Reisen nach Corona: Alles wird anders

Die Corona-Pandemie war für die Tourismuswirtschaft weltweit eine Zäsur. Im trend-Interview spricht Martin Winkler, CEO der Verkehrsbüro Group, über das Reisen nach Corona, die Sicherheiten bei den Buchungen und welche Bereiche wieder schnell Fahrt aufnehmen werden.

Martin Winkler, Vorstandschef Verkehrsbjüro

Martin Winkler, CEO der Verkehrsbüro Group

Wie geht es in der für Österreichs Wirtschaft so wichtigen Tourismusbranche weiter? Martin Winkler, dem CEO der Verkehrsbüro Group, im trend-Interview über die Lage der Branche und des Verkehrsbüros, Österreichs größtem Tourismuskonzern.

Während Urlaubsreisen im Inland bereits gut gebucht sind kommt das Geschäft mit Gästen aus dem Ausland nur langsam in die Gänge. Vor allem die Stadthotellerie sowie der Kongress- und Messetourismus sowie Geschäftsreisen werden erst wieder im Jahr 2024 auf das Niveau von 2019 kommen.

Das Jahr 2021 ist für Winkler ein Jahr der Transformation, in dem die Verkehrsbüro Group auf neue Beine gestellt wird. Hotellerie und Veranstaltungsbereich auf der einen Seite, und Freizeittourismus sowie Businesstourismus auf der anderen Seite, wird in die zwei Bereiche „Hospitality“ und „Travel“ gebündelt werden.

Corona hat die Gruppe auch zu schmerzlichen Schritten gezwungen, dich die Einsparungsmaßnahmen samt Mitarbeiterabbau sind weitgehend abgeschlossen. Im Juni übersiedelt das Headquarter des Verkehrsbüros in den Austria Campus 21 und wird dort die Büroflächen um 60 Prozent reduzieren..


INTERVIEW

"Reisen wird wieder bewusster wahrgenommen werden"

trend: Herr Winkler, wie geht es dem Verkehrsbüro?
Martin Winkler: Zusammengefasst, es liegen wirtschaftlich sehr intensive 13 Monate hinter uns. Durch die Pandemie ist eine Situation eingetreten, welche die Geschäftstätigkeit komplett zum Erliegen brachte. Im Geschäftsjahr 2020 waren die ersten beiden Monate noch positiv. Im Gesamtjahr verzeichneten wir einen 62 prozentigen Umsatzrückgang von 615 Millionen Euro auf 230 Millionen. Auch im 1. Quartal dieses Jahres war die Geschäftstätigkeit de facto nicht vorhanden.

Welche Maßnahmen haben Sie getroffen, um über die Runden zu kommen?
Wir sind mit einer sehr starken Eigenkapitalausstattung in die Krise gegangen, wir hatten keine Bankschulden und keine Fremdverbindlichkeiten. Aber die vergangenen Monate sind dennoch an die Substanz gegangen. Die Fördermaßnahmen haben geholfen, allerdings stehen wir als großes Unternehmen mit der Deckelung massiv an.

Sie haben aber auch kostenseitig an den Schrauben gedreht.
Natürlich haben wir Maßnahmen ergriffen, was etwa die Pachtaufwände in der Hotellerie betrifft aber auch auf der Mitarbeiterseite. Wobei man dazu sagen muss, dass sehr viele Mitarbeiter von selbst gegangen sind und die Branche verlassen haben.


Wir werden 60 Prozent weniger Bürofläche brauchen.

Wie viele Mitarbeiter waren betroffen?
Genaue Daten dazu können wir frühestens im März 2022 nennen, da es aus wirtschaftlicher Sicht noch ein hartes Match wird. Die bisherigen Einsparungsmaßnahmen den gesamten Konzern betreffend, haben wir schon vor Wochen abgeschlossen. Aktuell sind keine großen Einsparungen mehr geplant.

Sie übersiedeln ihr Headquarter im Juli in den Austria Campus 21. Hat die Pandemie auch Auswirkungen auf die Größe der neuen Büroflächen?
Wir haben in der Krise gelernt, dass das hybride Arbeiten aus Homeoffice und Präsenz seine Berechtigung hat. Wir haben alle mehr Flexibilität und können zudem enorm an Büroflächen einsparen. Auch der Vorstand wird keine eigenen Büros mehr haben. Wir werden etwa 60 Prozent weniger Büroflächen brauchen.

Wie hoch liegt dabei Ihre Kostenersparnis?
Wir sparen etwa 50 Prozent der ursprünglichen Standortkosten ein. Da sprechen wir von einem Betrag in Höhe von etwa 1,5 Millionen Euro. Dieses Geld kann man sinnvoller in Mitarbeiter oder den Kundenbereich investieren.


