'Vielleicht gibt meine Geschichte Mut und zeigt: Es gibt immer einen Ausweg.'

Menschenrechtspreis 2009: Joana Adesuwa Reiterer, Schauspielerin und Autorin, setzt sich für Opfer von Menschenhandel ein. Ihre Energie schöpft sie aus der eigenen Biografie: die erstaunliche Geschichte einer Kämpferin.

„Die habe ich selbst gemacht, das entspannt mich“, sagt Joana Adesuwa Reiterer, dreht an der silbernen Kette mit den roten Steinen, die um ihren Hals baumelt, und zwei Leute fragen sie zugleich: „Wie kannst du dafür auch noch Zeit haben?“ Joana Reiterer wartet auf die Übergabe des Menschenrechtspreises 2009, ihr Lächeln ist breiter denn je. Richterpräsidentin Barbara Helige wird ihr im Namen der österreichischen Liga für Menschenrechte die Urkunde überreichen. Sie weiß gar nicht, ob sie den Preis verdient habe, sagt Reiterer, schließlich mache sie nur, was notwendig ist. In ihrem Fall heißt das: Betroffene von Menschenhandel aus Nigeria zu unterstützen.

"Es gibt immer einen Ausweg"
Joana hat einen Verein namens „Exit“ gegründet, um jenen jungen Frauen zu helfen, die mit großen Hoffnungen nach Europa aufbrechen – und dann bis zu 100.000 Euro auf dem Straßenstrich für die Menschenhändler abarbeiten müssen, in kleinen Schritten von 20 bis 30 Euro pro Freier. Viele zerbrechen an dieser modernen Form der Sklaverei, viele werden abgeschoben, doch über 120 fanden den Weg zu Joana Adesuwa Reiterer. Sie begleitet sie zur Polizei, berät sie vor Gericht, sucht nach Einkommensmöglichkeiten. Und sie wird nicht müde, sich einzusetzen für diese Frauen, die selbst die Stimme nicht er­heben können, weil das für sie und ihre Familien lebensgefährlich wäre. „Vielleicht kann mein Beispiel anderen Mut machen und zeigen: Es gibt immer einen Ausweg“, sagt sie in ihrer Dankesrede. Denn das kann man von Reiterer lernen: niemals aufgeben. Und dabei strahlen.

Aus Liebe ein neues Leben gewählt
Es ist gerade sechs Jahre her, dass in ­Joanas eigenem Leben ein Ausweg unmöglich erschien: Sie saß damals allein auf einer Bank in einem Wiener Park, ­zurück konnte sie nicht, und wohin sonst, das wusste sie nicht. Einige Monate zuvor hatte sie in ihrer Heimatstadt Benin City in Nigeria einen Mann geheiratet, der ihr ein neues Leben versprach. Er sagte, er sei Reiseunternehmer und betreibe eine Restaurantkette in Österreich. Joana war Anfang 20, hatte eine viel versprechende Karriere als Schauspielerin in der nigerianischen Filmindustrie begonnen und besaß eine Boutique. Sie gab alles auf und folgte ihrer Liebe nach Wien.

Das böse Erwachen kam langsam
Mit der kleinen Altbauwohnung in einem Außenbezirk konnte sich Joana noch anfreunden. Doch ihr Mann war wie ausgewechselt. Er verbot ihr, die Wohnung zu verlassen, und wies sie an, für die vielen jungen Mädchen zu kochen, die ein und aus gingen: blutjunge Nigerianerinnen, die meisten vom Land, stumm und verschreckt. Joana fragte nach und erhielt keine Antwort. Als sie unter dem Teppich ein ganzes Bündel Reisedokumente fand, merkte sie, dass etwas nicht stimmen konnte. Als sie ihren eigenen Pass entdeckte – versehen mit dem Foto einer fremden Frau –, ging ihr ein Licht auf: Ihr Mann war Menschenhändler. Er brachte junge Frauen nach Europa und vermittelte sie an Madames, die sie in der Prostitution ausbeuteten. Joana floh aus der Wohnung und landete auf der Parkbank. Ein besorgter Passant gab ihr die Nummer des Frauenhauses.

