Gut eingefädelt

Die Kunstfigur Conchita Wurst fiebert der Vorausscheidung des Eurovision Song Contest entgegen.Wenn sie scheitert, kann sie ja noch Modedesignerin werden.

Wenn Conchita Wurst, 23, in Erscheinung tritt, zieht sie alle Blicke auf sich. Sie hat Model-Maße, langes schwarzes Haar, trägt High Heels und einen Vollbart. Und der ist auch ihr Markenzeichen. Ein hübsches Mädchen mit Bart. Die Travestiekünstlerin hat für sich eine Nische ­entdeckt, die in der österreichischen Unterhaltungsindustrie und im Entertainment-Business gefehlt hat. Und sie kann jetzt auch leben von diesem Beruf.

Bei unseren deutschen Nachbarn sind Menschen wie Hape Kerkeling, die in Rollenbilder schlüpfen, längst Stars. Der Komiker und Schauspieler hat erst jüngst als Kunstfigur „Horst Schlämmer“ die Gottschalk-Nachfolge bei „Wetten, dass …?“ abgelehnt. „Er schlüpft ständig in andere Rollen, das ist mein Vorbild, dort möchte ich hin“, schwärmt Conchita Wurst, die am 24. Februar in der österreichischen Vorausscheidung für den Eurovision Song Contest mit dem Lied „That’s What I Am“ antritt. Sie würde „wahnsinnig gerne nach Baku fliegen“, ist jedoch realistisch genug, zu wissen, dass sie ebenso viele Gegner wie Befürworter hat. „Die Welt wird trotzdem nicht untergehen, ich habe noch tausend andere Ideen“, nimmt sie es locker.

Mann steht seine Frau

Conchita Wurst, hinter der Thomas Neuwirth aus Bad Mitterndorf steckt, hat trotz ihrer jungen Jahre schon einiges ausprobiert und stand oft schon im Rampenlicht, erst als Mann, dann als Frau. Mit 18 Jahren wurde sie als Tom bei der Talente-Sendung „Starmania“ Zweiter, sang dann bei einer Boy-Band, bevor sie sich in Conchita Wurst verwandelte. Entdeckt wurde sie im Varieté-Stück „Salon Kitty Revue“, wo sie als Moderatorin auftrat. Es folgte der Ruf zur „Großen Chance“, wo die Travestiekünstlerin mit Damenbart ihren großen Durchbruch feierte. Mit ihrem Rollenspiel möchte Conchita auch ein Statement abgeben: „In Zeiten von Facebook kann jeder sein, wer er will. Wir leben in einem Zeitalter, wo viele aus der Realität ausbrechen möchten. Da ist es wurst, wie jemand aussieht oder wo er herkommt.“

Ihr Statement wurde gehört. Heute ist Conchita bei Sony Music unter Vertrag, wirbt für die Grünen in ­Sachen „Energiewende“, stöckelt von einem Auftritt zum anderen – und ist auch in ausländischen Gazetten begehrt. Die „Bild“-Zeitung bezeichnete sie als Mischung aus Hollywood-Diva und dem Modedesigner Harald Glööckler. Letzterem sieht Conchita nicht nur wegen des Barts ähnlich, sie hat auch ein Händchen für das Modedesign, ihre große Leidenschaft. Sie stimmt auch Glööcklers Aussage zu: „Atmen ist in Abendkleidern total überbewertet, je mehr Stoff, des­to besser.“ Viele ihrer Roben hat Conchita Wurst in freien Stunden selbst gefertigt. „Mit ein paar Tricks habe ich in zehn Stunden ein Kleid designt“, zwinkert sie, „benotet werde ich ja nicht, und von innen bekommt das Abendkleid ja niemand zu sehen.“

Kleider machen Leute

Ganz von ungefähr kommt das Talent zum Schneidern nicht. Als Thomas Neuwirth besuchte sie in Graz die Höhere Bundeslehr­anstalt für Mode und Bekleidungstechnik. Das Meis­terstück beim Schulabschluss 2009 war ein Damenblazer nach Vorgabe sowie ein Kostüm-Dreiteiler, der frei interpretiert werden durfte. „Damals waren ja die Pagodenärmel total in, die mein großes Idol, Victoria Beckham, wieder aufleben lieߓ, erzählt sie. „Die ­Jacke hatte also Pagodenärmel, das Gilet war schlicht, und den Bleistiftrock fertigte ich in 3D-Optik.“ Leider hatte sie nicht daran gedacht, den Rock auch unterfüttern zu müssen, und das war in 3D ein schwieriges Unterfangen. Deshalb wurde die Robe auch nur mit der Note 3 bewertet. Trotzdem schließt Conchita Wurst nicht aus, möglicherweise einmal hauptberuflich in das Modefach zu wechseln und eine eigene Kollektion auf den Markt zu bringen.

Am Opernball Mitte Februar wird Conchita in einem opulenten Miederkleid mit ausladenden Hüften – diesmal kein Eigenentwurf, sondern eine Anfertigung von Designer Thomas Kirchgrabner – den „Style-Check“ bei den Gästen in Begleitung eines Kamerateams machen. Obwohl sie von Glamour und Öffentlichkeit lebt, bleibt die Sängerin im Privatleben gerne inkognito – soferne das noch geht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Jacques Patriaque, 30, lebt sie in Wien-Neubau. Wenn sie ausgeht, erspart sie sich das eineinhalbstündige Make-up, die Perücke bleibt in der Schublade und die High Heels im Kasten. Und wenn es Conchita Wurst in Wien zu eng wird, flüchtet sie in die steirische Marktgemeinde Bad Mitterndorf, wo ihre Eltern einen Gasthof betreiben.

Gabriela Schnabel

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