Michaela Reitterer, Hotelière und Vorreiterin der Null-Energie-Bilanz

Michaela Reitterer, Hotelière und Vorreiterin der Null-Energie-Bilanz

Gelebte Nachhaltigkeit: Hotelière Michaela Reitterer ist auf Upcycling-Mission.

Das Boutiquehotel Stadthalle in Wien ist das weltweit erste Null-Energie-Bilanz-Hotel. Ab April 2020 will Eigentümerin Michaela Reitterer ihre Gäste mit ungewöhnlichem Design und einer Portion Humor für Nachhaltigkeit und Klimaschutz sensibilisieren.

"Bei uns erreichen sie ihre Ziele im Schlaf", verspricht Michaela Reitterer ihren Gästen im Boutiquehotel Stadthalle. Für manche mag das nach einer leeren Floskel klingen. Für Reitterer ist es ein Versprechen und dessen Erfüllung eine persönliche Herausforderung. Denn das Schaffen eines Bewusstseins für nachhaltige Ziele in der Hotellerie ist für die Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung zur Herzensangelegenheit geworden.

Nicht umsonst gilt sie als Pionierin der Nachhaltigkeit in der Hotellerie und ihr strategischer Weitblick und ihre Visionen gelten als revolutionär. 2001 verkaufte die Quereinsteigerin ihr Reisebüro Kuoni Hippesroither und erwarb 2002 das Hotel ihrer Eltern in der Nähe des Wiener Westbahnhofs. Schritt für Schritt baute sie es zu einem Boutiquehotel um und erhielt als weltweit erstes Null-Energie-Bilanz-Stadthotel mehrere Umweltpreise sowie den Staatspreis für Tourismus. Es folgten der Klimaschutzpreis und die Auszeichnung zur Hotelière des Jahres 2010.

Ein idyllisches Hotel inmitten der Großstadt, mit Bienenstöcken und Lavendeldach. Ganz nebenbei deckt das Boutiquehotel seinen Energiebedarf zur Gänze selbst ab.

Ihr durchgehend ökologisches Konzept begeistert Gäste auf der ganzen Welt. Denn für Reitterer sind Tourismus und Umweltschutz kein Widerspruch: "Als wir 2007 das Passivhaus zu planen begonnen haben, haben wir mit unseren Plänen die Stadt Wien komplett überfordert", erinnert sich die Modul-Absolventin. "Als ich das Hotel übernahm, bin ich anfangs ausgelacht worden, weil ich unkonventionell an die Sache heranging. Auch als ich sagte, ich hätte gerne eine Regenwassernutzanlage, wo wir das Regenwasser sammeln und für die Toiletten verwenden. Das verstand damals noch keiner." Auch die Bank wollte das Projekt zuerst nicht finanzieren. Nur ihrem Ehrgeiz ist es zu verdanken, dass sich ihr Traum schlussendlich realisieren ließ - um ein Vielfaches erfolgreicher als zuerst gedacht.

Nachhaltige Visionen

"Tue Gutes und sprich darüber" zählt ebenso zu Reitterers Lebensphilosophie wie Gandhis Spruch "Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst". Sehr rasch entschied sich die 55-Jährige deshalb 2018 für den Umbau einiger Hotelzimmer sowie für ein neues Einrichtungskonzept im Zeichen der "Sustainable Development Goals" (SDG), der nachhaltigen Entwicklungsziele der UN. Diese wurden 2015 bei einem Gipfeltreffen der Vereinten Nationen im Rahmen der "Agenda 2030" beschlossen.

Verschönern statt wegschmeißen: Alte oder langweilige Möbel neu pimpen oder in einen neuen Kontext setzen.

Reitterer will ihnen im Boutiquehotel Stadthalle eine Plattform bieten und Aufmerksamkeit schaffen: "Die Bekämpfung von Armut, Zugang zu Bildung, Menschenwürde, Demokratie, Frieden und Gerechtigkeit - das alles sind Themen, für die man die Öffentlichkeit sensibilisieren und ein Bewusstsein schaffen muss."

Denn wie wichtig das Erreichen dieser Ziele auf globaler Ebene sei, zeige die geschlossene Bereitschaft aller 193 Mitgliedstaaten, sich zu einer Umsetzung zu verpflichten. "Ich finde es sensationell, dass die UN geschafft hat, was wir in der Europäischen Union nicht mal hinsichtlich der Allergene geschafft haben. Da darf es nicht sein, dass die meisten noch nie etwas von den SDGs gehört haben", betont die Powerfrau mit Nachdruck.

In Kooperation mit gabarage upcycling design machte sie sich an die Planung von 17 Zimmern, bei denen jedes Zimmer einem "Sustainable Development Goal" (SDG) zugeordnet wird. Gabarage, ein in der heimischen Möbel- und Designszene bekanntes Label, gestaltet aus Abfall- und Restmaterialien neue Designobjekte.

gabarage upcycling design stellt Designunikate aus Alltagsgegenständen her, die ihren eigentlichen Nutzungszweck nicht mehr erfüllen.