Konferenzen werden multimediale Erlebnisse.

Sie haben angekündigt, den Konzern 2021 auf neue Beine zu stellen. Was sieht das konkret aus?
Der Fokus liegt unseren bewährten Geschäftsfeldern „Hospitality“ (Hotellerie und Events) und „Travel“ sowie Investitionen in die Digitalisierungsoffensive.

Was können wir uns unter Digitalisierungsoffensive vorstellen?
Es wird vor allem im Kongress – und Veranstaltungsbereich darum gehen, das wir unseren Kunden neue Technologielösungen zur Verfügung stellen werden. Auf der einen Seite organisieren wir die Veranstaltung für Mitarbeiter die physisch vor Ort sind, bieten aber auch Lösungen an, um jene zu einem virtuellen Meeting zuzuschalten, die am anderen Ende der Welt sitzen. Das werden keine 08/15 Videokonferenzen mehr sein, sondern multimediale Erlebnisse, die wir mit Hilfe neuer Hologramm-Technologie anbieten werden. Das klingt noch weit weg aber in zwei, drei Jahren wird das die Realität sein. Unter dem Motto „Duty of Care“ garantieren wir unseren Geschäftsreise-Kunden auch, dass wir ihre Mitarbeiter sicher zurückholen werden.

Und welche Sicherheit haben Pauschaltouristen, wenn es etwa einen Corona-Fall in der Familie gibt oder die Grenzen plötzlich zu sind?
Da gibt es keine Pauschalkonzepte. Wir empfehlen unseren Kunden, sich vorab gut zu informieren. In unseren Ruefa-Reisbüros gibt es die 3-S-Formel: Service, Sicherheit und Stornobedingungen. Bei Inlandsreisen und bei Selbstfahrerreisen sind die Stornobedingungen sehr flexibel. Das heißt man kann in den meisten Fällen kurzfristig stornieren oder Umbuchen, wenn sich die Lage verändert. Anders verhält es sich bei Flugreisen, da gibt es unterschiedliche Tarife und Stornobedingungen. Unsere Empfehlung ist deshalb im Reisebüro zu buchen und allfällige Unsicherheiten vorab zu klären.


Der Städtetourismus wird wahrscheinlich erst 2024 das Niveau von 2019 erreichen.

Welche Sicherheiten können Urlaubsgäste aus dem Ausland in Österreich erwarten?
Bei uns betrifft das hauptsächlich die Stadthotellerie. Hier bieten wir Stornos bis 18 Uhr am Anreisetag an und es gibt die Möglichkeit sich im Hotel testen zu lassen. Zudem können unsere Gäste die Testangebote vor Ort nutzen.

Wird Reisen teurer oder werden bald wieder die Billig-Flieger abheben?
Reisen wird wieder bewusster wahrgenommen werden. Daher sehe ich das Thema Billig-Reisen nicht an erster Stelle. Es wird wieder mehr Wert auf Qualität gelegt und die hat ihren Preis. Natürlich wird es wie bisher auch verschiedenen Kategorien zu einem fairen Preis/Leistungs-Verhältnis geben.

Wird das Reisen Post-Corona ein anderes sein?
Im Bereich Freizeitreisen sind wir sehr optimistisch. Reiseströme werden entzerrt, Regionalität wird wieder eine Rolle spielen und da hat insbesondere Österreich eine enorme Chance. Der Städtetourismus wird wahrscheinlich erst 2024 das Niveau von 2019 erreichen, da Kongresse, Messen und Veranstaltungen derzeit nicht stattfinden. Auch der Bereich Business wird später zurückkommen aber nicht mehr das Niveau von früher erreichen. Meetings etwa kann man gut über Video-Konferenzen abhalten. Auf der anderen Seite werden Reisen im Industriebereich wieder Fahrt aufnehmen, weil Bereiche wie etwa der Industrieanlagenverkauf nicht online funktioniert.

Welchen Stellenwert werden der Massentourismus aber auch Online-Buchungen künftig haben?
Die allgemeine Sicherheit wird ein Thema sein, das uns noch Jahre lang begleiten wird. Bei Online-Buchungen trägt der Gast meist das volle Risiko. Nach den Erfahrungen des Vorjahres, wo viele Kunden auf den Kosten sitzen geblieben sind, wird sicherlich ein Umdenken stattfinden. Da sehen wir durchaus unsere Chancen im Reisebüro-Bereich.


Wer sicher auf Urlaub fahren möchte, für den gehört das Testen dazu.

