Schweizerhaus-Chefin Kolarik: "Ich muss in die Oper, um meinen Kopf freizubekommen"

Hanni Kolarik ist die Seele des Wiener Schweizerhauses. Sie agiert seit Jahrzehnten im Hintergrund und ist doch stets präsent. Neue Kraft schöpft die Wirtin aus der Musik von Verdi, Mozart und Wagner – und auf Reisen.

Im Bild: Hanni Kolarik zeigt die Fülle ihrer Programmhefte aus Oper und Theater.

„Frau Diplomkaufmann Hanni Kolarik wurde für ihre dauernde erfolgreiche Obsorge für die Gäste vom Bundeskanzler mit dem Titel Kommerzialrätin ausgezeichnet. Wir glauben, jeder wird uns verstehen, dass wir ein wenig stolz darauf sind.“ So steht es auf der Homepage des Wiener Schweizerhauses, datiert mit 15. März 2010. Und die allermeisten Kunden werden das Lob verstehen, das einer Frau nach fast zwei Jahrzehnten intensivster Arbeit ausgesprochen wurde und die von den Stammgästen „Frau Schweizerhaus“ genannt wird. Hanni Kolariks Namen findet man in der Suchmaschine Google eher bescheidene 49-mal. Denn die gebürtige Wienerin hat ihr bisheriges Leben ausschließlich ihren drei Kindern und eben dem berühmtesten Biergarten Wiens, dem Schweizerhaus, gewidmet. Wie viele Stunden sie in der Saison arbeitet? „Das wollen wir nicht zählen, je nach Anfall“, meint sie. Saison ist vom 15. März bis 31. Oktober. Vor ein paar Tagen wurde ­wieder aufgesperrt. Alles ist auf Hochglanz gebracht, und die 70 Kellner sind auf ihren Job vorbereitet. Hanni Kolarik prüft persönlich jeden Einzelnen ab. Das Basiswissen muss sitzen: Was ist eine Stelze? Was der Inhalt einer Prager Suppe (Kutteln)? Und wie viel Prozent Alkoholgehalt hat das Budweiser?

Die Entscheidung: Wirtshaus oder nicht?
Die Wirtin, die gar keine gelernte ist, hat alles von der Pike auf gelernt. Und zwar seit dem Jahr 1993. „Das war die einschneidendste Zahl in meinem Leben. Damals ist mein Schwiegervater gestorben, und ich musste mich entscheiden: Helfe ich meinem Mann Karl im Betrieb oder nicht?“, erinnert sich Frau Schweizerhaus. Die Kinder waren gerade „halbwegs draußen, standen auf Schiene“. Hanni Kolarik, deren Eltern eine Wiener Landwirtschaft betrieben, hatte Wirtschaft studiert und anschließend in der PR-Agentur Publico gearbeitet. Bierschank und Stelze waren Fremdwörter für sie. Trotzdem: Sie überlegte kurz und entschied sich, im Schweizerhaus die Ärmel aufzukrempeln: „Ich dachte, ich muss das für meine Kinder tun.“ Ihr Ziel: die Gäste so zu bedienen, wie sie es selbst als Gast gern hätte. Und kochen konnte sie ja. Schon als Kind mussten sie und ihre Schwester oftmals für 25 Arbeiter im elterlichen Betrieb den Mittagstisch richten. Sie krempelte auch um: „1999 kamen zwei Bagger und ­rissen 25 Jahre weg.“ Knapp fünf Monate später war alles neu. „Die Gäste bemerkten die baulichen Veränderungen kaum“, schüttelt Hanni Kolarik noch heute den Kopf. Aber: Es war das umsatzstärkste Jahr aller Zeiten.

