Was das 'Cassa-Buch' erzählt: A. Zmrzlik erforscht die Historie der Filz-Parfümerie

Alfred Zmrzlik, Miteigentümer von Wiens ältester Parfümerie, arbeitet mit viel Liebe die Geschichte des alten Duft G’wölbs auf. Detailgenau recherchierte er über das Leben früherer Kunden.

Alfred Zmrzlik, 69, hatte während seiner Schulzeit kein gesteigertes Interesse an Geschichte. Schuld war ein Lehrer, der eine seltsame Art zu unterrichten hatte. „Er demonstrierte sehr anschaulich mit einem desolaten Lineal, wie die Perser von den Römern abgemurkst wurden“, schildert der Miteigentümer von J. B. Filz am Graben 13, der ältesten Parfümerie Wiens. Erst als Zmrzlik im Jahr 1968 dem Fräulein Filz den „Hof gemacht hat“, wurde Geschichte für ihn wieder lebendig. Damals besichtigte er mit seiner zukünftigen Frau in Innsbruck das riesige Rundgemälde, das die Schlacht am Bergisel vom 13. August 1809 darstellte. „Da ist der Funke übergesprungen. 1809 war ja auch das Gründungsjahr der Parfumerie Filz. Von da an war ich ein Interessierter.“

Die Entdeckung der "Cassa-Bücher"
Zunächst forschte der Hobby-Historiker in den Annalen ­seiner Familie und erfuhr so, dass sein Familienname erstmals im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde. Mehr Interesse zeigte Zmrzlik aber bei der Aufarbeitung von historischen Dokumenten, die das „Duft G’wölb“ betrafen, wie die Parfumerie Filz früher genannt wurde. „Es war mehr ein Zufall“, erinnert er sich. Am Schreibtisch seiner Frau türmte sich immer mehr Papier, vor allem unbezahlte Rechnungen. Auf die Frage, war­um die Gattin die Gläubiger nicht befriedige, antwortete sie: „Weil ich kein Geld habe.“ Also nahm sich der Ehemann der Buchhaltung an und brachte Ordnung in das Rechnungswesen der kleinen Firma. Dabei stieß er erstmals auch auf historische Dokumente und „Cassa-Bücher“ der Parfümerie. „Es war mir ein Anliegen, das Archiv zu ordnen, denn aus der Familie hat sich nie jemand damit auseinandergesetzt“, erzählt Zmrzlik. Und er förderte so auch viele Details über das Leben im 19. Jahrhundert zutage.

300 Gulden teure Reisen
Sein Unternehmen wurde 1809 von Anton Filz gegründet. Die diversen Duftwässer, Seifen, Cremes, Schminken und Pomaden stellte Filz selber her. Der Firmengründer tätigte aber auch Zukäufe wie Kölnisch Wasser in der Fabrik Farina in Köln. Urkundlich erwähnt sind beispielsweise „12 Dutzend Flaschen Eau de Cologne“, zu 8 Lot pro Flasche, was etwa 110 ml entspricht. Antons Sohn Baptist Filz, der das Geschäft 1818 übernahm, pendelte bereits zwischen Wien und Budapest, um seine Produkte zu offerieren. Mit der Postkutsche reiste er nach London und Paris, um dort einzukaufen. In sein „Cassa-Buch“ schrieb Baptist 1855 „300 Gulden Reisekosten“ – nach heuti­gem Wert würde ein Gulden elf Euro entsprechen. Die Reise kos­tete auch zur damaligen Zeit ein kleines Vermögen. Und auch der Preis für ein Zeitungsinserat, das Baptist schaltete, war mit 143 Gulden schon damals beachtlich. 1831 patentierte die Parfümerie ihr „Echt Pariser Damen-Conservations-Wasser“.

Skurrilitäten im "Strazza-Buch"
Auch das Verhältnis von Einkommen zu den Preisen der Produkte recherchierte Alfred Zmrzlik: Ein Duftwässerchen für 1,33 Gulden konnte sich eine Magd mit einem Jahressalär von 11 Gulden nie und nimmer leis­ten. Die gesamte Buchhaltung wurde immer im Cassa-Buch vermerkt. Davor wurden alle Notizen, die Kunden betreffend, im sogenannten „Strazza-Buch“, dem Schmier- oder Sudelbuch, niedergeschrieben. „Da wurden Detailaufzeichnungen unserer Kunden wie Käufe auf Kredit dokumentiert“, erklärt Zmrzlik. Auch auf eine skurrile Geschichte über den Nachbarn am Graben, den Baron Karl Adolf von Sothen, stieß der Hobby-Forscher. Der Baron residierte um 1850 am heutigen Sitz des Juweliers Heldwein. Sothen betrieb eine Bank und eine Klassenlotterie. Und er war ein richtiges Schlitzohr. So machten Gerüchte die Runde, dass Sothen seinen Reichtum unrechtmäßig erworben habe. „Am Tag der Lotterieziehung in Prag konnte man in Wien noch setzen. „Böse Zungen behaupteten, dass sich Sothen die in Prag gezogene Nummer mit Brieftauben nach Wien habe schicken lassen. Diese benötigten für die Strecke nur drei Stunden.“ Dass der Mann viel gewann, war also kein bloßer Zufall. Nach seinem Tod kursierte folgender Grabspruch: „Hier in dieser Gruft liegt ein großer Schuft. Zeigt’s kan Z’wanzger runter, sonst wird er wieder munter.“

Die Klientel des Hof-Parfumeurs
1860 führte Wilhelm Filz in dritter Generation die Geschicke der Parfümerie. Dieser wurde vor allem für sein Lavendelwasser bekannt, das auch in Heimito von Doderers Romanen „Die Strudelhofstiege“ und „Dämonen“ Erwähnung fand. 1872 erhielt das Duft G’wölb vom Kaiser das Privileg, sich „k. u. k. Hof-Parfumeur“ nennen zu dürfen. An prominenten Kunden mangelte es nie. Eine war Kronprinzessin Stephanie, die Witwe von Kronprinz Rudolf. Sie galt als unglücklich und hielt sich für sehr hässlich. Erst ihr Medicus Erno Laszlo schaffte es, ihr Sicherheit in Fragen der Schönheit zu geben, indem er ihr eine dermatologische Gesichtspflege empfahl. Die Produkte, die später auch die Schauspielerinnen Greta Garbo, Marilyn Monroe und Audrey Hepburn benutzten, sind heute noch in der Parfumerie Filz im Angebot. Die Liste der hochkarätigen Klientel ist lang. So zählten auch die österreichische Salonière Pauline von Metternich zum Kundenstamm, die um die Jahrhundertwende Bälle in Wien organisierte, um die höheren Töchter unter die Haube zu bringen. Auch Hofschauspieler Josef Kainz oder Elisabeth Marie von Österreich, die Tochter von Kronprinz Rudolf, und Katharina Schratt kauften ihre Wässerchen bei Filz. Eine weitere Skurrilität: 1874 gab es den ersten mündlichen Mietvertrag, und der hatte immerhin bis 1988 seine Gültigkeit. „Wir haben erst seit zwölf Jahren einen schriftlichen Mietvertrag am Graben“, erzählt Zmrzlik. Der Mietpreis ist seither leider nicht mehr historisch, sondern der Jetztzeit angepasst.

Gabriela Schnabel

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