Urlaub im Zeichen des Terrors: Ostsee statt türkische Riviera

Urlaub im Zeichen des Terrors: Ostsee statt türkische Riviera

Strandurlaub: Angesichts des Terrors zieht es die Massen an die Ostsee.

Terror wird den Tourismus stark verändern. Tourismusforscher Peter Zellmann über die Auswirkungen des Terrors auf den Fremdenverkehr.

Tourismusexperten sind sich einig: Kurzurlauber haben ein Kurzzeitgedächtnis. Die Sorgen von gestern sind bei der Urlaubsplanung vergessen. So war es bisher. Doch in letzter Zeit hat sich doch grundsätzlich Neues im Urlauberbewusstsein festgesetzt und damit das Urlaubsverhalten verändert. Die nordafrikanischen Feriendomizile, vor allem die besonders beliebten Ziele Tunesien und Ägypten, werden sich von den Rückschlägen durch Terror und Kriegsgefahr in der jüngsten Vergangenheit nicht so bald erholen. Auch die Türkei läuft aktuell Gefahr als unsicheres Reiseland eingestuft zu werden.

Urlauber wollen kein wirkliches Risiko eingehen. Erlebnis, Action und Thrill ja, aber immer vom Veranstalter behütet und keine echte Gefahr für Leib und Leben. Genau damit scheint es aber für die angeführten Länder auf absehbare Zeit vorbei zu sein.

Da werden Veranstalter noch so sehr beruhigen und mit Schnäppchen locken können: Wenn eine Region einmal über zwei Saisonen als Krisenregion gilt, ist es mit dem Vertrauen der Urlauber vorbei. Dieses kann nur über einen mindestens ebenso langen Zeitraum wiederhergestellt werden, wie der Krisenzustand angehalten hat. Je nach Marketingkompetenz werden Einbußen im mittleren zweistelligen Prozentbereich für potente Veranstalter zu verkraften sein. Für die ohnedies angeschlagenen Mittelmeerländer ist das volkswirtschaftlich allerdings ein kaum verkraftbarer Schaden.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Urlauberkarawane wird zwar weiterziehen, sie wird aber sicher wiederkommen. Die Frage ist, ob die Krisengebiete die Tourismusdürre überstehen werden.

Ungebrochene Reiselust

Des einen Freud, des anderen Leid. Die Reiselust der Europäer bleibt aber insgesamt sicher ungebrochen. Stetige Zunahmen an Übernachtungen, Ankünften und meist auch Umsätzen bestätigen das. Man fährt halt "heuer woanders hin", sucht Ziele auf, die man ohnedies schon lange einmal besuchen wollte und die als "sicher" gelten. Statt Türkei also Spanien, statt Ägypten die Karibik, statt Tunesien die Ostsee. Letzteres ist keine Übertreibung, die Österreicher etwa entdecken Deutschland zunehmend als Haupturlaubsziel.

Und Österreich als Gastgeberland ist schon seit einiger Zeit ein kleiner Gewinner der großen Krise, früher der Wirtschafts-, jetzt der Terrorkrise. Wir bieten fast alles, was das Urlauberherz begehrt: Berge, Seen, Kultur, Kulinarik, Erlebnis und vor allem Sicherheit, Sauberkeit und (meistens) Gastfreundschaft.

Ein bisheriger großer Gewinner der letzten Jahre könnte aber zu den mittelfristigen Verlieren gehören. Der Boom im Städtetourismus Europas ist stark von der Sicherheit im Flugverkehr abhängig. Notwendige Sicherheitskontrollen verteuern das Fliegen und machen es zunehmend unkomfortabel. Dazu kommt, dass es ein gewisses Risiko für alle Städte gibt. Brüssel zählte nicht zu den Topreisezielen der europäischen Städte.

Zurück zur Normalität

Wenn die Urlauber bei ihrem Kurzreiseverhalten bleiben, also mehrere Kurzreisen im Jahr statt eines langen Urlaubes unternehmen, werden Wellness-, Wander-, Rad-, Pilger- sowie Kreativurlaube aller Art die eventuellen Rückgänge im Städtetourismus abfangen. Bis in der Urlaubswelt wieder Normalität einkehrt. Und dann wird (fast) alles wie bisher sein.

Das Prognoseparadoxon: Genau in diesem scheinbar logischen Ablauf liegt aber auch die eigentliche Gefahr. Genau das könnte auch das Kalkül der Terrorgruppen sein. Wenn es ihnen gelingt, an verschiedensten Orten gleichzeitig und mit vielen kleinen, manchmal weniger spektakulären Anschlägen präsent zu sein, könnte das die Reiselust der Menschen irgendwann einmal auch grundsätzlich dämpfen. Wenn sich einmal Unlust und Sorge im Hinterkopf eingenistet haben, werden auch ungewöhnliche Urlaubsalternativen angedacht. Der Urlaub auf Balkonien, das Erleben des Freizeitangebotes der Heimatregion sind heute schon für etwas weniger als die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher eine echte Alternative. Solange man sich zu Hause noch sicher fühlt.

Eines haben wir jedenfalls bisher gelernt: Je dünner Gebiete besiedelt, je naturnäher sie erhalten sind, desto sicherer werden sie von Terroranschlägen verschont bleiben. Das wird zur Hauptaufgabe der Tourismuswirtschaft werden. Wie kann man -als Region und auch als einzelner Betrieb -im Angebot auf Massentourismus verzichten und dennoch wirtschaftlich überleben? Patentrezepte gibt es noch keine. Mit dem Nachdenken sollten wir aber heute beginnen. Nicht nur wegen der Terrorgefahr, auch wegen des zu erwartenden Schneemangels in den kommenden Wintern.


Peter Zellmann

PETER ZELLMANN erkundet als langjähriger Leiter des Wiener Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung die Lebensstile der Österreicher. Dabei widmet sich der ehemalige Lehrer insbesondere den Themen Arbeitswelt, Tourismus und Freizeitverhalten.

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