Kaffeehaus-Literatouren: Del Campo hat seine literarische Heimat in Wien gefunden

Oscar del Campo, Generaldirektor der Wiener Traditionshotels Imperial und Bristol, ist ein Eroberer. Seine literarischen Conquistas führen ihn auf die Spuren der großen Kaffeehausliteraten von Altenberg bis Zweig.

Oscar del Campo erobert bereits von Kindesbeinen an. Zuerst kamen die Buchstaben: Deutsche „As“ reihten sich neben spanische „Os“. Spielerisch wurde im Stuttgarter Haus der del Campos Sprache erlernt, erfühlt und erobert. Später kam das Lesen: Zeile für Zeile fielen dem Jungen mit der Denkerstirn „Räuber Hotzenplotz“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ zu. Das A bis Z der Kinder- und Jugendbücher hatte del Campo schneller intus als das Einmaleins. „Ich habe die Buchstaben den Zahlen vorgezogen“, schmunzelt der gebürtige Schwabe mit spanischen Wurzeln. „Mein Vater arbeitete bei einem großen deutschen Buchverlag. Sämtliche Neuerscheinungen wurden mir quasi ins Kinderzimmer geliefert.“ Wen wundert es also, dass sich fast vier Jahrzehnte später kaum etwas geändert hat.

Auf Kinderzimmer folgt Kaffeehaus
Heute sucht der Manager zweier Luxushotels vor allem an den Wochenenden seine favorisierten Wiener Kaffeehäuser auf, den Boden seiner literarischen Conquistas. Bewaffnet mit nur einem Buch, ergötzt er sich je nach Laune an der sprachlichen Brillanz eines Friedrich Torberg, amüsiert sich mit Heimito von Doderers Bonmots oder landet traumverwirrt bei Stefan Zweig. „Ja, ich zelebriere im Kaffeehaus sicher eine Art von Eskapismus“, bestätigt der sprachversierte Hotelfachmann. Für Wien und die Zeit der Kaffeehausliteraten zwischen Fin de siècle und dem Zweiten Weltkrieg nichts Neues. Denn eine letzte Hochblüte erlebte die in der Donaumetropole geborene Literaturform in der Weltwirtschaftskrise 1929. In Zeiten ökonomischer Not scheint es immer einen ausgeprägten Drang zum Kaffeehausleben zu geben. Eskapismus im Kollektiv beim kleinen Schwarzen plus Lektüre könnte für das Überleben in der Krise als Rezept verschrieben werden.

Beinahe ein Schreibender geworden
Das Lesen hätte del Campo fast zum Journalismus gebracht. Aber das Schreiben interessierte den heute 40-Jährigen dann doch nicht so wirklich. Das Ausland dafür schon eher. Die berufliche Wahl fiel vielleicht auch deshalb früh auf das Hotelfach. Nur während des Abschlussjahres, als del Campo gleichzeitig für die spanische Matura büffeln musste, gab es einen „gedanklichen Versuch“. „Mein Spanischlehrer war damals Kommentator bei der Tageszeitung ‚El País‘. Da hab ich kurzzeitig Feuer gefangen und wollte Auslandskorrespondent werden“, so der Hoteldirektor. Seine romantischen Vorstellungen vom abenteuerlichen Leben eines Korrespondenten konfrontierte er mit der Realität: „Ich sah mich bereits vor der Kamera von Kriegsschauplätzen berichten. Doch es war schon damals äußerst schwierig, einen Praktikumsplatz bei einer ernst zu nehmenden Redaktion zu bekommen.“ Die Perspektive eines Schreibtisches in einer deutschen Lokalredaktion schreckte del Campo ab und ließ ihn endgültig in die internationale Hotellerie wechseln.

García Márquez im Rucksack
Nächster Karrierestandort: London. Mit einer alten Vorliebe: „Wo immer ich mich im Ausland aufgehalten habe, immer war es die Literatur, die mir die Eigenheiten und das Verständnis für das jeweilige Land vermitteln konnte.“ Damals wie heute liest del Campo deutsche, spanische und englische Klassiker im Original. In London lebte er acht Jahre lang, dann verschlug es ihn nach Mallorca. Als Generaldirektor des Golf Hotels Son Vida nutzte er die Insel, um einer anderen Leidenschaft zu frönen: Mountainbiken. Und was war mit dem Lesen? „Große spanische Literaten gibt es ja en masse zu entdecken. Das eine schließt das andere doch nicht aus. In meinem Rucksack befindet sich immer ein Buch, und wenn ich eine Rast einlege oder ein idyllisches Plätzchen finde, lasse ich mich nieder und lese“, resümiert der sportliche Manager. Miguel Delibes, der Kolumbianer Gabriel García Márquez sowie der zeitgenössische spanische Autor Arturo Pérez Reverte gehören zu den meistgelesenen Schriftstellern in del Campos breit gefächerter Bibliothek. „Ein Land entdeckt man durch die Sprache. Die Literatur führt unter die Oberfläche der Gesellschaft“, philosophiert del Campo.

Literarische Heimat in Wien gefunden
Als 2006 das Angebot für die Wiener Hotels Imperial und Bristol kam, konnte del Campo nicht widerstehen, obwohl der Vielgereiste noch nie in Wien gewesen war. „Meine Frau und ich haben uns Wien immer für eine besondere Gelegenheit aufgehoben. So sind wir buchstäblich immer daran vorbeigefahren.“ Nachdem del Campo systematisch Historisches zur Stadt gelesen hatte, fiel ihm noch vor seiner Übersiedlung Joseph Roth in den Schoß: „Radetzkymarsch“, die Untergangshymne auf die sterbende Monarchie, geschrieben von einem im Dauerrausch befindlichen Genie auf dem Weg in die literarische Unsterblichkeit. Der Bazillus saß. Mit jedem weiteren Schritt, mit dem sich del Campo der Stadt näherte, bestätigte sich seine Vermutung: Er hatte seine literarische Heimat gefunden.
Im Mai 2007 in Wien angekommen, waren die Stadt und ihre Menschen kaum mehr ein Rätsel für den Neuankömmling. Sogar im eigenen Haus, dem Hotel Imperial, entdeckte der damals frischgebackene Direktor Spuren der Kaffeehausliteraten. Im Gegensatz zu manch anderen ehemaligen Literatencafés lockt der leicht patinierte Charme des hoteleigenen Cafés beim Schwarzenbergplatz immer auch Kulturmenschen an. „Ich kann mich ja leider nicht in mein eigenes Café setzen“, meint Hoteldirektor del Campo. „Aber ich habe mir eine passende Alternative gesucht. Dort sitzen vor allem lebende Autoren“, meint der Connaisseur lächelnd – und nennt keine weiteren Details.

Von Romana Kanzian

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