100 Jahre Peter F. Drucker: Der Erfinder
des Managements wird in Wien gefeiert

Ein gebürtiger Wiener erfand in den USA das Berufsbild des Managers. Nun fragt ein hochrangiges Symposium in seiner Heimatstadt: Was bleibt vom Lebenswerk Peter F. Druckers?

„Obwohl ich an den freien Markt glaube, habe ich ernsthafte Vorbehalte gegenüber dem Kapitalismus“, sagte Peter F. Drucker als alter Mann. Seine nicht zu überhörende Enttäuschung galt dem Verhalten eines guten Teils jener Wirtschaftslenker, deren Berufsbild er selbst in seinen besten Jahren definiert hatte. Der „Erfinder des Managements“, so hatte der „Economist“ Druckers Lebensleistung journalistisch zugespitzt, war nicht mehr einverstanden mit der primär pekuniär ­orientierten Geisteshaltung einer Wirtschaftselite der USA, die sich seit den 80er-Jahren in finanzmarktgetriebenen unfreundlichen Unternehmensübernahmen und -zerschlagungen, kurzfristigem Shareholder-Value-Denken sowie Gehalts- und Boni-Exzessen niederschlug. Der Hochachtung, die ihm die Managementelite entgegenbrachte, tat das keinen Abbruch. Für Jack Welch, den langjährigen Chef von General Electric, war Drucker „der größte Managementdenker des Jahrhunderts“. In keinem Gespräch über seine eigene Erfolgsgeschichte lässt Welch den Einfluss Druckers auf seine Führungsphilosophie unerwähnt. Intel-Gründer Andrew Grove bekannte gar: „Drucker ist für mich ein Held. Er schreibt und denkt mit exquisiter Klarheit.“ Und als A. G. Lafley zum CEO des globalen Markenartikel­multis Procter & Gamble ernannt wurde, pilgerte er zum damals über 90-jährigen Drucker, um sich beraten zu lassen.

Wurzeln im Wien um 1900
Trotzdem würde es Druckers Lebenswerk nicht gerecht, ihn nur als den ersten Managementguru zu sehen. Die Interessen des pragmatischen Denkers und scharfsinnigen Be­obachters waren vielfältiger Natur. Die Grundlage dafür darf man durchaus in der geistigen Atmosphäre Wiens rund um die vorletzte Jahrhundertwende sehen. Dort wurde Drucker am 19. November 1909, in der Abenddämmerung der Habsburger­monarchie, als Sohn einer groß- und bildungsbürgerlichen Familie geboren. Die Eltern wohnten in einem von Josef Hoffmann entworfenen Haus am Kaas­graben in Döbling. Zu den Intellektuellen und Wissenschaftlern, die dort häufig zu Gast waren, zählten die Nationalökonomen Joseph Schumpeter, Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises. Hans Kelsen, Schöpfer der Verfassung der Ersten Republik, war mit der jüngsten Schwester seiner Mutter verheiratet, für den jungen Gymnasiasten also „Onkel Hans“. Neben Schumpeter, Mises und Hayek wirken zu dieser Zeit in Wien unter anderem Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, Ludwig Wittgenstein und Karl Popper, die hier Grundlagen ihrer Philosophie entwickelten, oder Karl Kraus, als Herausgeber der „Fackel“ die oberste und strengste Sprach­instanz. Nicht weniger als sieben österreichische Wissenschaftler gewannen in dieser Zeit Nobelpreise in Physik, Chemie und Medizin. Einem wachen, jungen Intellekt bot die Erste Republik als geistige Weltmacht mehr als genügend Humus. Aus Deutschland, wo er studierte und als Journalist arbeitete, emigrierte Drucker im Schicksalsjahr 1933 nach London und beschäftigte sich neben der Arbeit für ein Bankinstitut mit Ökonomie. 28-jährig und frisch verheiratet, kam er schließlich als Zeitungskorrespondent in die USA. „In Europa war die einzige Hoffnung: zurück zu 1913. Hier schauten alle nur nach vorn“, erinnerte sich Drucker an die Aufbruchstimmung im Amerika dieser Zeit.

Aufstieg zur Beratungs- und Management-Koryphäe
Die moderne US-Industriegesellschaft mit ihren aufstrebenden Weltkonzernen bot dem analytisch denkenden, volkswirtschaftlich kompetenten und publizistisch brillanten Denker das ideale Betätigungs- und Beobachtungsfeld. Sein erstes Buch, „The End of Economic Man“, in dem er den Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise beleuchtete, fand Anerkennung bei Wins­ton Churchill. Dann beschäftigte er sich in „The Future of Industrial Man“ mit den Veränderungen, die der Aufstieg von Großunternehmen in industrialisierten Staaten mit sich brachte, und mit der gesellschaftlichen Macht, die Entscheidungsträgern in diesen Organisationen damit zukam. Von der Politik über die Ökonomie und die ­Gesellschaftstheorie voranschreitend, war Drucker auf das Thema Management gestoßen – ein zu dieser Zeit wenig be­ackertes Gebiet. General Motors, das damals weltgrößte Unternehmen, beauftragte ihn 1943 mit ­einer sozialwissenschaftlichen Analyse. Zwei Jahre konnte er an Vorstandssitzungen teilnehmen, Prozesse und Produktions­abläufe analysieren und Gespräche mit Mitarbeitern aller Ebenen führen. Mit der daraus resultierenden Studie legte Drucker den Grundstein für Managementlehre als wissenschaftliche Disziplin.

