Die Puppen-Muti: Cris­tina Muti besitzt eine der größten Burattini-Sammlungen Italiens

Maria Cristina Mazzavillani Muti, die Intendantin des Ravenna Festivals, unterhielt als Kind die Menschen mit Burattini-Handpuppen auf italienischen Dorfplätzen. Heute besitzt sie 700 Stück dieser Puppen und träumt davon, diese in ihrem Haus zu neuem Leben zu erwecken.

Maria Cristina Mazzavillani ist eine Powerfrau. Sie ist auch eine international tätige Produzentin, aber auch eine erfolgreiche Managerin. Wäre da nicht der ­Zusatz Muti hinter ihrem Namen, den sie durch Verehelichung mit Maestro Riccardo rechtmäßig trägt, wären böse Zungen nicht selten versucht, ihre Leistungen ­herabzumindern. Abgesehen davon, dass sie das Mastermind hinter der Weltkarriere ihres Gatten ist, zählt Frau Muti seit 1989 in ihrer eigenen Domäne zur Spitze der klassischen Musik. Denn dieses Jahr feiert sie als Gründerin des Ravenna ­Festivals – eines der größten seiner Art in Italien – ihr 20-jähriges Jubiläum als ­Intendantin.

Üppiges Festival-Programm
Soeben aus Salzburg etwas erschöpft zurückgekehrt, wo der von ihr mitproduzierte „Demofoonte“ von Niccolò Jommelli Premiere hatte, empfängt sie uns in ihrem Büro in Ravenna mit Blick auf das Grabmal Dantes. „Auch die eher unbekannte Oper ‚Demofoonte‘ enstand an diesem Ort“, erzählt Muti. Um eben solche unbekannten Werke der neapolitanischen Schule des 18. Jahrhunderts ­wiederzuentdecken, startete sie 1992 im Zuge des Festivals ein Projekt, das allerdings im ersten Anlauf aus Geldmangel scheiterte. Erst dank Markus Hinterhäuser, dem Musikdirektor der Salzburger Festspiele, und Intendant Jürgen Flimm wurde das Projekt in ihrem Sinne nun wieder­belebt. „Hier werden heute alle Bühnenbilder für das Ravenna Festival gebaut, Kostüme geschneidert, die Proben mit dem Jugendorchester Luigi Cherubini ­abgehalten und vieles mehr getan“, berichtet sie stolz. Das Programm des heurigen Ravenna Festivals (14. bis 18. Juli) ist üppig wie immer und reicht von der Jommelli-Oper über Hommagen an Händel und Haydn, Vogelgesangsmadrigale, Filmmusiken, Jazz und Ballett sogar bis zu einem Gastspiel des Musicals der schwedischen Popgruppe Abba, „Mamma mia!“. „Erstaunlicherweise sind bei uns trotz finanzieller Unsicherheiten keine Sponsoren abgesprungen“, freut sich Muti über die Unterstützung der vielen Festival-Freunde.

Musik ist gut gegen den Krieg
Unabhängig vom offiziellen und „kommerzielleren“ Teil der Veranstaltungen hängt Mazzavil­lani Mutis Herz seit eh und je an den „Vie dell’Amicizia“ (Straßen der Freundschaft), einer Serie von Gratiskonzerten im Zuge des Ravenna Festivals, die alljährlich in eine andere Stadt rund ums Mittelmeer und/oder in ein Kriegsgebiet führt. „Die Musik harmonisiert die Disharmonien. Die Musik ist gut gegen den Krieg“, erklärt sie kategorisch. Nach Jerusalem, Kairo, Damaskus, Beirut, Eriwan und Istanbul, aber auch Moskau und Ground Zero, ist heuer zum 20-jährigen Jubiläum des Festivals wieder Sarajevo an der Reihe, die Stadt, während deren Belagerung die Serie „Straßen der Freundschaft“ begonnen hat. „Wir erhielten damals einen Hilferuf, einen Brief von 700 Intellektuellen und Künstlern, mit der Bitte, ihnen beizustehen. Wir haben nicht lange gezögert und sind mit dem ganzen Orchester und Chor in Militärmaschinen nach Sarajewo geflogen, weil der öffentliche Flughafen gesperrt war. Wir haben während der Aufführung der ‚Eroica‘ alle geweint. Das war eine un­vergessliche, unbeschreibliche Emotion“, erinnert sich Muti. Die Konzerte, mit Vorliebe auf öffentlich zugänglichen Plätzen und Orten, finden auch heute noch immer bei freiem Eintritt statt.

