Musikalisches Spektakel als Höhepunkt eines interkulturellen Austauschs

Der Musiker Otto Lechner und seine Windhund-Band spielten im Armenviertel von Daressalam und besuchten das Behindertenspital CCBRT. FORMAT begleitete den blinden Akkordeonisten durch den „Hafen des Friedens“.

Oh, Stevie Wonder is here! Beim Spaziergang in der Großstadt Daressalam sei er schon einige Male so begrüßt worden, erzählt Otto Lechner. „Die erkennen das sofort.“ Was? Dass er seit mehr als 30 Jahren blind ist.

Dass der 46-jährige Niederösterreicher ein erfolgreicher Musiker ist, werden zumindest die mehr als 500 Schaulustigen im Armenviertel Temeke gleich erfahren. Lechners großer Auftritt mit dem Akkordeon in Afrika steht kurz bevor.

Das musikalische Spektakel ist der Höhepunkt eines interkulturellen Austauschs, der Lechner und seine Windhund-Band drei Wochen durch Ostafrika trieb. Auf ein Honorar für das Konzert verzichtete er. „Das ist mein Beitrag, die Sehbehinderten in Tansania und das Projekt CCBRT zu unterstützen“, sagt Lechner.

Die Abkürzung CCBRT steht für „Comprehensive Community Based Rehabilitation in Tanzania“. Der sperrige Name spiegelt die Gründungsidee des Behindertenspitals wider: das Angebot einer allumfassenden, gemeindenahen Rehabilitation für die Ärmsten der Armen. Das Krankenhaus beherbergt etwa eine Augenabteilung sowie eine Orthopädie und bildet einschlägige Fachkräfte aus. Zu den Financiers zählt der Wiener Charity-Verein „Licht für die Welt“, der auch den Kontakt zu Lechner herstellte.

Operation zum Nulltarif

„Das Spital funktioniert nach dem Robin-Hood-Prinzip“, sagt „Licht für die Welt“-Pressesprecherin Margit Draxl. Die Patienten müssen für ihre Behandlung zahlen, aber sozial gestaffelt. „Die Reichen subventionieren die Armen“, ergänzt Draxl. 93 Prozent der Spitalsgäste zahlen 3.000 Tanzania Shillings (umgerechnet: 1,50 Euro), weniger oder gar nichts. Die betuchte Klientel, die auf dieselben Ärzte zurückgreift, muss zumindest 20.000 Shillings (10 Euro) hinblättern. Zum Vergleich: Das Durchschnittseinkommen in Tansania liegt bei 90 Euro im Monat.

„Angenehmer als das AKH“, stellt Anne Bennent fest. Die berühmte deutsche Schauspielerin begleitet Ehemann Otto durch das CCBRT -Spital und hört Ärzten und Krankenpflegern genau zu. Wiewohl Lechner die Umgebung „wie bei uns in den Siebzigerjahren“ wahrnimmt, erkennt er einen Unterschied: „Die Atmosphäre ist menschlicher.“

Wir sind kein Krankenhaus, sondern ein Gesundheitszentrum – das vermittelt das CCBRT -Team dem blinden Mann. Die Trübung der Linse („grauer Star“) wurde bei Lechner spät erkannt. Zu spät. Er wurde blind. Lechner: „Die richtige Operation zur richtigen Zeit hätte das verhindert.“

Genau das geschieht im CCBRT -Spital seit der Gründung 1994: Rund 4.300 Patienten, darunter 450 Kinder, werden Jahr für Jahr am grauen Star operiert – und von der Blindheit geheilt. Eine stolze Bilanz, die auch Lechner freut.

Doch das Spital bietet noch mehr, wie Lechner feststellen muss: „Och, das riecht jetzt arg.“ In der Orthopädie-Abteilung werden Beinprothesen aus Kunststoff gegossen. Der Plastikgeruch macht ihn schwindlig.

Hinter der Tür mit dem Schild VVF ist das Odeur nicht viel besser. In dem 140 Quadratmeter großen Raum stehen 17 Betten und neun Ventilatoren. Jedes Bett ist belegt, hat ein blaues Moskitonetz und einen riesigen Wasserbehälter. Die Frauen in dem Raum, der von einem Hauch Urin durchströmt ist, leiden alle an VVF („Vesicovaginal Fistula“). Die Blasen-Scheiden- oder Geburtsfistel ist das unangenehme Nebenprodukt einer Fehlgeburt.

Auslöser der Geburtsfistel ist eine Querlage des Kindes, die eine natürliche Entbindung verhindert. Weil der Kaiserschnitt im Hinterland oft unbekannt ist, erklärt eine Krankenschwester, lassen schlecht ausgebildete Hebammen die Mutter weiter pressen – bis zur Fehlgeburt. Weil der Kopf des Babys gegen das Becken drückt, bleibt ein Loch zwischen Vagina und Blase zurück. Die Folge ist schwerste Inkontinenz, weil Urin nicht mehr zurückgehalten werden kann.

„Es war wie ein Fluch“, sagt die 29-jährige VVF-Patientin Elisha Neema und betrachtet ihre grünen Plastiksandalen. Zwei Fehlgeburten habe sie hinter sich, viele Freundschaften gingen verloren. Nur am Sonntag wagte sie sich zum Kirchgang aus dem Haus. Aus Stofffetzen selbst fabrizierte Windeln linderten das Unbehagen, erzählt sie. „Es war furchtbar!“

Die Zeit der sozialen Ausgrenzung ist Vergangenheit. Der chirurgische Routineeingriff – die Öffnung wurde zugenäht – wird ihre Lebensqualität verbessern, weiß Elisha Neema schon jetzt. Woher sie über die VVF-Behandlung erfahren hatte? „Von lokalen CCBRT -Fieldworkern.“ Die erklären dem skeptischen Landvolk in mühevoller Kleinarbeit, dass viele Krankheiten behandelbar sind. Eines ihrer Probleme: den Betroffenen klarzumachen, dass CCBRT ihnen helfen kann. „Sie hören nicht zu“, sagt Fieldworker Faragi. Das Lechner-Konzert im „Hafen des Friedens“ (Dar essalam) sollte für die gute Sache werben – und der Zweck wurde erfüllt.

– Ashwien Sankholkar, Daressalam

„Licht für die Welt“, PSK-Konto 92.011.650, Bankleitzahl 60.000, www.lichtfuerdiewelt.at

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