"Eine absolut moderne Kunstform": Das Comeback der Hörspiele

"Eine absolut moderne Kunstform": Das Comeback der Hörspiele

Das deutsche Hörspiel ist nicht tot - und es kränkelt auch nicht. Die Bandbreite ist riesig und prägt den deutschen Markt: von den eher konventionell erzählten Radio-"Tatorten" bis zu experimentellen oder hybriden Produktionen, die gleich mit mehreren Genres spielen. Zu dieser Vielfalt tragen die öffentlich-rechtlichen Radiosender bei, aber auch eine umtriebige freie Szene.

"Es ist eine absolut moderne Kunstform", sagt der Hörspielkritiker Jochen Meißner. Ein anderer Kenner - Herbert Kapfer, Leiter der Abteilung Hörspiel und Medienkunst beim Bayerischen Rundfunk (BR) - sagt: "Das Hörspiel hat einen gewissen Hipness-Status." Modern, hip? Die Digitalisierung habe zu einer Demokratisierung geführt, sagt Meißner. Mittlerweile kann jeder im heimischen Wohnzimmer Hörspiele produzieren - und im Internet sein Publikum finden. Jedes Jahr verzeichne das Berliner "Festival des freien Hörspiels", das Meißner mitorganisiert, mehr Publikum, mehr Zugriffe aus dem Netz, mehr eingereichte Produktionen.

"Ich sehe den Trend schon, dass es immer mehr Leute gibt, die sich in dieser Art und Weise ausdrücken wollen", sagt Meißner. Zum Teil wird das Hörspiel auch als Happening inszeniert - etwa, wenn "Die drei ???" ihre Fälle live auf der Bühne lösen oder Produktionen als Gemeinschaftserlebnis im Kino gespielt werden.

Deutsche Radios setzen wieder auf Erzählungen

Konkrete Zahlen, wie viele Menschen Hörspiele hören, gibt es nicht. Weder das Statistische Bundesamt noch diverse Media-Studien erfassen den Hörspiel-Konsum der Deutschen. Was klar ist: Drei von vier Deutschen hören täglich Radio. Klar ist auch, dass das Radio ein wichtiger Treiber ist in Sachen Hörspiel. Regelmäßige Sendezeiten gibt es dennoch bei den wenigsten Sendern.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR), größter Hörspiel-Produzent der ARD, hat das vor kurzem geändert. Seit Anfang des Jahres werden auf der Kulturwelle WDR3 montags bis freitags jeweils um 19.04 Uhr Hörspiele gesendet, auch auf WDR5 und 1Live gibt es feste Zeiten. Die Produktionen sollten "ein werktäglicher, fester Tagesablaufpunkt" am frühen Abend der Hörer sein, sagt Hörspielleiterin Martina Müller-Wallraf.

Die Hörer sollten nicht zufällig, sondern bewusst einschalten. Eine Quote zum Erfolg der Reform gibt es noch nicht. "Aber die Publikumsreaktionen, die wir bekommen, sind wirklich gut." Im Online-Hörspielspeicher des Senders werden die meisten Produktionen ebenfalls angeboten - unabhängig von Zeit und Raum.

Bis zu 600.000 Downloads pro Monat

Das Pendant des Bayerischen Rundfunks dazu ist der Hörspielpool. 2008 ins Leben gerufen, werden hier derzeit 500 Produktionen angeboten. Mittlerweile sei der Pool zu einer "Submarke" des Senders und ziemlich eigenständig geworden, sagt Hörspielchef Kapfer. Der BR lege das Hauptaugenmerk aufs Digitale: "Der Ausspielweg online ist gerade fürs Hörspiel einer, der immer wichtiger werden wird." Zwischen 500.000 und 600.000 Downloads monatlich verzeichnet der BR.

Aufmerksamkeit für das Genre schaffen die Sender auch durch Leuchtturm-Projekte. Der BR etwa setzt zusammen mit dem Institut für Zeitgeschichte das dokumentarische Projekt "Die Quellen sprechen" um, das erst 2019 abgeschlossen sein soll. Zeitzeugen und Schauspieler lesen Hunderte Dokumente aus der NS-Zeit: Briefe, Tagebucheinträge, Zeitungsberichte, Befehle - bedrückend und beeindruckend.

Laien dürfen mitmachen

Ein ebenso gigantisches Projekt ist "Unendliches Spiel", das auf dem Buch "Unendlicher Spaß" des amerikanischen Autors David Foster Wallace basiert und laut dem WDR "das größte Hörspiel aller Zeiten" werden soll. Es ist ein Projekt, das mit verschiedenen Kunstformen spielt und bei dem nicht Profis, sondern Laien sprechen. Wer wollte, konnte vor dem heimischen Laptop eine der 1.404 Seiten einsprechen.

Ein Jahr planten die Verantwortlichen dafür ein. "Und selbst da haben wir schon überlegt, ob wir unsere Familien bitten und unseren Freundeskreis anzapfen müssen", sagt Dramaturgin und Redakteurin Christina Hänsel. Letztlich hat es aber nur 70 Tage gedauert. Für Meißner ein klares Zeichen, "dass das Hörspiel nicht so eine Orchideen-Disziplin ist".

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