Vielfalt innovativer Ansätze
Es folgten Beratungsmandate fast aller großen US-Konzerne – und ein Stakkato an Veröffentlichungen richtungsweisender Erkenntnisse:
• Drucker erkannte, dass es die Strukturen und Abläufe großer Unternehmen notwendig machten, Management als ­Berufsbild zu definieren, das Fähigkeiten erfordert, die man sich aneignen kann – und nicht etwa auf Charisma oder Führungstalent beruhen.
• Die Aufgabe von Führungskräften sah er darin, die Arbeit anderer zu koordinieren, und entwickelte mit „Management by Objectives“ das bis heute gültige Führungsprinzip durch Zielvereinbarung.
• Mit seiner These, dass es qualifizierten Mitarbeitern nicht nur um monetäre Kompensation, sondern auch um den Sinn ihrer ­Tätigkeit geht, nahm er das Thema „Motivation“ vorweg, lange ehe es auf breiter Front populär wurde.
• Eng damit verbunden ist die Auffassung, dass eine Wissensgesellschaft – die er als Erster voraussah – mit Wissensarbeitern nicht mehr auf Basis der althergebrachten Führungsprinzipien von Anordnung und Kontrolle funktionieren kann.
• Drucker war es, der Unternehmen „Kundenorientierung“ predigte, lange bevor die Weltwirtschaft vom Verkäufer- zum Käufermarkt wurde.
• Er erkannte die Bedeutung von Selbstmanagement als Grundlage für Bestleis­tungen. Die grundlegenden Fragen „Welcher Lerntyp bin ich?“, „Bin ich Team­player oder Solist?“, „Bin ich besser als Berater oder Entscheider?“ stellte er vor allen Wirtschaftspsychologen.
• Konzentration auf das Kerngeschäft brachte er GE-Boss Jack Welch so eindringlich nahe, dass sich dieser nach Druckers Beratung von allen Geschäftsbereichen trennte, in denen GE nicht mindes­tens Nummer zwei am Weltmarkt war.
• Schließlich sagte Drucker, der auch in den aufstrebenden Volkwirtschaften Japan und Korea aktiv wurde und dort bis heute ungeheure Wertschätzung genießt, den Aufstieg weiterer Schwellenländer zu Wirtschaftsmächten voraus.
Von Praktikern im Top-Management wurden diese neuen Ansätze hoch geschätzt, Drucker zum weltweit gefrag­testen Berater. In der universitären Wirtschaftsausbildung blieb er, der seine Gedanken nie in ein Systemgebäude einbetten wollte, dagegen Außenseiter.

Österreichs Manager und Drucker
So kam es, dass Druckers verständlich geschriebene, von Fußnoten und Tabellen weitgehend freie Bücher in der Wirtschaftsausbildung nie zur Pflichtlektüre wurden. Mit Druckers Gedankenwelt kam die heutige Generation von Managern in Öster­reich daher meist anderweitig in Berührung. „In der akademischen Welt galt Drucker eher als Publizist“, erinnert sich Wilfried Stadler, ehemaliger Generaldirektor der Investkredit, der seine ersten Drucker-Bücher als Volkswirtschaftsstudent aus persönlichem Interesse erwarb. Peter Oswald, CEO von Mondi Europe & International, hatte schon einige Berufsjahre hinter sich, als er 1993 auf Druckers „Post-Capitalist Society“ stieß. „Ich war beeindruckt, wie tief er historisch einsteigt, um Thesen zur Informationsgesellschaft zu entwickeln“, sagt der Manager, der aus seiner weiteren Beschäftigung mit Drucker ganz konkreten Nutzen für sein Berufs­leben zog: „Ich habe erkannt, dass ich ein Lesetyp bin. Auch sein konkreter Tipp, Prognosen aufzuschreiben und nach einem Jahr wiederzulesen, ist gut für die Selbsterkenntnis.“ Bei Mondi legt er Wert auf den Grundsatz, nicht zu viel Zeit für Probleme, dafür mehr für Chancen zu verwenden. Oswald: „Drucker hat immer betont, wie wichtig es ist, seine Stärken zu erkennen und weiterzuentwickeln.“

Schlüsselwort Verantwortung
„Um Erfolge zu erzielen, müssen Ressourcen des Unternehmens auf Möglichkeiten und nicht auf Probleme ausgerichtet sein“, ist auch für Casinos-Austria-Generaldirektor Karl Stoss eine Quintessenz Druckers. Als Berater beim MZSG hatte Stoss über dessen Gründer Fredmund Malik Gelegenheit, Peter Drucker persönlich kennen zu lernen. Michael Krammer, CEO des Mobilfunkers Orange, hörte von Druckers Führungsprinzipien im Zuge seiner Offiziersausbildung an der Militärakademie. „Vor Drucker waren das Militär und die ­Kirche die einzigen Institutionen, in denen es Führungsausbildung gab“, sagt Krammer. Der Schlüsselbegriff in Druckers Werk heißt für ihn „Verantwortung“. Krammer: „Für Manager bedeutet das die Verantwortung für den nach­haltigen Bestand des Unternehmens, beim Militär im Extremfall die Verantwortung für Menschenleben.“ Konkrete Anwendungen Dru­cker’scher Erkenntnisse fehlen in der Mobilfunkbranche aus Krammer Sicht nicht: „Es ist eine typische Falle, die Qualität eines Produkts an den Entwicklungskos­ten oder der technischen Raffinesse festzumachen. Doch was wirklich zählt, ist, ob der Kunde bereit ist, für den Nutzen zu bezahlen.“ In den Jahren des Kasinokapitalismus galt Drucker, der Gehalts­exzesse geißelte und ein Verhältnis von höchstens 20:1 zwischen Manager- und Mitarbeitergehältern als angemessen ansah, als hoffnungslos altmodisch. Womöglich ist gerade das im Zeichen der Krise das sicherste Indiz für die Notwendigkeit ­einer Drucker-Renaissance im Management.

Michael Schmid

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