Ausbildung mit Prüf und Siegel: Qualitäts-offensive für Sanierer und Restrukturierer

Krisenmanagement ist ein krisensicheres Metier: FORMAT zeigt, wo sich Sanierer das Rüstzeug holen, das neben praktischer Erfahrung Voraussetzung für erfolgreiche Turnarounds ist.

Gottwald Kranebitter, soeben zum neuen Chef der Hypo Alpe Adria bestellt, um bei der Kärntner Bank zu retten, was noch zu retten ist, hat ­einen ungewöhnlichen Titel. Er ist CTE – „Certified Turnaround Expert“ – ein Kürzel, das auch Erhard Grossnigg, der Doyen der heimischen Firmenrestrukturierer, ­führen darf. Wie jeder andere Bewerber um das Gütesiegel für Krisenmanager, das von der Qualitätsakademie incite des Fachverbandes der Unternehmensberater verliehen wird, musste auch Grossnigg vor einer gestrengen Prüfungskommission mehrere seiner konkreten Sanierungsfälle dokumentieren und erläutern. „Nach 30 Jahren Sanierungserfahrung war das nicht so schwierig“, erinnert er sich schmunzelnd. Die Zertifizierungsinitiative für Turnaround-Manager ist ihm auch ein ­persönliches Anliegen: „Der CTE ist ein echter Erfahrungsnachweis für Restrukturierungsexperten. Daher lege ich auch bei meinen Mitarbeitern Wert darauf, dass sie den Lehrgang belegen und das Zertifikat erwerben.“

Netzwerk der Sanierer
CTE dürfen sich in Österreich bisher gerade einmal rund 30 erfahrene Sanierungsexperten nennen. Zur illustren Runde zählen neben Grossnigg und Kranebitter etwa auch Bernhard Chwatal, bekannt geworden als Restrukturierer von Ankerbrot, und Gerhard ­Wüest, der zuletzt als Interimsmanager ­Fischer wieder in die Erfolgsspur führte. Diese Zertifizierung wird ergänzend zum incite-Lehrgang angeboten, der sich ausdrücklich nicht nur an Sanierungsberater, sondern darüber hinaus auch an Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Bank-fachleute richtet, die in ihrem beruflichen Bereich damit zu tun haben, angeschlage­ne Unternehmen wieder flottzumachen. Der nächste Durchgang des viertägigen Exklusivlehrgangs für Profis mit Sanierungserfahrung startet übrigens im April. (www.incite.at ).

Gütesiegel für Sanierungsmanagement
Initiator für Lehrgang und Zertifizierung ist das Forum Restrukturierung und Turnaround (ReTurn), ein Verein und Netzwerk von rund 300 Mitgliedern, die in der einen oder anderen Form mit Unternehmenssanierungen zu tun haben und so den größten Expertenpool des Landes zu diesem Thema bilden. „Wir wollen die österreichische Sanierungsszene im Verein bündeln“, sagt ReTurn-Vorstandsmitglied Christian Grininger, Sanierungschef der Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich. „In schwierigen Situationen muss man an einem Strang ziehen. Wenn die handelnden Personen einander kennen und vertrauen, ist das leichter – auch für eine Bank, wenn es darum geht, frisches Geld zu geben“, erklärt er den Hintergrund des Netzwerkgedankens. Banker, die Krisenmanager in gefährdete Unternehmen entsenden, sollen sich auf den CTE als Benchmark für Sanierungsqualität ver­lassen können.

Konjunktur für Krisenmanager
Der Bedarf an qualifizierten Krisenmanagern dürfte jedenfalls steigen. So erwartet etwa Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des Gläubigerschutzverbandes KSV1870, im zweiten Halbjahr 2010 eine steigende Zahl von Insolvenzverfahren vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen. „Es steigt die Zahl der Insolvenzfälle, es steigt aber auch die Anzahl der Fälle, bei denen es gelingt, schon im Vorfeld gegen­zusteuern. Gut geführte Unternehmen erkennen, wann Handlungsbedarf besteht. Andere leugnen Probleme so lange, bis dort Externe das Heft in die Hand nehmen müssen“, so Banker Grininger. Auftrag­geber der Sanierungsexperten sind neben Geldinstituten und Insolvenzverwaltern zunehmend auch Investoren, die ihre Felle bei Firmenbeteiligungen davonschwimmen sehen – und nun qualifizierte Leute für wirtschaftliche Feuerwehraktionen ­suchen.

