Andreas Mailath-Pokorny: Bergtouren im Internet, Ahnenforschung in Siebenbürgen

Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ­reist gerne. Virtuell mithilfe von Google Earth. Auch auf den Spuren seiner Vorfahren, von denen einer Kaiserin Sisi unterrichtete.

Für manche Menschen hat der Tag mehr als 24 Stunden. Zu ihnen zählt Andreas Mailath-Pokorny, 49. Jede Minute im Leben des zwei Meter großen Sozialdemokraten scheint verplant zu sein. So wie auch beim Gespräch mit FORMAT. Gerade begonnen, wird der Wiener Stadtrat für Kultur und Wissenschaft unterbrochen: „Vor Ihnen sind nur noch drei Redner im Gemeinderat“, mahnt ihn seine Pressereferentin Renate Rapf zur Eile. Noch schnell ein paar erklärende Sätze, rein in den Mantel und ­eilenden Schrittes vom Büro ins nahe gelegene Rathaus. Stets jagt ein Termin den ­anderen. Abends warten dann zuhause drei Rangen darauf, dass der Papa Zeit für sie hat. Nicht immer kann der Politiker seinen Kids diesen Wunsch erfüllen. Am ehesten noch am Wochenende, da spielt er mit ­ihnen im Stadtpark Fußball. Mehr Zeit gibt es wie jetzt in den Energieferien im Vorarlberger Bauernhaus, das sich im Familienbesitz befindet.

Virtuell Berge besteigen
Seine eigenen Bedürfnisse stellt der Berufspolitiker weitgehend hinten an. Oder kann ihnen nur eingeschränkt nachgehen: „Meine große Leidenschaft ist das Reisen“, sagt er. Mailath-Pokorny hat einen Weg gefunden, seine Passion trotz seines zeitraubenden Jobs zu leben. „Wenn man Humboldt liest, sich gute Kartenwerke zulegt und sich mit Google Earth beschäftigt, kann man tolle Reisen unternehmen, zumindest vir­tuell“, erklärt er. Erst kürzlich ist der Stadtrat mithilfe von Google auf den berühmten Berg Ararat, einen ruhenden Vulkan in Ostanatolien nahe der Grenze zu Armenien und dem Iran, gestiegen. Anderntags unternahm er eine virtuelle Ex­pedition ins Himalajagebirge und eroberte einen Achttausender nach dem anderen.

Auf Entdeckungsreise
„Solche hochinteressanten Trips mache ich meist spätnachts, das ist hochinteressant. Die Stunden vergehen dabei wie im Flug.“ Das Entdecken anderer Länder und Kulturen übte schon in seiner Jugend eine große Faszination auf Mailath-Pokorny aus. „In meiner Studienzeit habe ich nicht nur deshalb mit großer Freude amerikanische Studentinnen durch Europa geführt“, schmunzelt er. Das Faible für die USA ist ihm geblieben, generell das für andere Kontinente. Mit Ausnahme von Australien hat Mailath-Pokorny schon alle bereist. „Die aufregendste Tour war für mich eine Reise nach Burundi an den Tanganjika­see“, erzählt der Politiker. Um sich auf dieses Abenteuer richtig einzustimmen, las er zuvor „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad.

Auf den Spuren der Familie
Für so aufwendige Touren fehlt dem Stadtrat heute die Zeit. Trotzdem muss er nicht gänzlich aufs Reisen verzichten. Seit ein paar Jahren hat sich der Mann drauf verlegt, auf den Spuren seiner Familie zu wandern. Ein interessantes und praktisches Hobby, weil das Aufspüren der Verwandten keine großen Reisevorbereitungen benötigt. „Mailath, ein ­ungarisches Grafengeschlecht, wurde namentlich erstmals 1353 erwähnt“, erzählt der Politiker. Da die Familie ursprünglich aus Hermannstadt in Siebenbürgen kam, reiste der Ahnenforscher dorthin. Er besuchte auch den Friedhof und stand plötzlich vor einem Grabstein mit der Aufschrift „Andreas Mailath“. „Da bin ich erschrocken, als ich vor meiner vermeintlich letzten Ruhestätte stand.“

Berühmte Verwandtschaft
„Das berühmteste Familienmitglied, Graf Johann Mailath, war Mitglied der ungarischen Magnatentafel, von 1861 bis 1918 die erste Kammer des Parlaments im ungarischen Teil von Österreich-Ungarn. Außerdem war er der persönliche Lehrer von Kaiserin Sisi.“ Der pries bereits die republikanische Gesinnung. Mit durchschlagendem Erfolg: Sisi verwies einmal ausdrücklich auf Mailath, als sie ihre höfischen Begleiter mit dem Satz schockierte: „Ich hörte, dass die zweckmäßigste Regierungsform die Republik sei.“ Aus einem anderen Familienzweig stammte Ida Ferenczy, die einen Onkel von Mailath ehelichte. Sie war eine der Hof­damen von Sisi. Der Name Pokorny (großmütterlicherseits) kam 1932 durch eine ­Adoption zum Familiennamen dazu. 1932 ehelichte Ili Mailath Hans Pokorny, und damit sein Name nicht ausstirbt, wurde er von seinen Schwiegereltern adoptiert. Damals besaßen die Großeltern Güter in der heutigen Slowakei, Velke Chrastany, und in Ungarn, Babad. „Mein Vater ist dort noch aufgewachsen“, erzählt Mailath-Pokorny.

Zurück an den Start
Doch als Hans und Ili 1945 nach Österreich flohen, haben sie alles verloren. „Kurz darauf emigrierten die Großeltern nach Vorarlberg und berieten dort den Grafen Waldburg-Zeil-Hohenems in landwirtschaftlichen Angelegenheiten“, schildert Enkel Andreas. Später erwarben die beiden das Bauernhaus, in dem die Familie gerade urlaubt. Wie und woher der Stadtrat all dieses Wissen zusammengetragen hat? Sein Großvater Hans hat begonnen, eine Familienchronik anzulegen. Der Enkel versucht diese, wenn auch nicht so akribisch, bei seinen Aufenthalten in Vorarl­berg zu vervollständigen. Er selbst, erzählt der Kulturstadtrat, ist am Wiener Schubertring aufgewachsen. Ständig gab es Besuch von den ungarischen Verwandten. Gesprochen wurde allseits ungarisch, alle außer Andreas Mailath-Pokorny, seinem Bruder Georg und der Mutter. „Seither weiß ich, was Muttersprache ist“, sagt Mailath-Pokorny augenzwinkernd. Ungarisch spricht er zu seinem Leidwesen bis heute nicht. So weit geht die Spurensuche nun doch nicht.

Von Gabriela Schnabel

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