Tourismus in Wien: Zwischen Brexit, Rubel und Kurtaxe

Tourismus in Wien: Zwischen Brexit, Rubel und Kurtaxe

Im vergangenen Halbjahr kamen mehr Touristen nach Wien - allerdings stieg der Umsatz nicht so stark wie die Nächtigungen. Private Airbnb-Vermieter machen inzwischen knapp 5000 aller Wiener Unterkünfte aus, aber nicht alle zahlen Ortstaxen und versteuern ihre Einnahmen. Weitere Probleme: Russische Touristen bleiben zunehmend aus und die Spendierlaune der britischen Touristen wird durch das schwache Pfund gebremst.

Norbert Kettner, Tourismusdirektor der Stadt Wien, kann sich nicht beklagen: Die Wiener Touristikbranche kann in der Halbjahres-Bilanz dieses Jahres mit rund 6,6 Millionen Nächtigungen ein Nächtigungs-Plus von 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr ausweisen. Ein überdurchschnittlicher Anstieg von 6,5 Prozent ist dabei im Fünf-Sterne-Bereich zu verzeichnen. Allerdings: Der Netto-Nächtigungsumsatz ist im Vergleich weniger stark gewachsen und verzeichnet mit 253 Millionen Euro einen Anstieg von nur 3,4 Prozent gegenüber dem Vergleichswert im Vorjahr.

Knapp 5000 aller Unterkünfte in Wien sind auf den den Privatunterkunft-Vermittler Airbnb zurückzuführen. Über die Website des US-amerikanischen Unternehmens können Privatleute freie Zimmer oder ganze Wohnungen an Touristen vermieten. Der Vorteil für die Privaten: Die Gäste lernen ihre Gastgeber persönlich kennen, und oft ist die Privatunterkunft günstiger als ein Hotel. Die Gastgeber kommen dadurch zu attraktiven Zusatzeinkommen - sie verdienen in Wien durchschnittlich 69 Euro pro Nacht, beziehungsweise 341 Euro pro Monat.

Die Website insideairbnb.com zeigt, wo sich in Wien Airbnb-Unterkünfte befinden und wie viel die Vermieter damit verdienen. Klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen.

Den Hoteliers ist die Privatkonkurrenz schon länger ein Dorn im Auge. Und nun ist eine Novellierung des Wiener Tourismusförderungsgesetzes in Arbeit: In Zukunft müssen Abgaben - Ortstaxen, Steuern und sonstige Abgaben - von Wohnungsvermietern und Vermittlern selbst eingehoben werden. Zudem gibt es einen Gesetzbeschluss, dass sie ihre Daten offenlegen müssen. Widrigenfalls droht eine Strafe. Der Strafrahmen wurde von 420 auf 2.100 Euro erhöht. Damit soll ein Fair Play für alle, die am touristischen Markt partizipieren, ermöglicht werden.

Die Deutschen - unsere Lieblingsgäste

79,4 Prozent der Nächtigungen stammten laut Kettner aus dem Ausland. Was die Hauptmärkte betrifft, so ist Deutschland mit 1.382.000 Nächtigungen auf Platz eins, dicht gefolgt von Österreich, den USA und Italien. Letzteres verzeichnet einen Rückgang in den Monaten von Jänner bis Juni um vier Prozent. Großbritannien ist mit einem Zuwachs von 26 Prozent an fünfter Stelle.

Kettner schätzt, dass Auswirkungen des Brexits, was die Nächtigungen betrifft, in den Sommermonaten kaum spürbar sein werden, da die Engländer ihren Urlaub schon im Voraus gebucht haben. Eine Abschwächung der Kaufkraft unter britischen Touristen ist jedoch durchaus möglich. Bis 2020 könnte zudem, laut IATA, ein Rückgang von fünf Prozent an britischen Flugzeug-Passagieren trotz der neuen Flugverbindungen zu verzeichnen sein. Die untere Hälfte der Top Ten bilden die Schweiz, Spanien, Frankreich, gefolgt von Russland und China.

Russland im Rückzug, China im Vormarsch

Die Anzahl der russischen Gäste nimmt weiterhin ab. In den ersten sechs Monaten wurde ein Rückgang von 28 Prozent zum Vorjahr verzeichnet. China hingegen löst mit einem Nächtigungszuwachs von neun Prozent Japan als zweitstärksten Überseemarkt ab (Erster sind die USA). Der Ausbau der Direktflüge nach Wien, unter anderem aus Shanghai und Hongkong, und somit der Verdoppelung der Sitzplatzkapazität aus China auf rund 4.400 Plätze pro Woche unterstützen den Zuwachs. Auch das Sprachenrepertoire der Wienbroschüre wird erstmals um die chinesische Sprache erweitert. Die chinesischen Gäste wählen ihre Unterkünfte vorwiegend im Vier-Sterne-Bereich.

Wien Tourismus mit 9 Millionen Euro Marketingbudget auf 20 Märkten aktiv

Wien Tourismus investiert im zweiten Halbjahr neun Millionen Euro in Marketingmaßnahmen. Mit dem Marketingbudget werden die zwanzig Länder bearbeitet, die im Vorjahr 80 Prozent der Nächtigungen in Wien erbracht haben. Unter anderem sind Großauftritte in Europa und Asien geplant, 15 Pressekonferenzen finden von New York bis Tokio statt und das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in 360° Perspektive spielt im Onlineauftritt die musikalische Hauptrolle.

Was bringt die Zukunft? Kettner sieht in der aktuellen Stimmungslage positive ebenso wie negative Effekte:„Wiens Performance im ersten Halbjahr stimmt zu großen Teilen zufrieden, doch die wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen lassen es noch weniger als bisher zu, eine valide Einschätzung der Zukunft abzugeben. Gerade der Städtetourismus, der als erster von positiven Entwicklungen profitiert, bekommt auch negative Auswirkungen unmittelbar zu spüren“, so der Tourismusdirektor.

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