Journalismustage im Zeichen von Fake-Postings und Filterblase

Journalismustage im Zeichen von Fake-Postings und Filterblase

Die dritte Ausgabe der Österreichischen Journalismustage steht ganz im Zeichen der Glaubwürdigkeit der Medien. Namhafte heimische Journalisten diskutierten am Donnerstag darüber, warum das Vertrauen bröckelt und wie es zurückgewonnen werden kann. Einigkeit herrschte in der Frage, dass Blogs und Soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle spielen.

"Falter"-Chefredakteur Florian Klenk erzählte von einem Facebook-Posting, in dem eine Frau behaupte, von einem Flüchtling bedrängt worden zu sein. Diese "Räubergeschichte" sei in den Sozialen Netzwerken regelrecht explodiert, aber auch sein Blogeintrag, in dem er die Geschichte widerlegte, sei tausendfach geteilt worden, schilderte Klenk. Er ortet trotz "Lügenpresse"-Vorwurf und Co. eine große Nachfrage "nach distanzierter, aufgeklärter Information".

Das bestätigte auch Puls 4-Infochefin Corinna Milborn. Die Factchecking-Videos würden am häufigsten geteilt. Eines der Grundprobleme sei aber die Filterblase im Internet, die zu einer selektiven Wahrnehmung führe. Wenn man auf Facebook bestimmten Gruppen oder Leuten folge, "bewegt man sich in einer geschlossenen Welt", sagte Milborn.

Angesichts der Debatte darüber, woher das Gefühl komme, dass sich die Mächtigen und die Medien absprechen, gab Ö1-Redakteur Stefan Kappacher Einblick über seine Vorstellungen des geplanten Medienmagazins im ORF-Radio. Dieses wäre jedenfalls eines über den politisch-medialen Komplex, lasse sich heuer im Jahr der ORF-Generaldirektorenwahl aber schwer umsetzen.

Faymann ist "eher bei der Propaganda"

ORF-Redakteurssprecher Dieter Bornemann verteidigte auf den Journalismustagen die redaktionellen Entscheidungen, Richard Lugner nicht zu den ORF-Kurzduellen "2 im Gespräch" einzuladen und mit Kanzler Werner Faymann (SPÖ) ein Solo-Interview zu führen. Faymann eine Stunde zur Flüchtlingskrise zu befragen sei gerechtfertigt gewesen. Denn: "Das Medienverständnis des Bundeskanzler ist auf einer Skala zwischen Propaganda oder Freier Presse eher bei der Propaganda", sagte Bornemann.

Scharfe Kritik an der österreichischen Journalistenszene übten die beiden Österreich-Korrespondenten Cathrin Kahlweit von der "Süddeutschen Zeitung" und Hans-Peter Siebenhaar vom "Handelsblatt". Jeder kenne jeden, das führe zu einer "Beißhemmung" gegenüber der Politik. "Ein Erwin Pröll würde in Deutschland stärker angefasst", kommentierte Kahlweit die jüngste - vom niederösterreichischen Landeshauptmann ausgegangene - ÖVP-Rochade. Siebenhaar dehnte die Beißhemmung auf Unternehmen aus und verwies darauf, dass die Raiffeisen Bank International (RBI) wegen Panama-Papers derzeit Ermittler der Finanzmarktaufsicht (FMA) im Hause habe. Trotzdem würde von Journalisten nicht versucht herauszubekommen, ob es eine Verwicklung gibt oder nicht.

Zu Beginn der Veranstaltung hat "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer klargemacht, dass der Strukturwandel in der Medienbranche und die Debatte über die Glaubwürdigkeit zusammenhängen. Die Verbreitung der Wahrheit sei nicht mehr an finanzielle Mittel gebunden, die der Unwahrheit aber auch nicht. Bei den Lesern entstehe durch Gerüchte und Desinformation eine Orientierungslosigkeit, die das Grundvertrauen in die Medien erschüttere, so Brinkbäumer. Um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, müsse man Journalismus erklären.

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