Energieräuber Job: Wer nicht entspannen kann, verfeuert seine Kräfte sinnlos

Energiemanagement bedeutet, seine Energieressourcen so zu steuern, dass man sich besser fühlt und zugleich mehr leisten kann. Zwei Experten erklären in FORMAT die Grundlagen und geben konkrete Tipps.

Ein Treffen mit Volker C., 46, vereinbaren zu wollen, ist nahezu aussichtslos. Sein Terminkalender, erklärt er, sei „zu dichtgedrängt“. Als Leiter der Logistik in einem Metall verarbeitenden Betrieb fühlt er sich „die ganze Woche hindurch eingetaktet“ durch „die Fülle von Routinen, Projekten, Personalgesprächen, Kundenkontakten und endlosen Meetings“. Sich mit einem Coach zu treffen, um über seinen Arbeitsstil und Möglichkeiten zu reden, im Job ausgeglichener und effektiver zu sein, erscheint ihm als zusätzlicher lästiger Termin, der ihm nur Zeit nimmt. „Was soll das schon bringen?“, fragt er widerwillig. „Vielleicht könnten wir über Zeitmanagement sprechen“, räumt er schließlich ein. Sein HR-Leiter hatte ihm nahegelegt, doch einmal mit einem Coach zu sprechen, nachdem C. ihm „in einem eher privaten Gespräch“ vorgestöhnt hatte, er bekomme ständig neue zusätzliche Aufgaben, der Stress nehme zu. Im Coaching erhält C. eine Reihe von Tipps, zum Beispiel, welche Aufgaben er delegieren, welche Checks er in größeren Abständen durchführen und mit welcher Diskussionsführung er mehr Zug in Meetings bringen könnte.

Ziel des Energiemanagements
Managen kann er jedoch nicht die Zeit, sondern nur sich selbst – und dazu gehört ein smartes Energiemanagement. Energiemanagement verfolgt drei Ziele:
– Sich den wichtigsten Aufgaben zu widmen, wenn die meiste Energie verfügbar ist.
– Aufgaben, die weniger Hirnkapazität verlangen, zu erledigen, wenn der Energielevel absackt.
– Die eigenen Ressourcen geschickt zu erneuern, sodass in gleicher Zeit mehr zu leisten ist und man sich außerdem besser fühlt.
Jüngere, karriereorientierte Menschen tendieren dazu, Aufgaben zu übernehmen, wie sie kommen, Prioritäten nicht mit verfügbarer Energie zu synchronisieren, zusätzliche Aufgaben bereitwillig zu akzeptieren und dafür in hohem Maße auch zusätzliche Stunden zu investieren. Sie glauben, Energiemanagement nicht nötig zu haben. Mit 40plus spüren viele schon, dass die Hauruck-Methode zu Leistungsabfall führt, 50er merken den Verschleiß noch deutlicher.

Verbissenheit schadet der Effizienz
Wer die eigene Energie nicht intelligent managen kann, nutzt sein Potenzial nicht optimal, untergräbt schleichend die eigene Motivation und manövriert sich in die Insuffizienz. Die persönliche Unzufriedenheit wächst. In Unternehmen führt mangelndes Energiemanagement zu enormen Verlusten, die oft gar nicht registriert werden. Wer sich in Aufgaben festbeißt, glaubt, damit seine Leistungsfähigkeit zu beweisen. Vorsicht, wenn dies zur Verbissenheit gerät, die kein Loslassen erlaubt. Kopf und Körper brauchen Pausen. Wenn wir unsere Energiereserven nicht ständig auffrischen, lassen Konzentration und Leistungsfähigkeit nach, und das ist nicht durch größeres Zeitinvestment auszugleichen. Ab einem gewissen Punkt verschlechtern wir mit jeder Stunde fortgesetzter Arbeit das Verhältnis von Energieaufwand und Effektivität exponentiell. Wer nicht richtig entspannen kann, verfeuert sinnlos Energie. Das Problem gerade für Hochleister ist: Sie merken nicht, wenn sie nicht mehr richtig abschalten können. Sie halten ihr Leistungsniveau für normal und haben sich an ihre hohen Geschwindigkeiten und Drehzahlen so sehr gewöhnt, dass sie nicht mehr spüren, wann sie Tempo wegnehmen müssen.

