Schuhmanufaktur-Chef Till Reiter: "Keine Bäume, die in den Himmel wachsen"

Till Reiter leitet die Schuhmanufaktur Reiter in vierter Generation. Privat mag er es beschaulich. Auf seinem Bauernhof im Waldviertel sorgt er selbst für das Brennholz, tischlert diverse Möbel und spielt ab und zu auf seiner Bratsche.

Till Reiter, 47, ist ein sanfter ­Naturbursch. Er liebt es, Holz aus seinem eigenen Wald zu be­arbeiten, zu formen, allerlei nützliche Möbel für sein Bauernhaus zu zimmern. Reiter führt gemeinsam mit seinen Geschwistern in vierter Generation die in Wien ansässige Schuhmanufaktur Ludwig Reiter. Uz, der ältere Bruder, ist CFO, der Mann für die monetären Angelegenheiten. Lukas, der Jüngere, zeichnet für das Reiter-Shop-Design verantwortlich. Das vom Urgroßvater 1885 gegründete Unternehmen betreibt neben der Schuh­erzeugung 14 eigene Geschäfte in Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Quasi Geox-Vorläufer
Der Klassiker der Wiener Schuhmanufaktur ist der rahmengenähte Herrenschuh. Rahmengenäht bedeutet, dass Oberteil und Sohle nicht direkt miteinander, sondern über ein rundum laufendes Lederband vernäht und nicht geklebt werden. Dies verleiht dem Schuh mehr Flexibilität, und der Schuh ist atmungsaktiv. „Wir waren quasi der Geox-Vorläufer“, sagt Reiter augenzwinkernd. Die Rahmen-Technologie brachte Tills Großvater damals aus den USA mit. Dort arbeitete die Reifenfirma Goodyear bereits mit einer speziellen Nähmaschine, die eine gebogene Nadel hatte. Die machte es erst möglich, die Rahmen der Schuhe maschinell zu fertigen.

Nächster Expansionsschritt
Till Reiter selbst übernahm schon im Alter von 23 Jahren den elterlichen Betrieb. Damals ein feines, kleines Business, das der frischgebackene Volkswirt zu einem florierenden, international anerkannten Unternehmen geformt hat. Reiter arbeitet etwa für Labels wie Baldessarini und Michalsky.
Der nächste Expansionsschritt wird gerade getan: Mit einem Investitionsvolumen von sieben Millionen Euro baut Reiter das kürzlich erworbene Renaissanceschloss Süßenbrunn um. Auf das drei Hektar großen Areal soll bis 2010 die Schuhproduktion umgesiedelt werden. Kunden und Touristen haben dann auch die Möglichkeit, die Entstehung der Schuhe live mitzuerleben.

Holz hacken und Möbel tischlern
Privat mag es Till Reiter auch eher beschaulich. Beinahe jede freie Minute verbringt der Unternehmer in seinem Waldviertler Bauernhaus, das er vor 17 Jahren er­worben hat. Um knapp die Hälfte der zehn Hektar Wald kümmert sich Reiter selbst. Die Felder lässt er bewirtschaften. „Ich fälle die Bäume, solche, die krank oder im Weg sind, mache daraus Brennholz und tischlere das eine oder andere Möbelstück, was halt so gebraucht wird: Kasterln, Bücherregale oder einen Tisch“, erzählt der Schuhmacher. Entspannung ist für Reiter offenbar ein Fremdwort. „Ich trenne nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Mit Internet und Handy ist man heute ja rund um die Uhr erreichbar“, erklärt er. Sein Credo: „Einfach das Unangenehme mit dem Nutzlosen zu verbinden.“

Handgefertigte Schuhe, gesunde Struktur
Die beiden Töchter hat Reiter schon in jungen Jahren mit auf Geschäftsreise genommen. Und zuhause wurde Geschäftliches immer schon gemeinsam besprochen. Jobtechnisch braucht Reiter „keine Bäume, die in den Himmel wachsen, eine gesunde Struktur ist viel wichtiger“. Die hat er, und die Zahlen stehen in der Bilanz auch auf der richtigen Seite. Genaue Umsatzzahlen mag er nicht verraten, nur so viel: „Unsere Eigenkapitalquote spottet allen Lehrbüchern, wir haben weit über fünfzig Prozent.“ Neben den Reiter-Klassikern, dem „Wiener“- oder „Budapester“-Schuh, hat Reiter in den letzten Jahrzehnten ein breites Produktangebot entwickelt, angefangen von Freizeitschuhen über Accessoires bis hin zu Outdoorjacken. Die Schuhe werden nach wie vor in Handarbeit hergestellt, viele Modelle können auch als individuelle Privatanfertigung bestellt werden.

Der Bub soll lieber Bratsche lernen
In der ohnehin kargen Freizeit findet der Familienvater noch Zeit, Bratsche zu spielen. „Großvater war ein begeisterter Cellist, der hat mich immer zum Quartettspielen mitgenommen“, erinnert sich Reiter. Sein wirkliches Animo war jedoch, im großen Mercedes des Großvaters am Volant zu sitzen. „Eigentlich bin ich klassisch mit neun Jahren in die Musik hineingezwungen worden. Übermäßig talentiert war ich auch nicht.“ Der Geigenlehrer hat zu Reiters Mutter gesagt: „Das wird nichts mit der Geige, der Bub soll lieber Bratsche lernen, das ist technisch nicht so anspruchsvoll.“

Später Gefallen am Instrument
Gefallen an dem Streichinstrument fand Reiter erst, als er mit dem Wiener Pfarrer Clemens Abrahamowicz Anfang der 80er-Jahre nach Valva, Süditalien fuhr, um dort nach einem Beben karitativ mit der Bratsche aufzuspielen. „Damals sind ganze Landstriche um Valva ver­wüstet worden.“ ­Reiter setzte sich beherzt in einen Reisebus und fuhr mit dem Geistlichen nach Süditalien. Dort packte er mit an, um den Opfern zu helfen. Und am Abend musizierte man Kammermusik in einem verfallenen Schloss. Heute findet er natürlich viel zu ­wenig Zeit zum Spielen. Die Kammermusiker trifft er dennoch, wenn auch nur sporadisch: „Ich mag den musikalischen Diskurs mit Freunden. Das bereitet mir großes Vergnügen.“

Von Gabriela Schnabel

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