Handwerkzeug für Krisenmanager
Betriebswirtschaft aus dem Effeff zu beherrschen ist eine notwendige Grund­lage für jeden Krisenmanager. „Ein allgemeines betriebswirtschaftliches Studium bereitet aber nicht auf den Sonderfall einer existenzgefährdenden Situation vor“, erklärt Stefan Razik, selbst erfahrener Sanierer und stellvertretender Leiter des viersemestrigen Master-Studiengangs „Krisen- und Sanierungsmanagement“, der an der Fachhochschule Kufstein angeboten wird. „Der Studiengang wurde schon 2006 gegründet, also vor der Finanzkrise“, betont FH-Kufstein-Marketingchef Martin Hütter. Inhaltlich umfasst das Studium Management und Betriebswirtschaft, Praxistransfer durch Fallstudien, rechtliche Grundlagen sowie Führungs- und Sozialkompetenz. Es kann nur berufsbegleitend absolviert werden und setzt bereits einen Universitätsabschluss voraus – richtet sich also nicht an unerfahrende Youngsters, die mal schnell als Sanierer von der aktuellen Krisenkonjunktur profitieren möchten. (www.fh-kufstein.ac.at)

Sanierungswissen aus erster Hand
Christian Mussnig, der an der FH Kufstein gerade an seiner Master-Thesis arbeitet, hat etwa die Grundlagen der Unternehmenssanierung sehr praxis­orientiert gelernt – bei der Sanierung und Abwicklung seines eigenen Unternehmens, eines im New-Economy-Hype mit eigenen Finanzmitteln gegründeten E-Learning-Anbieters. Das Lehrgeld lohnte sich für Mussnig insofern, als er die dabei erworbenen Kenntnisse seitdem als Interims- und Krisenmanager bereits bei Unternehmen in Salzburg, Oberösterreich und Bayern anwenden konnte. Mit dem Master-Studium gibt er sich nun den letzten Theorie-Schliff, um im Herbst als Sanierungs­spezialist mit zwei Partnern voll durchzustarten. „Der Bedarf an Betriebswirten in Konkursverfahren wird mit dem neuen Insolvenzrecht in Österreich wachsen“, hofft er auf Aufträge von Insolvenzverwaltern, die Unternehmen zwar retten, aber nicht hauptverantwortlich führen möchten.

Ehrfurcht vor weißen Schläfen
„Ein echter Sanierungsmanager muss seine ­Erfahrungen gemacht haben, sollte also schon ein paar graue Haare am Kopf haben“, formuliert Alfred Harl, Obmann des Fachverbands der Unternehmens- und IT-Berater (UBIT), ein Anforderungsprofil. Aus seiner eigenen Praxis als Berater weiß er, wie wichtig es in Krisenfällen ist, ­einerseits rasch zu reagieren, andererseits aber auch Sensibilität für die Menschen im betroffenen Unternehmen aufzubringen. „Das erfordert neben der unabdingbaren betriebswirtschaftlichen Kompetenz und Erfahrung auch psychologisches Wissen“, betont Harl. Er empfiehlt jungen Wirtschaftsabsolventen mit Berufswunsch Krisenmanager Lehrjahre bei erfahrenen Berufskollegen sowie die Berater-Lehrgänge an der incite-Akademie.

Teamarbeit statt Einzelkämpfer
Auch Martin Lamprecht, Berater mit CTE-Zertifikat und seit 15 Jahren in unterschiedlichen Funktionen als Turn­around-Manager tätig, sieht Sanierer im Idealfalls als sozial kompetente Führungskräfte, die nicht nur gegen rote Zahlen, sondern auch gegen Panik, Angst, Verletzungen und Kränkungen in Krisenunternehmen vorgehen. „Man braucht eine rasche Auffassungsgabe, um Muster zu erkennen, und muss dazu aber auch ein hemdsärmeliger Umsetzer sein“, so seine Ansprüche an Krisenmanager. Diese treten, beobachtet Lamprecht, immer häufiger als Team statt als Einzelkämpfer auf. Die Firmenspitze, die Finanzposition und ein Projektmanager bilden aus seiner Sicht eine Erfolg versprechende Dreier-Konstellation. Was einen weiteren Vorteil hat: So gibt es noch mehr krisensichere Jobs für Krisenmanager.

Michael Schmid

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