Ötztal: Ski-Opening und Zittern um die Wintersaison

Die Sorge um den Schnee ist in Österreichs Tourismusregionen vor Beginn der Wintersaison 2020/21 die geringste. Die Corona-Pandemie könnte zu einem Totalausfall führen. Auch im Ötztal, der mit Abstand wichtigsten Wintersport-Region Tirols, schneit es derzeit vor allem Stornierungen.

FIS-Ski-Opening 2020: Auftakt unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

FIS-Ski-Opening 2020: Auftakt unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

2.311.069 Übernachtungen. Der offiziellen Nächtigungsstatistik zufolge war das Ötztal damit in der vergangenen Wintersaison 2019/20 die Tiroler Tourismusregion, in der die meisten Gäste übernachtet haben. Mit Respektabstand zurück liegt an zweiter Stelle der Tourismusverband Paznaun-Ischgl (1,767 Millionen Übernachtungen), gefolgt von Serfauss-Fiss-Ladis (1,356 Millionen Übernachtungen).

Der Ötztal Tourismus war damit der einzige Tiroler Tourismusverband, der im letzten Winter mehr als zwei Millionen Übernachtungen registrieren konnte. Obwohl die Saison mit 15. März behördlich vorzeitig beendet wurde und - schlimmer noch - Landeshauptmann Günther Platter über das gesamte Land eine Ausgangssperre verhängte.

Die Corona-Pandemie hatte die Tourismus-Hochburgen in den Alpen erreicht. Die Gäste mussten vorzeitig ihre Urlaube abbrechen und nach Hause fahren. Auch für die besonders schneesicheren Ötztaler Hotspots Sölden, Hochsölden, Obergurgl und Hochgurgl, wo die Lifte und Gondeln die Skifahrer bis auf über 3.000 Meter Seehöhe hinaufbringen und die Saison normalerweise bis in den Mai hinein andauert, gab es keine Ausnahme.

Statt ausgebuchter Hotels und Appartementhäuser, regem Treiben auf den Pisten, ausgelassener Stimmung in den Hütten und Aprés-Ski-Bars herrschte stille und gähnende Leere. Die Grenzen waren geschlossen. Die Region, in der der Großteil der Arbeitsplätze direkt mit dem Tourismus verbunden ist, ins Mark getroffen.

Saison der Rückschläge

Die Hoffnung, dass einige Wochen später alles wieder normal sein und die Gäste zurückkehren würden, hatte sich bald zerschlagen. Mit den Worten "Wir wissen weder, wann die Grenzen wieder geöffnet werden, noch wann die Menschen wieder Zeit und Lust haben zu reisen", wandten sich die Tourismus-Vertreter bereits Anfang April an Medienvertreter, Freunde und Gäste. Man begann die Dichte der touristischen Hotspots im Tal zu hinterfragen. Nützte die Aus-Zeit, um über Angebote nachzudenken, sie neu zu verstehen und zu verbessern. "Wir denken über Fehler – egal, wer sie gemacht hat – nach, damit sie kein zweites Mal passieren", erklärte Sarah Ennemoser, Tourismus-Sprecherin der Region.

Der Sommer kam und ging, und obwohl das Geschäft nach dem Lockdown langsam wieder anlief blieb das Virus eine permanente Bedrohung. Selbst kleinere Veranstaltungen wie das "Alpenrosenfest" mussten abgesagt werden. An Großveranstaltungen wie den "Ötztaler Radmarathon", der im Jahr 2020 sein 40. Jubiläum feiern hätte sollen und zu dem jährlich rund 4.500 Radsportbegeisterte plus Anhang aus rund 70 Ländern der Welt nach Sölden kommen, war gar nicht erst zu denken.

Nun gibt es den nächsten Dämpfer für das Ötztal, das in normalen Jahren mit rund 4,2 Millionen Nächtigungen nach der Bundeshauptstadt Wien Österreichs wirtschaftlich bedeutendste Tourismusregion ist. Auch das nächste Saison-Highlight, das FIS Skiweltcup-Opening vom 16. bis zum 18. Oktober, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit - und damit ohne Gäste und nahezu ohne Einnahmen für den Ötztal Tourismus vonstatten gehen. In normalen Jahren werden zum Weltcup-Auftakt in Sölden rund 20.000 Nächtigungen und 30.000 Gäste gezählt. Bis zu fünf Millionen Euro werden in der Region rund um die Rennen umgesetzt. Im Jahr 2020 dürfen dagegen nur 200 "spezielle Gäste" dabei sein.

