Gebrauchte Kunst: Statt über Geld denkt Paul Ferstel lieber über 50er-Jahre-Design nach

PR-Mann Paul Ferstel umgibt sich gern mit schönen Dingen, Kunstgegenständen aller Art. Er mag auch feines Tuch und teures Leder. Schuld an seinem Spleen ist die Lederhose aus seiner Kindheit.

Er ist der Prototyp eines Dandys. Er verabscheut alles Grelle, Laute, Parfümierte. Er ist gelegentlich ein Snob, kultiviert seine Kleidung, sein Auftreten, auch Witz und Bonmot. Gegen diese Charakteristik seiner Person hat Paul Ferstel, Chef der Agentur Partners in PR, absolut nichts einzuwenden. Was Ferstel jedoch auf den Tod nicht ausstehen kann, ist, wenn man ihm aufgrund seiner aristokratischen Herkunft unterstellt, dass er ein reicher Pinkel sei, der es nicht nötig habe zu arbeiten. „Das sogenannte Palais Ferstel, das kurzzeitig Sitz der Wiener Börse und der Oesterreichisch-ungarischen Bank war, hat nie unserer Familie gehört. Mein Ururgroßvater, der damalige junge Architekt Heinrich von Fers­tel, war 1860 lediglich der Errichter des Hauses.“

Kindheit in Döbling
Auch in seiner Kindheit konnte der PR-Chef keineswegs wie Dagobert Duck im Geld baden. Ferstel wuchs in Wien-Döbling in einem 30er-Jahre-Haus auf. Mutter Erna, eine Weinbauerntochter aus Grinzing, schupfte den Haushalt, Vater Wolfgang war Direktor bei In­gelen, damals einer der bedeutendsten Port­able-Hersteller. Der Vater, ein Spross aus der Industriellenfamilie Gutmann, von der heute noch die Bank übrig ist, habe sich im wahrsten Sinne des Wortes „zu Tode gearbeitet“, um die Familie zu ernähren. „Im Gymnasium Billrothstraße war ich sicher einer der Ärmsten“, erinnert sich Ferstel. Das änderte sich in den 80er-Jahren, als Ferstel PR-Berater bei der Agentur Haupt-Stummer war: „Das waren die goldenen 80er. Ich war so wahnsinnig jung und brav, ich war umsatzbeteiligt und habe erstaunlich viel Geld verdient“, schwelgt er in der Vergangenheit.

Geld einfach haben
Nicht nachdenken müssen – weder über Geld noch über Kunst. Doch was ist viel Geld? „Wohlhabend bedeutet, wenn man über Geld nicht nachdenken muss. Reich ist man, wenn man sicher sein kann, alles zu bekommen, was man will, da gehört auch ein Picasso dazu“, so Ferstels Definition. Picasso hat er keinen. Dafür kauft er regelmäßig zeitgenössische Kunst. Seine Wohnung mit Blick auf den Burggarten zieren unter anderem Werke des Fotokünstlers Matthias Herrmann, des Quasi-Surrealisten Peter Sengel, des Konzeptkünstlers Heinrich Dunst und der Medienkünstlerin Constanze Ruhm. Ferstel sieht sich allerdings nicht als klassischer Sammler, der auf der Jagd nach dem Angesagtesten ist und die Bilder dann in dunklen Räumen für ­Jahre verschwinden lässt. „Ich will mir Geld nicht überlegen und will mir auch Kunst nicht als Investition überlegen. Bei mir ist weder ein System dahinter noch sonst jedwede Absicht. Ich habe ganz einfach schöne Dinge um mich herum.“

Verhängnisvoller Fonduetopf
Zu den schönen Dingen zählt Ferstel auch jene, die der Nachkriegsdesigner Carl Auböck für den täglichen Gebrauch kreierte. Ob Maiskolben-Spießchen, Fonduegabeln, Telefonbleistifte oder Kerzenhalter. Diese kleinen, zierlichen Objekte liegen in der ganzen Wohnung verstreut herum. Wie Ferstel zu dieser Doch-Sammel-Leidenschaft kam? Die Familie hatte in den 70er-Jahren einen Fonduetopf, der dazu neigte, den Tisch anzubrennen. Drei Jahrzehnte später spazierte Paul Ferstel in der Gumpendorfer Straße beim Antiquitätengeschäft Lichterloh vorbei und entdeckte den Topf aus seiner Kindheit in der Auslage – mit 4.000 Schilling angeschrieben. „Da habe ich angefangen, mich an meine Kindheit und das damalige Lebensgefühl zu erinnern, das Auböck mit seinen Kreatio­nen verkörperte.“

Sinn für Individualität
Ferstel hat seine Freude mit diesen „Dingen, die eigentlich kein Mensch wirklich gebraucht hat“. Vorteile zog er dennoch aus der Sammlerei: „Das Zusammentragen der Auböck-Gegenstände hatte fast einen therapeutischen Effekt für mich.“ Jedenfalls einen nötigen: Er hatte zwar eine schöne, aber keine glückliche Kindheit. Seine simple Erklärung: „Die Mutter hat uns vier Kinder alle gleich behandelt, nicht individuell, das war damals Erziehungsprinzip.“ Vielleicht ist er auch deshalb ein wenig zum Snob geworden. In der Sommerfrische immer nur Lederhosen und oft abgetragenes Gewand – heute „nie mehr“. Noch mehr verhasst ist ihm der Winter samt Sport. „Skifahren ist mir nach wie vor grässlich.“ Er frönt lieber den schönen Dingen, stylt sich gern vom Scheitel bis zur Sohle. Was dem Papst gerade recht ist, ist Paul Ferstel billig: Schuhe aus dem Hause Prada. „Ich hatte eben eine langweilige, nichtssagende, unauffällige und angepasste Kindheit.“

Gerade heraus
Auf manche Menschen wirkt er manchmal zickig. Das weiß er auch: „Ich bin gern unabhängig und nicht bereit, zu jemandem freundlich zu sein, den ich nicht mag. Punkt.“ Ferstel meint, dass er nicht zuletzt wegen dieser Eigenschaft ein schlechter Netzwerker für seine Person sei. Für seine Kunden tut er das aber gern und bleibt sich doch treu. „Ich lasse mich beruflich auf nichts ein, nur um an Aufträge zu kommen. Wichtig ist, dass man sich nicht verbiegen lässt.“ Schön, wenn man sich so unabhängig fühlen kann.

Von Gabriela Schnabel

Body & Soul

Raiffeisen-Holding Generaldirektor Klaus Buchleitner - der virtuose Problemlöser

Doris Felber gab nie klein bei. Jetzt feiert sie - und gleichzeitig die Bäckerei - ein Jubiläum.
 

Body & Soul

"Ich habe mein Leben selbst in die Hand genommen"

Zum Abschied gibts noch eine große Party im Wiener Odeon Theater.
 

body and soul

Hermann Becker, Grandseigneur der
Porsche-Holding, geht in Pension