Und wie geht es dem Kreuzfahrt-Sektor? Wie wird man das Vertrauen der Gäste wieder zurückgewinnen?
Unterschiedlich. Auf der einen Seite drängt es die Kreuzfahrer-Fans wieder aufs Schiff zu gehen. Es wird auf manchen Routen in den nächsten Monaten noch Einschränkungen geben, aber der Kreuzfahrt-Tourismus wird zurückkommen, wenn auch langsamer.

Am 19. Mai bekommen wir alle ein Stückchen Freiheit zurück. Wie sieht die aktuelle Buchungslage aus?
Seit die ersten Öffnungsschritte in Sichtweite sind und die Impfungen voranschreiten, haben die Buchungen massiv angezogen. Vor allem die Nachfrage der Österreicher für den Sommerurlaub im eigenen Land hat stark zugenommen. An einzelnen Buchungstagen lagen wir bereits über dem Niveau von 2019. Wir sehen auch in den vergangenen Tagen, nicht zuletzt durch die Ankündigung des grünen Passes, dass das Interesse für Urlaube am Mittelmeer stark anzieht. Der Incoming-Bereich wird auch nachgefragt, allerdings nicht so stark von den Quellmärkten wie etwa Deutschland und die Niederlande. Da wird noch abzuwarten sein, wie die Quarantänebedingungen der einzelnen Länder aussehen. Ich denke aber, dass auch Deutschland demnächst nachziehen wird.

Derzeit gilt, dass sich österreichische Urlaubsgäste alle zwei Tage freitesten müssen. Wird das nicht eine Hürde sein?
Wer sicher auf Urlaub fahren möchte, für den gehört das Testen dazu. Viele werden bis zum Sommer geimpft sein und andere haben die Krankheit bereits durchgemacht, also wird sich die Anzahl derer, die sich noch testen müssen, deutlich abnehmen.

Wie wichtig wird der grüne Pass?
Ich bin überzeugt, dass der grüne Pass der Weg sein wird, um internationale Reisen wieder möglich zu machen. Wir haben bereits im Vorjahr gefordert dass es weltweit einheitliche Standards geben sollte. Das betrifft aber nicht nur die Reise-Branche sondern auch die gesamte Wirtschaft.


Das Unternehmen

Die Verkehrsbüro Group ist Österreichs größter Tourismuskonzern und Marktführer in der Hotellerie sowie bei Freizeit und Businesstouristik. Mit 22 Austria Trend Hotels und sechs Motel One sind wir der führende Anbieter von Hotels in Österreich. Auch mit den 75 Ruefa Reisebüros sowie die Incoming-Agentur Eurotours ist die Tourismusgruppe in der Freizeittouristik die Nummer eins.

Verkehrsbüro Business Travel und AX Travel Management sind auf Geschäftsreisen vom Familienbetrieb bis zum Milliardenkonzern spezialisiert und organisieren Jahr für Jahr Hunderte Events und Kongresse. Zum Veranstaltungsbusiness zählen das Palais Ferstel und Daun-Kinsky, die Börsesäle und das Café Central, in dem jährlich 100.000 Gäste bewirtet werden.

Der Konzernumsatz belief sich vor der Krise im Jahr 2019 auf 603 Millionen Euro, das EGT auf 16,83 Millionen. 2020 brach der Umsatz aufgrund der Pandemie auf 230 Millionen ein. Eigentümer des Österreichischen Verkehrsbüros sind die Versicherung Vienna Insurance Group (36,58 %), die AVZ-Holding drei GmbH (60,98) und die Toth Privatstiftung (2,44 %). Der Konzern wird vom Vorstandsduo Martin Winkler als Vorstandsvorsitzender und Helga Freund geleitet.

Ab in den Urlaub: Tipps, wie Sie die Arbeit zurücklassen und die freien Tage von Anfang an genießen können.

15 Tipps, wie Sie im Urlaub relaxen und sich erholen

Wie Sie relaxt in Urlaub fahren, Ihre Auszeit entspannt genießen und von …

Urlaub 2022: Österreich steht bei den Österreichern weiter hoch im Kurs.

Urlaub 2022: Bremst die Inflation die Reiselust? [Umfrage]

Sparen hin, fliegen her. Die trend. Umfrage zeigt, wie die Österreicher …

Brücke für Wanderer am Schlegeis Stausee in Tirol

Rechnungshof kritisiert Willkür bei Tourismusförderungen

Der Rechnungshof übt scharfe Kritik an den österreichischen …

Österreichs Tourismus vor neuen Herausforderungen

Mit 5. März wurden für die heimische Tourismusbranche außerhalb Wiens …