsfähig sind! Die erfolgreichsten Kollegen im Haus sind jedenfalls über fünfzig.“

Karriere-Neustart mit fast 60

Einer von ihnen ist Josef Bariszlovits. Der heute 60-Jährige begann im Jänner 2009 als Verkaufsberater bei Leiner. Sein früherer Chef hatte ihn kurz vor Weihnachten wissen lassen, dass er das Geschäft mit Jahresende zusperren werde, er also nicht mehr zu kommen brauche. Ein Schock, der Bariszlovits jedoch nicht erstarren ließ, sondern dazu führte, dass er sich nur wenige Tage nach dieser Hiobsbotschaft bei dem Möbelhaus in der Mariahilfer Straße bewarb. Anfang Jänner - ohne auch nur einen Tag lang arbeitslos gewesen zu sein - absolvierte er dort seinen ersten Arbeitstag.

Ganz einfach sei der Einstieg nicht gewesen, gibt Bariszlovits zu: "Die Vielfalt des Sortiments hat mich in der ersten Zeit erschlagen, und die EDV war auch nicht gerade mein Liebkind. Aber ich hatte einen Kollegen an meiner Seite, der mir immer unter die Arme gegriffen hat. Das hat mir die Einarbeitung sehr erleichtert.“ Auch sein Kollege Günter Janissen, 64 Jahre jung, stieß erst vor wenigen Jahren zu dem Möbelkonzern. Und auch er zählt zu der Minderheit, die erst mit Erreichen des gesetzlich vorgesehenen Pensionsalters zu arbeiten aufhören will: "Ich will stolz auf mich sein und sagen können, ich habe bis zum Schluss durchgehalten! Weshalb sollte ich auch früher aufhören, wenn mir die ganze Sache noch viel Spaß macht?“

Das sieht Hubert Beck (Bild), Personalentwickler bei der Erste Bank, ganz genauso. "Ich habe nie in Betracht gezogen, früher mit dem Arbeiten aufzuhören“, sagt der 65-Jährige, der sich auch beruflich im Konzern mit dem Thema Arbeit und Alter auseinandergesetzt hat. Initialzündung in der Erste Bank war dafür die Pensionsreform 2003, mit der das Pensionsalter angehoben wurde. "Damals haben wir viele Initiativen gestartet, um auf Bedürfnisse unserer älteren Kollegen besser einzugehen und vor allem das Verständnis und den Dialog zwischen den Generationen im Haus zu verbessern“, sagt Sabine Mlnarsky-Bständig, Personalchefin des Kreditinstituts.

Verantwortung der Führungskräfte

"Die Qualität jeder Führungskraft wird bei uns deshalb auch daran gemessen, wie gut sie mit der Diversität ihrer Mitarbeiter umgehen kann und ob sie generationengerecht agiert. Wer es nicht schafft, dass Jung und Alt sich untereinander austauschen, hat ein wichtiges Führungsziel verpasst“, erklärt die Personalchefin. So wird das Bewusstsein dafür geschärft, dass es für jedes Unternehmen einen handfesten betriebswirtschaftlichen Schaden darstellt, wenn ein langjähriger Mitarbeiter in Pension geht, ohne sein Wissen und seine Erfahrung an die nächsten Generationen weitergegeben zu haben.

Auch das Weiterbildungsangebot für ältere Mitarbeiter hat man in der Erste Bank sukzessive verbessert. "Früher war es normal, dass Mitarbeiter über 50 auf keinen einzigen Ausbildungstag pro Jahr gekommen sind. Jetzt gibt es den Bruch nicht mehr“, so Mlnarsky-Bständig. Mitarbeiter über 55 dürften von den Weiterbildungsprogrammen keinesfalls ausgenommen werden, findet sie: "Mich schockiert es, dass viele Unternehmen nicht bereit sind, in diese Altersgruppe zu investieren. Dafür gibt es keine Rechtfertigung, denn im Idealfall sind diese Menschen noch zehn Jahre lang aktiv.“

Dass ältere Arbeitnehmer in vielen Unternehmen definitiv nicht zu der Zielgruppe von Fortbildungsprogrammen zählen, belegt auch die Studie "Weiterbildung 2012“, die kürzlich von Makam Research durchgeführt wurde. Von 500 befragten heimischen Betrieben bieten nur 17 Prozent gezielt Ausbildungsschwerpunkte für Ältere an, für Lehrlinge tun das doppelt so viele. Dabei gibt die absolute Mehrheit der Unternehmen an, dass ihre älteren Beschäftigten durchaus hohe Bereitschaft hätten, sich fortzubilden.

