"Ich habe bewiesen, dass nachhaltiges Denken und Ethik mehr Erfolg bringen"

Der Olympiasieger erzählt, wie er Management von der Pike auf lernte, Teams zu Erfolgen führte und was ihn an der Wettbewerbsgesellschaft stört.

FORMAT: Herr Innauer, Sie sind den Weg vom aktiven Sportler über den Trainer bis zum Sportdirektor – also in eine Managementfunktion – gegangen und haben dabei auf allen Ebenen Erfolge erzielt. Rückblickend betrachtet: Was waren die Knackpunkte, um das so zu bewältigen?
Innauer: Der Schritt vom Springer zum Trainer hat zunächst ein Anwachsen des Verantwortungsvolumens über mich selbst hinaus gebracht. Da war entscheidend, sich aus der Egozentrik-Sicht zu lösen, sich für andere zu interessieren. Mit dem Schritt ins Management hat sich das noch einmal verstärkt. Diesen Lernprozess habe ich sehr intensiv erlebt, weil ich nicht aus einer Wirtschaftsfamilie stamme, wie etwa ein Niki Lauda, und auch keine führungsstrategische Ausbildung hatte.
FORMAT: Wie hat sich das konkret auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Innauer: Ich hatte das Fachwissen, aber nicht das strategische Denken, um eine Wirkungslinie einzuschätzen – an welchen Fäden in einem Netz man ziehen muss, um zu einer möglichst großen Wirkung zu kommen. Dadurch bin ich als Manager anfangs öfter auf die Ebene des Trainers, des Facharbeiters, zurückgerutscht und habe darunter gelitten, wenn auf dieser Ebene etwas nicht so gemacht wurde, wie ich es selbst gemacht hätte.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel als Mentor
FORMAT: Wie haben Sie diese Hürden gemeistert?
Innauer: Ich bin ein Typ, der gerne liest, zuhört und lernt. Peter Schröcksnadel war dabei als Manager eine interessante Schlüsselfigur, der ich über die Schulter schauen durfte und die mich in den ersten Jahren immer wieder unterstützt hat.
FORMAT: Schröcksnadel war Ihr Mentor, Ihr Vorbild?
Innauer: Das war er sicher. Gerade zu Beginn seiner Tätigkeit war er sehr offen und hatte den Willen, begabte Leute aus dem Spitzensport in die Managementebene hineinzuholen und zu fördern.
FORMAT: Wie ist ihm das bei Ihnen gelungen?
Innauer: Ich bin tatsächlich 1992 als Trainer von ihm ins Management gelockt worden. Das ist auch zuerst über die Fachebene gelaufen. Er hat mir eine Expertise über den gesamten nordischen Bereich übertragen, die ich sehr sorgfältig gemacht habe. Daraus ist hervorgegangen, dass es einen Verantwortlichen geben soll, der diesen Bereich professionell, systematisch führt und ihn sowohl in den Verbandsstrukturen als auch nach außen repräsentiert. Zu meiner Überraschung hat Schröcksnadel dann gesagt: „Mach du das, du bist derjenige, der die Zusammenhänge kennt, weil du sie selbst beschrieben hast!“
FORMAT: Ihre Reaktion?
Innauer: Ich habe monatelang herumgezickt, weil ich das nicht machen wollte, und wurde regelrecht überredet.
FORMAT: Zum Glück für die Langläufer, deren Aufschwung damit begann.
Innauer: Interessanterweise ist es mir in der Sportart, in der ich nicht so zuhause war, eher gelungen, Management zu lernen. Im Skispringen wollte ich immer sofort selbst den Hammer in die Hand nehmen. Im Langlauf bin ich nicht in Versuchung gekommen, durch mein überlegenes Fachwissen hineinzupfuschen, und musste stattdessen subtil im Hintergrund mit anderen Techniken und Steuerungsmechanismen Dinge in Gang setzen, um das Beste aus den Mitarbeitern herauszuholen und passende Strukturen zu schaffen.

