Die geheimen Karriere-Spielregeln

Ein Insider bringt Licht ins Dunkel der geheimen Karriere-Spielregeln in Großkonzernen: warum sich Aufsteiger dort so angepasst und stromlinienförmig verhalten und dabei das Gegenteil von dem sagen müssen, was sie wirklich tun.

Bei der Besetzung von Jobs und beim Aufstieg in der Unternehmenshierarchie kommt es auf die Persönlichkeit eines Kandidaten sogar noch stärker an als auf sein Fachwissen. Letzteres anzutrainieren sei schließlich einfacher, als an persönlichen Eigenschaften zu arbeiten. Darüber herrscht ein breiter Konsens bei Personalverantwortlichen und Human-Resources-Experten.

So weit kann dem auch „Hal O’Ween“ zustimmen. Er war selbst Manager in multinationalen Konzernen und ist ein gefragter Berater (siehe „ Zur Person “). Warum er seinen echten Namen nicht nennen möchte, hängt damit zusammen, dass er eine sehr explizite Meinung dazu hat, welche Art von Persönlichkeit in Großunternehmen wirklich gefragt ist. „Konzerne rekrutieren Arschlöcher!“, ist Hal O’Ween überzeugt. Wie bitte? „Durchsetzungskraft, Bestimmtheit, Selbstbewusstsein, Führungsstärke und natürlich der Wunsch, der Beste zu sein – das sind die Eigenschaften, die zählen“, präzisiert der Insider.

Dabei gibt es doch Laufmeter an Literatur zu Human Resources, Persönlichkeit, Karriere und Leadership, die den idealen Manager und seinen Führungsstil einigermaßen anders skizzieren: offene Kommunikation und ständig offene Türen für Mitarbeiter; langfristig orientiertes, strategisches Denken und Arbeiten, um innovative Projekte zum Durchbruch zu bringen; Fehler als Chancen begreifen; ehrliches Feedback geben; konstruktive Kritik aufgreifen und für Verbesserungen nutzen; die sachliche und persönliche Ebene klar trennen und das Ganze natürlich immer innerhalb der Leitplanken von Ethik und Unternehmenswerten. Hal O’Ween kennt diese Standardliteratur. Was er davon hält, sagt schon der Titel des Buchs, an dem er seinerseits gerade arbeitet und das noch heuer auf Englisch erscheinen soll: „Decoding Leadership Bullshit – What you really need to do to reach the Top“.

Labern, lügen, intrigieren

Darin gibt der Insider ausführliche Einblicke in die wahren Spielregeln für Konzernkarrieren, die deutlich von den Sonntagsreden abweichen, die sonst dazu geschwungen werden. Für FORMAT hat Hal O’Ween seine Tipps vorab pointiert zusammengefasst (siehe Stories " Aufsteigen " bzw. " Oben bleiben "). Um die Erkenntnisse auf den Punkt zu bringen: Für karrierebewusste Aufsteiger empfiehlt sich, nach außen schön brav in das Mainstream-Gelaber von Unternehmenswerten, Nachhaltigkeit, Innovation, Strategie und Mitarbeiterorientierung miteinzustimmen – dabei in Wahrheit aber nichts anderes zu verfolgen als seine eigenen Interessen. Und zwar knallhart.

Beim Umgang mit Kritik sieht das etwa so aus: „Bringen Sie Kritiker zum Schweigen. Jede Kritik an Ihrer Arbeit stellt auch eine Kritik an Ihrer Person dar. Hetzen Sie die Bluthunde aus der internen Revision auf diese Leute!“ Mitarbeitern – in Hal O’Weens Diktion heißen sie „Sherpas“ – gegenüber sollte sich der gewandte Karrierist möglichst unfreundlich und unnahbar geben. „Arschlöcher werden respektiert“, weiß der Experte und analysiert, dass die meisten mit ihrem Los als Untergebene dennoch nicht unzufrieden sind: „Der Wunsch nach Heldenverehrung ist anhaltend groß. Menschen wollen Stars als Vorbilder, Mitläufer sind nicht gefragt.“ Im Umgang mit gleichrangigen Managern gilt es dagegen, kurzfristige Allianzen oder Nichtangriffspakte zu schließen. Die wahre Königsdisziplin der Sozialkompetenz im Konzern ist aber, den eigenen Chef immer gut aussehen zu lassen. Eine besondere Herausforderung, falls dieser nicht unbedingt zu dem Smartesten unter der Sonne gehören sollte. „Entwickeln Sie Strategien, die Ihnen erlauben, auch dumme Chefs nach außen hin gut aussehen zu lassen: Das ist für fortgeschrittene Leader unabdinglich“, lautet einer der Karrieretipps.

Pragmatische Aufstiegshilfe

Nun ist es nicht so, dass Hal O’Ween all das, was er als notwendig erachtet, um an eine Konzernspitze zu gelangen, auch gutheißt. Im Gegensatz zu Management-Theoretikern weiß er aber, wie es im Kampf um die angesehenen und hoch dotierten Führungspositionen wirklich zugeht, und liefert jenen pragmatische Aufstiegshilfen, die nach diesen Regeln spielen wollen: „Der Andrang auf die Top-Jobs ist nun einmal groß – das führt zu diesen Regeln. Ich mache sie transparent. Ob jemand mitspielt, ist seine persönliche Entscheidung.“

Auch warum gerade in Großkonzernen so erbittert gekämpft wird, ist ihm durchaus bewusst: „Je größer der Konzern, desto mehr Geld verdient man. Zugleich bleibt das existenzielle Risiko aufgrund des Angestelltenstatus in engen Grenzen.“ In Wahrheit würden die Management-Eliten daher nur vorgeben, unternehmerisch zu denken und ihre Handlungen am langfristigen Wohl des Unternehmens auszurichten. „Tatsache ist, dass die Gestaltungsmöglichkeiten des Managements weit überschätzt werden. Je größer das Unternehmen, desto weniger kann ein einzelner Manager dort bewegen“, erklärt der Insider.

Dass im Management vieles falsch läuft, wenn solche Karrierestrategien zum Erfolg führen, ist auch Stanford-Professor Robert Sutton aufgefallen. Er landete mit seinem Buch „Der Arschloch-Faktor“ einen Bestseller, der sich aus Hal O’Weens Sicht positiv von öden Mainstream-Ratgebern abhebt. Darin beschreibt Sutton Strategien, sich gegen Arschloch-Manager zu wehren. Wichtig dafür: Fachwissen und Persönlichkeit, um notfalls anderswo einen Job zu finden.

– Michael Schmid, Robert Winter

ZUR PERSON: Mr. „Hal O’Ween“, 46, erfolgreicher internationaler Business Consultant, blickt auf eine 20-jährige internationale Management-Karriere zurück, die ihn bis in die europäische Führungsebene globaler Markenartikelkonzerne führte. Für FORMAT legt er kritisch offen, wie der Aufstieg in die Chefetagen – abweichend von der „offiziellen“ Management-Lehre – tatsächlich funktioniert. Seine Identität gibt er nicht preis, weil er auch betroffene Konzerne berät.

Sparen ist out, Geld ausgeben ist angesagt. Wer schlau ist, investiert auch in die eigene Karriere.
 

Karriere

Investieren statt sparen: 5 Tipps, die persönliche Rendite bringen

Die Angebote für Mietbüros, die alle Stückeln spielen, werden immer größer. Eine FORMAT-Übersicht: Was sie können, was sie kosten, wo sie zu finden sind.
 

Erfolg

"Co-Worken" ist in – Eine Übersicht über die besten Mietbüros

 

Erfolg

Co-Working-Spaces – alle Details