Die Behauptung, Ältere könnten sich kein neues Wissen aneignen und - noch schlimmer - wollten es ja auch gar nicht, lässt sich in der Praxis auch deshalb so schwer als Mythos enttarnen, weil es Älteren vielfach an Möglichkeiten mangelt, ihre Qualitäten unter Beweis zu stellen. Wenn ihnen helle Führungskräfte Gelegenheit dazu geben, tun sie das aber auf oft beeindruckende Weise.

Zweite Chance

Ein Paradebeispiel dafür, mit welcher Kraft und Energie Menschen, von denen so mancher in aktiven Zeiten schon zum alten Eisen gezählt wurde, ein ganzes Unternehmen aufbauen können, ist die Zweite Sparkasse. Sie wurde 2006 von der Erste Bank Stiftung gegründet und bietet notleidenden Menschen, die sich die Kosten für ein Konto nicht leisten können, nahezu kostenlose Bankdienstleistungen an. Möglich ist das nur, weil mehr als 400 Beschäftigte bereit sind, dort ehrenamtlich zu arbeiten. Über ein Drittel der Belegschaft der Zweite Sparkasse sind Pensionisten, ein Gutteil von ihnen ist schon über 70 Jahre alt. "Viele von ihnen haben zuvor noch nie in einer Filiale gearbeitet“, sagt Vorstandsvorsitzende Evelyn Hayden.

Immer wieder sei sie überrascht, wie schnell die Senioren mit den EDV-Programmen, allen Kontodetails und den rechtlichen Rahmenbedingungen vertraut würden: "Es ist schon viel, was es da neu zu lernen gibt. Aber viel wichtiger ist, dass man mit Leuten umgehen und ihnen zuhören kann. Man braucht auch viel Geduld. Gerade das sind jene Stärken, die unsere Pensionisten besonders auszeichnen.“

Was als Testballon in Wien startete, hat sich in sechs Jahren als Erfolgsmodell erwiesen. Mittlerweile gibt es in ganz Österreich insgesamt sieben Filialen, über 10.000 Konten wurden bisher eröffnet. Wie das gelingen kann, könnte sich so mancher Personalchef fragen. Johanna Viszvary, 63 Jahre und ehrenamtliche Mitarbeiterin der ersten Stunde, kennt die Antwort: "Die Arbeit ist oft anstrengend, und wir bekommen dafür auch kein Geld. Aber sehr viel Dankbarkeit! Alles, was wir hier tun, macht einfach Sinn.“

Gütesiegel für Best Practice

An Betriebe, die sich ähnlich hervortun, vergibt das Ministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz das Gütesiegel Nestor Gold. Dafür müssen 27 Indikatoren erfüllt werden: etwa die Möglichkeiten älterer Mitarbeiter, ihre Erfahrungen und Ressourcen einzubringen, Weiterbildungsmöglichkeiten für Ältere und altersgerechte Arbeitsplätze.

Bisher wurde das Gütesiegel in Österreich gerade einmal an insgesamt neun Unternehmen und Organisationen vergeben. Zu den ausgezeichneten Betrieben zählt neben dem Reisebüro Sabtours und Sonnentor auch das Möbelhaus Leiner mit seinen Initiativen.

Service für Firmen

fit2work: Kostenloses Serviceprogramm für Einzelpersonen und Betriebe. Bietet Beratung, wie Arbeitsfähigkeit gefördert und Erfahrungsschatz erhalten werden kann. www.fit2work.at

Arbeit und Alter: Initiative von AK, ÖGB, IV und WKO. Hat zum Ziel, ein Netzwerk zu schaffen, in dem sich Betriebe über demografische Probleme und Lösungen dafür austauschen. www.arbeitundalter.at

Fit für die Zukunft: Programm von PVA und AUVA zur Unterstützung von Betrieben bei Förderung der Arbeitsfähigkeit ihrer Mitarbeiter. www.wai-netzwerk.at

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