Mit Vertrauen und nachhaltiger Arbeit zum Ziel
FORMAT: Das war die Erfolgsformel für die nordische Weltmeisterschaft 1999 in der Ramsau?
Innauer: Durch das Wissen, dass jemand da ist, der ihre Interessen vertritt, hat sich diese Langlaufgruppe stabilisiert. Es hat ihnen Selbstvertrauen gegeben, dass jemand für sie arbeitet, der immer viel Erfolg gehabt hat. Dann ist es mir gelungen, im Hinblick auf die WM in der Öffentlichkeit und im Verband eine Dynamik zu entwickeln. Wir haben ein hohes Ziel gesetzt und dem Team zugleich Spielraum verschafft. Sie wussten, sie müssen nicht morgen gut sein, sondern in fünf Jahren. Außerdem habe ich den Bereich selbständiger gemacht, indem ich Sponsoren geholt habe, die Vertrauen in meine Person und meine nachhaltige Arbeitsweise hatten. Diese Wertschätzung, die die Sportler gespürt haben, hat dann auch zu außergewöhnlichen Leistungen geführt.
FORMAT: Führung besteht aber nicht nur darin, große Visionen zu entwickeln, sondern auch in ganz handfesten Dingen wie Vertragsverhandlungen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Innauer: Das ist eine schwierige Aufgabe nach einer anstrengenden Saison, weil alle Trainer Jahresverträge haben. Das waren Einzelgespräche mit rund 50 Betreuern, als ich nur mehr für die Springer und Kombinierer zuständig war, immer noch 30 Leute – vom Servicemann bis zum Cheftrainer. Ich habe versucht, Leistung wirklich einzuschätzen und die Gehaltspyramide so zu gestalten, dass sie auch jeder sehen könnte und sich auf einem für ihn akzeptablen Platz wiederfindet. Ich habe bemerkt, dass sich die Jüngeren heute viel stärker finanziell vergleichen und sehr leiden, wenn es aus ihrer Sicht nicht stimmt. Der älteren Generation von Sportlern und Trainern war Geld schon wichtig, aber entscheidend war, dass der Job passt.

Mit einigen gesellschaftlichen Entwicklungen unzufrieden
FORMAT: Eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, zu der Sie mit der Professionalisierung und Vermarktung im Bereich der Nordischen ja auch beigetragen haben. Ist da aus Ihrer Sicht in Sport und Gesellschaft einiges zu weit gegangen?
Innauer: Gewisse Entwicklungen haben mich bedenklich gestimmt, teilweise abgestoßen – wenn es etwa nicht mehr um die sportliche Leistung geht, sondern darum, wer sich besser vermarktet und mehr Medienpräsenz bekommt. Bei unseren Superadlern wird auch damit gespielt, da war ich bisher ein Korrektiv. Wo sich die Waage zugunsten von Popularität statt Leistung neigt, wird das Leistungsprinzip untergraben, und die Vorbildwirkung des Sports steht infrage.
FORMAT: Sind Erfolg und Ethik überhaupt vereinbar – im Skispringen, in Wirtschaft und Gesellschaft?
Innauer: Leuten, die sich mit Ethik befassen, sagt man oft nach, sie täten das, weil sie in Sachen Leistung nichts zustandebrächten. Ich habe immer nachhaltig Erfolg angestrebt und war gleichzeitig bemüht, Kollateralschäden zu verhindern. Meine Bilanz stimmt, das ist mir eine stille Genugtuung. Entgegen vorherrschenden neoliberalen Grundeinstellungen ist es uns gelungen, ethische Grundprinzipien des Wettbewerbs durch Selbstregulierung zu sichern – etwa bei der Einführung des BMI-Index im Skispringen, der, vom ÖSV ausgehend, sportpolitisch durchgesetzt wurde. Das könnte auch für Politik und Finanzwirtschaft eine Anregung sein. Das Platzen der Blase ist ein Zeichen, uns mehr um Spielregeln und um Realwirtschaft zu kümmern, statt alles dem Traum vom schnellen Geld unterzuordnen. Der Zweck darf nicht alle Mittel heiligen.

Interview: Michael Schmid

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