Die Ausgangsmaterialien werden dabei stets aus ihrem ursprünglichen Kontext genommen und einer neuen Funktion zugeführt. So entstehen individuelle Einzelstücke und Kleinserien. Hergestellt werden die optischen Hingucker von ehemaligen Suchtkranken, die im Laufe eines Jahres auf den Wiedereinstieg in den Regelarbeitsmarkt vorbereitet werden.

Das Stadthotel arbeitet bereits seit längerem erfolgreich mit dem Designunternehmen zusammen. Vier der SDG-Zimmer stehen den Gästen bereits zu Verfügung. Mitte April 2020 soll der Umbau abgeschlossen sein. "Ich kann es kaum erwarten", sagt Reitterer. Denn anders als bei der Einrichtung üblicher Hotelzimmer, wird im Hotel Stadthalle jedes Bett, jeder Schrank, jeder Vorhang und jeder Klopapierhalter von Hand ausgewählt oder designt. "Für jedes Zimmer gibt es eine Liste mit 70 Items - jedes ein Einzelstück. Das war wirklich eine Heidenarbeit."

Shabby chic?

Wie aufwendig die Einrichtung solcher Räume werden kann, skizziert Reitterer am SDG-Zimmer "Gesundheit und Wohlbefinden":"In diesem Zimmer gibt es keinen Schreibtisch und keinen Fernseher. Ein Hängestuhl und Sandsäcke laden zum Entspannen ein, geschlafen wird unter einem Baum." Und als Kleiderständer dient ein an der Wand befestigter Hometrainer. "Wir kennen das von zu Hause - irgendwann dienen Fitnessgeräte nur noch als Kleiderablage. Damit spielen wir. All unsere Zimmer sind mit Humor, aber ohne erhobenen Zeigefinger zu sehen. Denn der Gast ist nicht hier, um sich von mir belehren zu lassen."

Vorhänge und andere Details - von Hand ausgewählt oder designt.

Zu den größten Design-Highlights zählen Errungenschaften wie der Sessellift von Doppelmayr, das Teilstück eines in Brand geratenen Windrads oder ein Doppelsitz der ÖBB, der im Zimmer zum Thema "Innovation und Infrastruktur" ein neues Zuhause finden wird: "Ich lerne viele interessante Menschen kennen, bei denen ich allerhand Dinge zusammenschnorre. Keiner kommt mir aus", erzählt die leidenschaftliche Unternehmerin schmunzelnd von ihrer Upcycling-Mission und ist sich dabei stets bewusst, wie privilegiert sie in ihrer Position als ÖHV-Präsidentin ist.


"Null-Energie-Bilanz klingt nicht sexy. Trotzdem haben wir jede Nacht wen anderen im Bett liegen."

MICHAELA REITTERER
Hotelière

Aufsehenerregende Requisiten werden durch Secondhandstücke ergänzt, die online gekauft oder von der Facebook-Community zur Verfügung gestellt werden: "Manches wollen Leute einfach nur loswerden, anderes muss ich ihnen quasi aus der Brust reißen", witzelt Reitterer. "Nicht selten kommt es auch vor, dass mir Freunde zum Abendessen im Restaurant Dinge mitbringen, nach denen ich über Facebook suche." Erst letztens sei sie deshalb nachts mit einem Emaillesieb durch die Innenstadt marschiert -"sehr zum Vergnügen einiger Passanten."

Auch der letzte Bali-Urlaub endete mit einer Containerladung voller Utensilien. 150 Flip-Flops wurden aus dem Meer gefischt und werden nach der Reinigung im SDG-Zimmer "Leben unter Wasser" als Fischschuppen eine besondere Aufgabe erfüllen: "Wenn man genau hinsieht, entdeckt man die kleinen Bissspuren der Fische - das werden wir highspotten. Es ist unfassbar, wie viel Müll täglich in den Weltmeeren landet."

Die Vorbildfunktion

Vordergründig will sie mit ihrem Projekt aber anderen Unternehmen ein Vorbild sein: "Ich traue mich wetten, dass jedes Unternehmen mindestens zwei SDGs erfüllt. Warum das nicht auch richtig kommunizieren?" Denn natürlich täte man in Österreich schon viel, trotzdem aber nicht genug: "Beim Thema Klimaschutz kann man nie 'genug' oder 'zu viel' beitragen. Und es gibt viele Bereiche, in denen wir noch besser werden müssen."

Deshalb gehören die SDGs ihrer Ansicht nach auch in allen Lebensbereichen und Branchen umgesetzt - sowohl im Tourismus als auch in der Unternehmensführung.

Darüber hinaus ist sie eine Befürworterin von Nachhaltigkeitsberichten, die auf SDGs beruhen und mehr beinhalten als "nur Hunderte von sinnentleerten Seiten". Ihr eigener heißt bereits 2019 "Sinnhaftigkeitsreport". Reitterer: "Die Wirtschaft muss umdenken. Denn wie es uns jetzt geht und künftig gehen wird, ist nicht gottgegeben. Wir müssen alle etwas dafür tun und beitragen. Sich nur auf die Chinesen auszureden, die so viel Dreck in die Luft schleudern, ist zu wenig. Jeder muss bei sich selbst anfangen."



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