Teufel, Feen und Dottori
„Die Kunst gehört allen Menschen. Das ist das Mindeste“, ereifert sich Signora Muti. Da kennt sie keinen Pardon. Und wenn sie einen lokalen Potentaten dazu ­nötigen muss, öffentliche Plätze für alle ­zugänglich zu machen. Wer Muti je erlebt hat, wie sie örtliche Machthaber zur Räson gebracht hat, weil diese gewagt haben, dem Volk durch vorgespielte Sicherheitsmaßnahmen den Zugang zum Konzert zu versperren, weiß, dass hier eine Überzeugungstäterin am Werk ist. Woher diese Überzeugung kommt? Beim Gespräch über ihre große private ­Leidenschaft, die Burattini-Handpuppen, wird rasch klar, wohin die Spur führt. Cris­tina Muti besitzt eine der größten – „und entschuldigen Sie, die schönste“, fügt sie verschmitzt hinzu – Burattini-Handpuppen-Sammlungen Italiens. Die Sammlung umfasst 700 Stück, angefangen von allgemeineren Gestalten wie Teufeln, Toten, Geis­tern, Feen und Zauberern bis hin zu den bei uns weniger bekannten Hauptfiguren wie Fabgiolino, Sandrone, Dottor, Balanzone, Sganapino und viele mehr, in den verschiedensten Formen und Kostümen.

Puppenspiel und verbrannte Haare
„Schon mein Vater hatte diese Passion. Er und zwei weitere Ärzte zogen jedes Wochenende mit ihrem Puppentheater, das ‚il teatro dei tre ­dottori‘ genannt wurde, durch die Dörfer bei Raven­na und spielten unentgeltlich Volkskomödien, Opern, Märchen und Romanadaptionen wie ‚Les Misérables‘“. Und die kleine Cristina, als einziges von fünf Kindern, zog mit der Theater­truppe bei jedem Wetter mit. „Bei Überschwemmungen sind wir durch viel Schlamm gewatet. Wie viele arme, verlassene, verzweifelte Menschen haben wir gesehen“, er­innert sich die heutige Intendantin Muti. Klein Cristina war damals immer ganz gebannt von den Vor­stellungen des Puppentheaters, musste die Truppe jedoch auch entsprechend ihren Kräften unterstützen. Und so unterhielt „la piccola“ Cristina im Alter zwischen sieben und 14 Jahren in den Pausen das Publikum mit Witzen und Liedern und ahmte Stimmen von Prinzessinnen, Alten und Hexen nach. „Als besondere Belohnung durfte ich sogar mittels einer ingeniösen blasrohrartigen Einrichtung Furcht ein­flößende rot-weiß-blaufärbige Flammen zur Explosion bringen“, erinnert sich Muti. Wenn sie allerdings dann mit verbrannten Haaren nachhause kam, wurde sie von ihrer Frau Mama heftig gescholten.

Zurück zum Anfang
Vor einigen Jahren erstand die Puppen-Muti ein traditionelles Steinhaus (Damuso) auf der süditalienischen Insel Pantelleria. Und wenn die ­Sache mit dem Ravenna Festival einmal zu mastodontisch werden sollte, träumt sie ­davon, auf der zum Meer abfallenden ­Terrasse nachts bei Fackelschein vor der dortigen Bevölkerung ihre „Burattini“ wieder zu neuem Leben erwachen zu lassen, so wie damals, als sie noch ein kleines ­Mädchen war. Gemäß ihrer Philosophie: „Das Materielle muss schrumpfen, das Geis­tige muss wachsen.“

Von Gabriela Schnabel und Robert Quitta

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