"Hotellerie muss ein sexy Image bekommen"

"Hotellerie muss ein sexy Image bekommen"

ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer: "Wir suchen dringend Personal und haben über 10.000 offene Stellen zu vergeben."

Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), über Ausbildung, Job-Mobilität und Steuernachteile im Tourismus.

TREND: Eben legt der Tourismus eine erste Erfolgsbilanz für den Sommer 2017 vor. Die Politik lobt die Branche und verspricht sogar, eine eingeführte Mehrwertsteuererhöhung auf Logiskosten zurückzunehmen. Also alles paletti?
Michaela Reitterer: Wir hatten ein gutes Jahr bisher, aber mehr Nächtigungen oder mehr Auslastung sind nicht wirklich aussagekräftig. 25 Prozent der Betriebe geht es gut, 50 Prozent kommen so durch, und 25 Prozent haben nicht einmal die Mittel, um ihren Betrieb zuzusperren.

Wäre die Branche jetzt nicht in einer guten Position, deutlicher auf Probleme hinzuweisen und Unterstützung einzufordern?
Reitterer: Ja, wir wünschen uns vor allem dringlich Änderungen bei der Ausbildung und mehr Mittel dafür. So wie im akademischen Bereich brauchen wir Leistungsanreize für Berufsschüler. Es gibt keinen Grund, sie gegenüber Studierenden zu benachteiligen. Wir fordern mehr Unterstützung bei der dualen Ausbildung, sie soll zeitgemäßer werden, neue Lehrprogramme enthalten, zukunftssicher sein. Die Vernetzung zwischen Berufsschule, Betrieben und Lehrlingen könnte durch digitale Medien und E-Learning verstärkt werden. Für den Lehrberuf in der Hotellerie haben wir gekämpft, seit zwei Jahren gibt es ihn. Die Gewerkschaft nennt das Berufsziel Hotelkaufmann, bzw. Hotelkauffrau. Das ist doch kein Name, mit dem man junge Leute anwerben kann. Ihnen geht es um ein sexy Image.

Wie meinen Sie das?
Reitterer: Man muss Berufe so gestalten, dass die Jungen eine Freude haben, damit anzufangen, stolz sind. Wir bieten sichere Arbeitsplätze mit guten Karrierechancen in Österreich und auch international. Dazu ein schönes Umfeld für die Freizeitgestaltung.

Die Gewerkschaft beschreibt den Tourismus allerdings immer als eine Fluchtbranche. Viele hören auf, weil sie der Arbeit und dem Druck nicht standhalten.
Reitterer: Es geht nicht immer nur um Köche und Kellner, die von der Gastronomie dringend gesucht werden. Man darf die Hotellerie nicht mit dem Gastgewerbe gleichstellen. Wir laden ein Mal jährlich zu einem "Tag der offenen Hoteltür". Da ist das Erstaunen immer groß, welche attraktiven Berufsmöglichkeiten wir in der Hotellerie bieten.

Die Hotellerie ist in den letzten Jahren enorm gewachsen, speziell in Wien eröffneten viele neue Betriebe. Woher kommt das Personal?
Reitterer: Es stimmt, wir suchen dringend und haben über 10.000 offene Stellen zu vergeben, vor allem in Westösterreich. Im Osten hingegen suchen mehr als 300.000 Menschen Arbeit. Es liegt an der mangelnden Mobilität. Viele sträuben sich gegen einen Umzug und berufen sich auf Zumutbarkeits-Bestimmungen. Aber die Zeiten ändern sich. Die Politik muss Bestimmungen nachjustieren.

Das wünscht sich die Branche dringend, auch bei der Arbeitszeitflexibilisierung.
Reitterer: Ja, gerade in der Hotellerie ist das nicht nur im Interesse der Arbeitgeber, auch der Mitarbeiter. In unserem Betrieb beschäftigen wir Frauen mit Kindern, die gerne dann länger arbeiten würden, wenn der Mann auf sie aufpasst. Oder wollen längere Arbeitstage blocken, um dann mehr Freizeit zu konsumieren. Jeder soll arbeiten dürfen, wie es seinen Bedürfnissen und jenen des Arbeitgebers entspricht.

Welche Steuermaßnahmen müssten fallen?
Reitterer: Wir erlebten eine ähnliche drastische Änderung wie bei der Mehrwertsteuer auf Logis von zehn auf 13 Prozent auch bei der Abschreibungsdauer für die Betriebe. Vor Jahren lag sie bei 33 Jahren, da haben wir eine Verkürzung auf 25 Jahre gefordert. Bekommen haben wir zuletzt eine Abschreibungsdauer von 40 Jahren. So schaut die Wertschätzung für eine Branche aus, die 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt und die meisten Arbeitsplätze schafft.

Aber Wertschätzung kommt von den Gästen.
Reitterer: Sicher. Aber wenn die Wertschätzung der Politik fehlt, kostet uns das Wettbewerbsfähigkeit, weil den Betrieben laufend Gelder gekürzt werden, das trifft auch auf die Österreich Werbung zu.

ZUR PERSON

Michaela Reitterer , 53, ist seit 2013 Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) und führt in Wien das Boutiquehotel "Stadthalle". Für ihr Engagement im Bereich "nachhaltiges Wirtschaften" erhielt sie u. a. den Umweltpreis der Stadt Wien.


Die Geschichte ist im trend 36/2017 erschienen

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