Hochleister im Dauerstress
Helmut A. ist so ein anerkannter Hochleister. Er gefiel sich als Turbo im Unternehmen – einer Versicherung, wo er als Abteilungsleiter auch zuständig für die Gesundheitsvorsorge ist. Mit ihm hatten wir zu tun, als wir in der Firma ein „Energiemanagement-Projekt“ starteten. Er fühle sich „eigentlich topfit“. Dann schränkte er zögerlich ein, er spüre bisweilen „einen unangenehmen Druck hinter den Augen“ wie bei einer Verkühlung. Und beim Joggen sei er schneller erschöpft. Das sei wohl „altersbedingt“, meint er. A. ist 44. Unseren Eindruck, er laufe im Job zu hochtourig, weist er entschieden von sich. Er sei „gefordert, aber nicht überfordert“, erklärt er. Wir messen seine Herzvariabilität mit einem kleinen Gerät, „Clue“. Das liefert innerhalb weniger Minuten objektive Daten über den organischen Zustand des Herzens, die Funktionsweise des vegetativen Nervensystems und über psychische Belastungen, die oft falsch als organische Krankheit interpretiert werden. Die Analyse zeigt, dass sein vegetatives Nervensystem völlig aus der Balance geraten ist und nicht mehr abschalten kann. Er steht innerlich unter Dauerstress, auch dann, wenn er tatsächlich keinem Stress ausgesetzt ist.

Energie- und Leistungsbilanz
Zu viel Arbeit schlägt auf die Stimmung, und das macht uns uneffektiver. Die Folgen: schnellere Ermüdung, Aufmerksamkeitsverlust, Ungeduld, Frust, Ärger, Melancholie. Ohne angemessene Erholungsphasen sind wir leichter irritiert, gereizt, unsicher. Wir denken weniger klar, reflektieren nicht ausreichend, was mit uns geschieht. Durch die negativen Emotionen wird zusätzlich Energie verbrannt – und gleichzeitig die Beziehung zu den Menschen um uns herum belastet. Schlechte Stimmung am Arbeitsplatz bedeutet Energieverschwendung. Entspannungsübungen und Atemtechniken können helfen, aus diesen negativen Stimmungen auszusteigen. Energiemanagement beugt solchen Effekten vor und bringt messbar bessere Leistungen: Tony Schwartz, Gründer des „Energy Projects“ in New York, belegt mit einer Pilotstudie die positive Wirkung.

Pilotstudie zu Energiemanagement
Schwartz verglich über ein Jahr hinweg die Leistungen von Angestellten der Wachovia Bank, die er im Energiemanagement coachte, mit ungecoachten Mitarbeitern, die in gleichen Positionen arbeiteten. Die Energie-Experten vermittelten um 13 Prozent mehr Kredite und akquirierten um 20 Prozent mehr Spareinlagen. 68 Prozent der Teilnehmer berichteten, durch das Training sei es ihnen persönlich besser gegangen, und auch die Beziehungen zu ihren Kunden hätten sich verbessert. Schwartz betreibt Energiemanagement weniger differenziert als wir und mit geringerer medizinischer Expertise. Mit smarteren Programmen können Unternehmen noch größere Verbesserungen erzielen und gleichzeitig mehr zur persönlichen Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter beitragen. Eine echte Win-win-Situation.

Zu den Autoren:
Die Autoren Margot und Michael Schmitz betreiben das Beratungsunternehmen Schmitz & Schmitz Organisations-Beratung & Coaching ( www.schmitzundschmitz.at ).
Margot Schmitz (Univ.-Doz. Dr. med.) ist Psychiaterin und Neurologin. Sie absolvierte ein Executive-Education-Programm an der Harvard Business School und ist Leiterin des Psychosomatischen Instituts in Wien, Medical Adviser in der Pharmaindustrie, forscht an der Paracelsus Universität Salzburg und leitet klinische Forschung in Multicentern internationaler Konzerne.
Michael Schmitz (Dr./MA), Organisationsberater und Coach, studierte Psychologie beim renommierten Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi sowie Management an der Graduate School of Business in Chicago und absolvierte eine Executive Education an der Harvard Business School. Er leitet an der Sigmund Freud Universität in Wien das Projekt „Emotions-Management“ und lehrt an der Lauder Business School. Beide sind Autoren der Bestseller „Seelenfraߓ und „Seelennahrung“ sowie als gefragte Experten in TV, Hörfunk und Print-Publikationen unter anderem Kolumnisten für das „stern“-Magazin „Gesund leben“. Mit dem Kommunikationsexperten Harald Schiffl gründete Michael Schmitz soeben die Agentur preventK für Krisenberatung, Konflikt- und Krisenbewältigung.

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