Strenge Auflagen und Kontrollen

Der FIS-SKiweltcup-Auftakt selbst findet unter strengen Auflagen und Kontrollen statt. Teams, Betreuer, die Crew der Veranstalter, Medienvertreter - sie alle werden streng voneinander getrennt, um Kontakte untereinander zu vermeiden und ohne negativen CoV-Test ist prinzipiell jeglicher Zutritt untersagt. Für die Öffentlichkeit ist der Rettenbachgletscher am Weltcupwochenende gesperrt.

Oliver Schwarz, Obmann Tourismusverband Ötztal

Oliver Schwarz, Obmann des Tourismusverband Ötztal, sorgt sich um den Wintertourismus: "Die Nachfrage geht gegen Null."

Das Land Tirol schickt einen seiner LAB-Trucks als mobile Laborstation nach Sölden. Vor dem Rennwochenende werden alle involvierten Personen einem Coronatest unterzogen und die 200 zugelassenen, namentlich erfassten Gäste haben fix zugewiesene Sitzplätze, an denen sie bleiben müssen. In Sölden dürfen zudem keine Publikumsveranstaltungen, offizielle Auftritte oder Partys stattfinden. Spaß sieht anders aus.

Dennoch hofft Oliver Schwarz, Obmann des Tourismusverband Ötztal zumindest auf gutes Wetter zum Weltcup-Auftakt. Denn die Fernsehkameras werden natürlich dabei sein, wenn die Besten des Skisports zum ersten Rennen der Saison am Rettenbachgletscher kommen. Für gewöhnlich rechnet man daraus mit einem Werbewert von acht Millionen Euro und etwa 20 Millionen Zuschauern bei 150 Stunden Sendezeit. Die Erwartungen sind heuer ebenso hoch. Entscheidend sei, dass sich möglichst viele Menschen die Skirennen vor dem Bildschirm zu Hause anschauen. "Die Medienleistung findet ja trotzdem statt", sagt der Tourismusverband-Obmann Schwarz.

Reisewarnung und Stornos

Für Schwarz "schmerzt" es trotzdem sehr, den Saisonauftakt ohne Publikum abhalten zu müssen. In Sölden stehen schließlich zu diesem Termin nicht nur die Profi-Rennen am Programm. In normalen Jahren ist das Weltcup-Opening in touristischer Sicht eine "Initialzündung für den Winter" und auch für die Ski-Industrie ein Auftakt.

Doch die Lust auf Winterurlaub in den Bergen, Fahrten in vollbesetzten Gondeln und volle Skihütten ist mehr als gedämpft. "Die Nachfrage geht gegen Null, viele Stornierungen kommen leider herein", gesteht Schwarz. Hoffnung gibt, dass Slowenien die Bundesländer Tirol und Vorarlberg nun wieder von der roten Liste genommen hat. Doch die immer noch aufrechte Reisewarnung Deutschlands für Tirol hängt wie ein Damoklesschwert über dem Ötztal.

"Uns brechen insgesamt 50 Prozent des Marktes weg. Und wenn ab 8. November in Deutschland keine Freitestungen mehr möglich sind, fährst du auch nicht auf Kurzurlaub zum Skifahren. Als Touristiker sei man dagegen fast machtlos. "Wir sind da nicht am Fahrersitz, sondern auch nur Passagier." Man gehe davon aus, dass sich die Nachfrage zumindest bis Weihnachten nicht stark erhole und hoffe auf die Monate ab Jänner.

Und man versucht, den Gästen Sicherheit zu vermitteln. Auf den Tourismus-Websites wird mit "Stornogarantien für den Winterurlaub" geworben. Je nach Unterkunft können Gäste ihre Buchungen ohne Angabe von Gründen bis zu einem Tag vor der Anreise noch kostenlos stornieren oder umbuchen. Sie sollen so sicher und sorgenfrei ihre Urlaube planen können. Ob das etwas nützt wird sich zeigen.

Zumindest in einem Punkt könnte den Touristikern das Glück hold sein: Für die beiden Tage vor dem Weltcup-Auftakt ist Schneefall angesagt, gefolgt von einem sonnigen Wochenende. Wenn die Prognose hält, dann könnten zumindest die erhofften "schönen Bilder" von der verschneiten Bergwelt im Fernsehen die Sehnsucht nach dem Winter wecken.

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