Okulist in Ouagadougou: Im Urlaub schenkt Gerhard Schuhmann Blinden das Augenlicht

Professor Gerhard Schuhmann ordiniert an der Universitäts-Augenklinik Graz. Daneben unterstützt er den Verein „Licht für die Welt“, der blinden und anders behinderten Menschen in Afrika hilft. Ein FORMAT-Report aus Burkina Faso.

Er hat das falsche T-Shirt an. Gerhard Schuhmann muss den weißblauen Bus kurz verlassen. Der staubige Toyota gehört dem „Centre Ophtalmologique de Zorgho“. Die Augenklinik in Zorgho, ein kleiner Ort im Zentrum Burkina Fasos, wurde von „Licht für die Welt“ errichtet. Das Logo des Wiener Charityvereins ist nicht nur auf dem Bus deutlich erkennbar, sondern strahlt auch auf dem gelben Leiberl, das sich Schuhmann auf Wunsch von Vereinssprecherin Margit Draxl zu Tagesbeginn rasch überstreifen musste. „Sehr komfortabel“, brummt der 64-jährige Universitätsprofessor und begutachtet das Gefährt: Mehr als 20 Sitzplätze, funktionierende Klimaanlage und reichlich Wasser. Es ist Anfang November. Die Regenzeit ist vorüber. Über 30 Grad im Schatten und rund 60 Augenoperationen lautet die Prognose für die nächsten Tage. Eine heiße Woche für Schuhmann, der den lokalen Augenoperateuren zur Seite stehen wird: „Fahren wir los.“ Diesmal ist der Augenarzt aus Graz fast sieben Tage als Okulist in Ouagadougou unterwegs. Seit zehn Jahren sitzt er im Vorstand von „Licht für die Welt“ und stellt Erfahrung, Kontakte und Freizeit in den Dienst der guten Sache. FORMAT ­begleitete den Mediziner bei seiner Stippvisite im Süden des „Landes der noblen Menschen“ (Burkina Faso).

Bestimmung oder Zufall?
Im Oktober 1945 in Graz geboren und in Bruck an der Mur zur Schule gegangen, zog es Schuhmann schon immer in die Ferne. „Meine Mutter hat schon sehr früh gesagt, dass ich als Arzt in Afrika enden werde“, erinnert er sich. Ob es Vorbestimmung war? „Vielleicht.“ Fakt ist: Bevor er 1976 seine Facharztausbildung an der Grazer Augenklinik anfing, studierte er an der Karl-Franzens-Uni und war fünf Jahre an der Gerichtsmedizin. Und als ihm Anfang der Achtzigerjahre ein Freund über die verheerenden Zustände in einer Krankenstation im Süd-Sudan erzählte, wusste er: „Da muss was getan werden.“ In den drei Jahrzehnten danach bereiste der Ophtalmologe von Äthiopien bis Sambia den halben Kontinent – und half. In Nigeria baute er etwa Krankenhäuser, und auch für die Unabhängigkeit der West­sahara machte er sich stark. Letzteres beschäftigt ihn noch heute: „Was Marokko mit den Menschen dort aufführt, ist skandalös. Die Staatengemeinschaft schaut dem Treiben tatenlos zu.“ Dementsprechend unterstützt Schuhmann die saha­rauische Befreiungsbewegung Polisario. Streitbar blieb Schuhmann aber auch in Österreich, wo seine Frau und drei Kinder leben. Als Uni-Betriebsrat etwa sind Wickel mit der Klinikleitung wegen ­unzumutbarer Arbeitszeiten des medizinischen Personals keine Seltenheit. Doch es kommt auch vor, dass Schuhmann in die Revoluzzer-Rolle gedrängt wird: So geschehen Anfang der Neunzigerjahre, als er gemeinsam mit Kollegen erstmals refraktive Augenchirurgie anbot. Das Inserat „Ihre Chance für ein Leben ohne Brille“ brachte Augenärzte wie Optiker zum Schäumen. Leere Versprechen, hieß es damals. Schuhmann: „Die Werbung brachte uns eine Anzeige bei der Ärztekammer ein.“ Dass die Verfahren eingestellt wurden und die operative Korrektur von Kurz- und Weitsichtigkeit mittlerweile als State of the Art gilt, ist eine späte Genugtuung für den „Lasik“-Pionier. Außerdem läuft seine Privat­praxis gut.

