Brexit: Steuerliche Hürden und Erleichterungen

Brexit: Steuerliche Hürden und Erleichterungen

Der Brexit wird aus steuerlicher und bürokratischer Sicht höhere Kosten für Unternehmen, die in Großbritannien tätig sind, bedeuten. In welchen Bereichen für Unternehmen Änderungen drohen und welche EU-Gesetze Großbritannien kippen könnte.

Österreichische Unternehmen, die durch Exportgeschäft, Tochtergesellschaften, Zweigniederlassungen oder über dortige Partner und Kooperationen, geschäftliche Verbindungen zu Großbritannien haben, zittern bereits vor den steuerlichen Auswirkungen des bevorstehenden EU-Austritts Großbritanniens. Iris Burgstaller, Expertin des Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmens TPA, erklärt in welchen Bereichen Änderungen drohen könnten und in welchen Bereichen der Austritt aus steuerlicher Sicht vielleicht sogar ein Vorteil ist.

Großbritannien erhält mit Austritt aus der EU - also frühestens in rund zwei Jahren – die steuerliche Autonomie zurück und könnte damit wieder steuerliche Standortpolitik ohne Bezugnahme auf die EU-Vorgaben betreiben. Das könnte für dort tätige Unternehmen einige Änderungen mit sich bringen.

Zwar ist die Besteuerung von Unternehmen innerhalb der Europäischen Union derzeit nicht harmonisiert, diese darf allerdings nicht den Grundfreiheiten der EU zuwiderlaufen, zudem sind Unternehmen verpflichtet Urteile des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu beachten. „An diese Bestimmungen dürfte Großbritannien in Zukunft jedoch nicht mehr gebunden sein, sofern Verhandlungen mit der EU nichts anderes ergeben", so Burgstaller.

Konzerninterne Richtlinien der EU, die im Verhältnis zu Großbritannien gestrichen oder geändert werden könnten:

- Die Mutter-Tochter-Richtlinie : Die EU will damit die Mehrfachbesteuerung grenzüberschreitend gezahlter Dividenden vermeiden.
- Die Fusionsbesteuerungs-Richtlinie : Sie regelt die Besteuerung von grenzüberschreitenden Eigentümerwechsel von Unternehmen und Kapitalbeteiligungen innerhalb der EU. Grundsätzlich soll so ein Zwang zur Auflösung stiller Reserven bei grenzüberschreitendem Eigentümerwechsel vermieden werden. Eine Besteuerung soll erst zu dem Zeitpunkt erfolgen, zu dem durch eine tatsächliche Veräußerung aus dem Unternehmen heraus eine Gewinnrealisierung erzielt wird.
-Die Zinsen- und Lizenz-Richtlinie : Ziel dieser Richtlinie ist es, steuerliche Hindernisse in Verbindung mit der grenzüberschreitenden konzerninternen Zahlung von Zinsen und Lizenzgebühren zu beseitigen. Zu diesem Zweck wurde die Quellensteuer auf Einkünfte in Form von Lizenzgebühren, die in einem Mitgliedstaat anfallen, abgeschafft. Ebenso entfällt die Quellensteuer auf Einkünfte in Form von Zinsen, die in einem Mitgliedstaat anfallen. „Wie lange diese Richtlinien noch für Großbritannien gelten, ist noch nicht abzuschätzen und hängt auch vom Ergebnis der Austrittsverhandlungen ab“, so TPA-Expertin Burgstaller. Für Zahlungen nach Großbritannien und Umgründungen im Verhältnis zu Großbritannien werden die EU-Richtlinien nach dem Austritt nicht mehr anwendbar sein. Zahlungen werden zukünftig nur noch den in den bilateralen Doppelbesteuerungsabkommen vereinbarten Begünstigungen unterliegen. "Dies würde beispielsweise bei Dividendenzahlungen von Österreich nach Großbritannien eine Verschlechterung und Erhöhung der Steuerkosten für Unternehmen bringen“ analysiert Burgstaller.