Liebe zur Oper und zu Villazón
Bis heute ist Kolarik, 62, die gute Seele des traditionellen Biergartens inmitten der vielen Kastanienbäume. Eine offizielle Funktion oder gar Anteile an Karl Kolarik’s Schweizerhaus GmbH besitzt die fleißige Frau nicht. „Das brauche ich nicht. Ich habe es nie des Geldes wegen getan. Ich vertrete hier meinen Mann und tue das für meine Kinder“, erklärt sie. Dass sie im Golfclub nur noch „unterstützendes und zahlendes Mitglied“ ist, erwähnt sie nebenbei. Als Ausgleich zum Stress sucht sie lieber Theater- und Opernsäle auf, befriedigt ihr Bedürfnis nach Kultur. „Ich muss in die Oper, um meinen Kopf freizubekommen, sonst geht nichts mehr rein“, sagt Hanni Kolarik. Seit Jahren hat sie ein Abonne­ment in der Oper und im Burgtheater. „Wir haben uns vom letzten Rang bis in die sechste Reihe vorgedient“, erzählt sie. Klassische Musik ist ihre Leidenschaft. Wagners anspruchsvoller „Ring“ ist ihr genauso lieb wie Mozarts „Zauberflöte“. Die größte Entspannung genießt sie jedoch bei Verdi. „Das sind Melodien, die ins Ohr gehen und in mein Herz.“ Ihr Lieblingssänger ist Rolando Villazón: „Ich hoffe, dass er bald wieder gesund ist und in ‚Carmen‘ mit Netrebko und Garanca auftreten kann.“

Ambivalente Gefühle für Bernhard
Dem Burgtheater bringt die Wirtin eher ambivalente Gefühle entgegen. Den Peymann hat sie „Gott sei Dank überlebt“. Der neue Burgtheater-Chef Matthias Hartmann ist zumindest ein Schweizerhaus-Fan. Viele der in der Burg aufgeführten Stücke sind Hanni Kolarik nämlich zu problembeladen oder zeitgenössisch inszeniert. „Antonius und Cleopatra“, aktuell in der Regie von Stefan Pucher, ist der Dame wie auch vielen Theaterkritikern eindeutig zu freizügig und kitschig. „Ich weiß, jetzt bin ich Persona non grata, aber die Wortwiederholungen eines Thomas Bernhard, das stilistische Merkmal, halte ich schlecht aus.“ Ihr „Fixpunkt“ ist und bleibt die Oper. Im Winter ist es Wien, im Sommer zieht es sie zum ­Festival nach Reichenau. Hanni Kolarik spielt selbst kein Instrument. Unterricht bekam sie schon, am Klavier, „doch das ist hundert Jahre her“. In ihrer Familie war Musik immer ein Thema. Der Vater hörte gern Operetten, und das Neujahrskonzert war ein Pflichttermin im Radio. „Da durften wir nicht stören. Mir geht es genauso. Allerdings durfte ich das Neujahrskonzert schon dreimal in Folge live erleben. Eine wunderbare Art, das neue Jahr zu beginnen“, schwärmt Kolarik.

"Frau Schweizerhaus" klingt nach Applaus
Jetzt hat die Saison im Schweizerhaus begonnen. In den viereinhalb Monaten Pause gehen die Wirtin und ihr Mann mit Vorliebe einem anderen Hobby nach: dem Reisen. Im Jänner verbrachte das Ehepaar 19 Tage in der Antarktis. „Das war die schönste Reise meines Lebens. Ich wollte immer diese Eisberge in all ihren Formen und Farbschattierungen erleben“, verhehlt Kolarik ihre Begeisterung nicht. Sie hätte gern mehr Zeit für Reisen. Möglicherweise bekommt sie die, wenn Tochter Regina, die bereits im Schweizerhaus mitarbeitet, ihre Mutter bald mehr entlasten kann. Sohn Karl studiert noch, und Tochter ­Katharina arbeitet als Ärztin. Hanni Kolarik will nicht über Zeit­mangel klagen, sie lebt gern für den Betrieb, und wenn ein Gast sie „Frau Schweizerhaus“ nennt, dann ist das für sie so wie für den Künstler der Applaus.

Gabriela Schnabel

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