Augen-OPs am Fließband
Steinzeitlich wirkt im Gegensatz dazu, wie in Burkina Faso gearbeitet wird. ­Während etwa Katarakt-Operationen im Westen fast nur mit kostspieligen Laser-Geräten durchgeführt werden, regiert ­jenseits des Nigerbogens das Skalpell. „Uns geht es darum, nachhaltige und ­effiziente Strukturen aufzubauen.Wir wollen nicht teures Equipment nach Afrika schicken und warten, bis alles verrostet“, so Schuhmann. „Licht für die Welt“ mache das Gegenteil: „Wir unterstützen die Leute vor Ort.“ Die Bandbreite reiche von Ausbildung über Medikamentenlieferungen bis zum Hospital-Bau. Skalpell sticht Laser, so das Prinzip der angepassten Technologie. „Jerome Sanou ist ein gutes Beispiel“, sagt Schuhmann, als der Bus in der Augenstation in Diebougou Halt macht. Der Ort liegt im Süden, an der Grenze zu Ghana. Eigentlich arbeiten Augenarzt Sanou und sein Team in der Zorgho-Klinik. Doch nun sind sie für vier Tage in Diebougou, um planmäßig 60 Operationen durchzuführen. In viereinhalb Jahren wurden mehr als 46.000 Personen behandelt, lautet die stolze Bilanz der Zorgho-Truppe. Und operiert wird auf kostengünstige Weise: Statt 200-Euro-Faltlinsen, wie sie in Euro­pa üblich sind, werden 3-Euro-Hartlinsen eingesetzt. Schuhmann: „Der Effekt ist derselbe. Die Menschen können wieder sehen.“ Seit 2005 wurden 5.800 augenrettende Operationen durchgeführt. „Nicht schlecht, oder?!“ Bei den OPs in Diebougou greift Schuhmann nicht ein. „Die machen das auch ohne meine Hilfe sehr gut.“ Er sei eher Supervisor, gebe Ratschläge und ­stehe für den Notfall zur Verfügung.

„Das ist heilbar.“
Eine aktivere Rolle spielt er im Diagnoseprozess wie etwa bei Gongo Bengute. „Sehen Sie“, sagt Schuhmann, während er den 75-jährigen Bauern mit seiner schwarzen Taschenlampe prüft. „Das ist grauer Star.“ Dabei handle es sich weltweit um die häufigste Blindheitsursache. Infolge des Alterungsprozesses oder einer unbehandelten Augenentzündung wird die Linse trüb. „Das ist heilbar“, sagt Schuhmann. „Die Operation dauert 15 Minuten. Die trübe Linse wird entfernt und durch eine Kunstlinse ersetzt.“ In der Regel könne der Patient bereits am nächsten Tag wieder sehen und seine Heimreise antreten. Tatsächlich: Einen Tag später wird Bengute der Verband abgenommen. FORMAT ist dabei. Doktor Sanou strahlt, der Patient noch mehr. „Das ist aber schön“, stottert Bengute und zupft am bunten Kleid seiner Tochter, die ihn von der Augenklinik abholt. „Dein Lächeln ist so schön.“ Der Zorgho-Buss fährt die beiden zu ihrer „maison soukala“, so die Bezeichnung der Fort-ähnlichen Lehmhüttenanlage in Süd-Burkina. Dort warten Frau, sieben Kinder und gackernde ­Hühner auf Gongo Bengute. Zum Abschied überreicht ihm Schuhmann eine Plastik-Sonnenbrille und spaziert an blühenden Sor­ghum-Feldern vorbei zurück zum Bus. Es warten noch andere Patienten auf ihn. Mehrere Wochen im Jahr ist Schuhman für „Licht für die Welt“ unterwegs – im Urlaub. Was ihn nach all den Jahren noch antreibt? Schuhmann: „Haben Sie das Strahlen in seinen Augen gesehen? Das war’s doch allemal wert!“

Ashwien Sankholkar, Diebougou

Licht für Burkina Faso
Sieben Projekte werden von „Licht für die Welt“ in Burkina Faso unterstützt.  Darunter Programme zur gemeindenahen Rehabilitation sowie zur Vermeidung und Heilung von Blindheit. Rund 200.000 Burkinabe sind blind. Die Hälfte davon leidet an grauem Star, eine Trübung der Augenlinse. Das Leid kann in einer 15 Minuten dauernden Operation eliminiert werden. Bereits am Tag danach können die Patienten wieder sehen. In dem westafrikanischen Land sind zwölf Millionen Menschen auf augenmedizinische Hilfe von drei Augenärzten angewiesen. Alle drei arbeiten in von „Licht für die Welt“ unterstützten Projekten. Der Finanzbedarf für die nächsten zwölf Monate liegt bei rund 153.000 Euro. Eine Spende von 30 Euro bringt Blinden in Burkina Faso das Augenlicht wieder. Info: www.licht-fuer-die-welt.at . Spenden an: PSK 92.011.650, BLZ 60.000.

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