Kämpfen um zu überleben  
Ab da kämpft sich Joana Reiterer nach oben. Sie lernt Deutsch, arbeitet als Zimmermädchen, zeigt ihren Exmann an. Der schickt ihr als Warnung zwei Männer, die sie in ­einen Kleinbus zerren und bedrohen. Die junge Frau hatte da bereits einen Österreicher geheiratet, ihr erstes Kind war unterwegs. Sie hätte sich zurückziehen können. Aber Joana beschließt, zu kämpfen. Und zwar nicht nur für sich. 2006 gründet sie den Verein Exit und produziert ohne Budget den Spielfilm „Greener Pastures“, der das Leben eines Opfers von Menschenhandel in Wien zeigt – von der hoffnungsvollen Ankunft bis zum positiven HIV-Test. Reiterer fährt nach Nigeria und zeigt den Film an Schulen. In der letzten ­Woche ihres Aufenthaltes taucht ihr ­Exmann, der immer noch auf freiem Fuß ist, in ihrem Hotel auf. Reiterer muss die Reise abbrechen und fliegt nach Wien zurück.

Polizeitraining und Bühnenauftritt
Sie startet die Aufklärungsarbeit in Österreich und eröffnet die Beratungsstelle in Wien – ohne Subventionen, ohne ­öffentliche Unterstützung. Sie berät die Polizei beim Umgang mit Opfern von Menschenhandel, mittlerweile hält sie auch Polizeitrainings in der Schweiz und in Deutschland ab. Daneben steht sie wieder auf der ­Bühne, tourt mit „Peter Pan“ durch Österreich. 2008 tritt sie auf der UN-Konferenz gegen Menschenhandel gemeinsam mit Oscar-Preisträgerin Emma Thompson in einem Theaterstück auf. Sie spielt ein Opfer von Menschenhandel. „Die Delegierten hatten Tränen in den Augen. Aber geändert hat sich seither nichts“, sagt sie heute. Doch das Wort „entmutigt“ kommt in ihrem Wortschatz nicht vor: Joana Reiterer lacht, macht einen Witz und kämpft weiter.

Ausweglose Situationen in Siege verwandelt
Um zu verstehen, woher so viel ­Energie kommt, muss man mit Reiterer in ihre Heimat Nigeria fahren: Denn als sie auf der Wiener Parkbank saß, war sie schon geübt darin, ausweglose Situationen in einen Triumph zu verwandeln. Wenn man mit ihr durch die Flughafenkontrolle geht, piepst der Metalldetektor: In ihrer Schulter steckt eine Kugel – eine Erinnerung an einen Überfall auf einen Bus, den sie als junges Mädchen überlebte. Fährt man mit ihr durch die Millionenstadt Lagos, zeigt sie auf eine Brücke: Darunter hat sie tagelang geschlafen, als sie als Teenager vor ihrem Vater floh und auf der Straße landete. Diese Geschichte hat sie sich in der ­Autobiografie „Wassergöttin“ von der Seele geschrieben. Ihr Vater verfiel dem Geisterglauben Juju – bei uns als Voodoo bekannt – und meinte, in seiner eigenen Tochter eine Hexe zu erkennen. Es gelang ihr zu fliehen. Nach den Tagen unter der Brücke kämpfte sie sich schon einmal nach oben – bis die Ehe sie nach Wien brachte und sie von einem neuen Tiefpunkt wieder durchstartete.

Tabus brechen und Auswege finden
Heute hat sie mit dem Verein Exit ein großzügiges Büro im 15. Bezirk ge­mietet. Ihre Klientinnen lernen dort, Schmuck zu fertigen – ein Ausweg für die Asylwerberinnen, die praktisch nur als Prostituierte legal Geld verdienen können. „Ich mache das nicht, weil ich selbst Nigerianerin bin, sondern weil es mir am Herzen liegt“, sagt sie. Und wohl auch weil es ihr liegt, Tabus zu brechen: Ihr nächstes Projekt ist ein Film über verfolgte „Kinderhexen“ in Nigeria. Die Verträge sind unterschrieben. Joana ist schwanger, ihr zweites Kind kommt bald auf die Welt. Sie hat den Start des Filmprojekts auf September verschoben. „Dabei wollte ich das machen, bevor ich 30 bin“, sagt sie. Und man fragt sich nicht mehr nur, woher sie die Zeit nimmt, nun selbst auch Schmuck herzustellen, sondern auch, wie so viel Leben in 29 Jahre passen kann.

Corinna Milborn

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