Welche Steuerrichtlinien der EU Großbritannien kippen könnte

Aktuell hat die EU die Anti-Steuermissbrauchs-Richtlinie beschlossen. MMit dieser soll in der EU verhindert werden, dass Firmen, die ihren Sitz in einem Niedrigsteuerland haben, ihre ausländischen Einkünfte dorthin transferieren und dadurch Steuervorteile erzielen. Die Richtlinie enthält verpflichtende Standards gegen Steuermissbrauch, die von den EU Mitgliedstaaten ab 2019 umzusetzen sind. Großbritannien wird diese Richtlinie voraussichtlich nicht umsetzen. Folgen daraus:

1. Eventuell keine steuerliche Schranken für Abzugsfähigkeit von Zinsen in Großbritannien

Großbritannien wird voraussichtlich die in der EU geplante Zinsschranke nicht umsetzen müssen. Mit dieser Zinsschranke will die EU verhindern, dass (überhöhte) Zinsaufwendungen als steuerlicher Aufwand die Steuerbemessungsgrundlage reduzieren, während der Zinsertrag in einem anderen Land günstig versteuert wird. Burgstaller: „Die geplante Zinsschranke, die grundsätzlich den Zinsabzug auf 30 Prozent des EBITDA begrenzen will, stellt einen massiven Eingriff in die unternehmerische Finanzierungsfreiheit von Unternehmen vieler Branchen dar. Großbritannien könnte durch die Nicht-Einführung somit Steuerwettbewerb betreiben und Investments in britische Gesellschaften steuerlich attraktiv machen“.

Mehr Freiheiten für Hybridgesellschaften?

Die EU schiebt im Rahmen der EU Anti Tax Avoidance Richtlinie hybriden Gestaltungsmöglichkeiten von Unternehmen steuerlich einen Riegel vor. Unter einer hybriden Gesellschaft versteht man im Steuerrecht eine Gesellschaft, deren Rechtsform von Land zu Land unterschiedlich steuerlich behandelt wird. So kann eine Gesellschaft in einem Land wie eine Kapitalgesellschaft und in einem anderen Land wie eine Personengesellschaft besteuert werden. Hybride Darlehen sind in der Regel so strukturiert, dass ein Zinsabzug in einem Land erfolgt, während im anderen Land eine steuerfreie Dividende vorliegt. Dadurch können in Extremfällen effektive Nichtbesteuerungen erreicht werden. In Österreich sind hybride Darlehen bereits seit einigen Jahren nicht mehr steuerlich begünstigt. Großbritannien könnte für dort ansässige Holding- und Finanzierungsgesellschaften wieder steuerliche Spielräume eröffnen.

Begünstigungen im österreichischen Steuerrecht, die nur EU- und EWR-Mitgliedern gewährt werden und die mit einem Austritt Großbritanniens wegfallen könnten:

 Ein Aufschub der Besteuerung bzw. eine Ratenzahlung beim sogenanntem „Wegzug“". Ziel der Wegzugsbesteuerung ist es, sicherzustellen, dass die im Inland gelegenen stillen Reserven auch im Inland steuerlich erfasst werden.
 Die Gruppenträgerfunktion im Rahmen der Gruppenbesteuerung. Das bedeutet, der Ausgleich von Gewinnen und Verlusten innerhalb einer Unternehmensgruppe, die auch in Großbritannien eine Auslandstochter hat, könnte unter gewissen Umständen dann wegfallen. Damit könnte ein erheblicher Steuervorteil britischer Tochtergesellschaften österreichischer Körperschaften wegfallen. Bisher konnten etwa Anfangsverluste mit Gewinnen des Mutterunternehmens steuerlich ausgeglichen werden.

Zölle könnten wieder anfallen

Mit dem Austritt aus der EU ist Großbritannien umsatzsteuerlich und zollrechtlich nicht mehr Teil des europäischen Binnenmarktsystems. Lieferungen sowie unternehmensinterne Warenbewegungen nach Großbritannien sind nicht mehr innergemeinschaftliche Lieferungen, sondern Ausfuhrlieferungen.

Sie müssen dann, ebenso wie andere Importe in die EU, zollrechtlich angemeldet werden. In diesem Zusammenhang wird entscheidend sein, ob es zum Abschluss von Freihandelsabkommen mit Großbritannien kommt, auf deren Grundlage allfällige Zölle vermieden werden.

Grenzüberschreitender Einsatz von Mitarbeitern wird schwieriger

Die grenzüberschreitende Mitarbeiterentsendung nach Großbritannien und von Großbritannien in die EU wird erschwert, da die Arbeitnehmerfreizügigkeit voraussichtlich nicht mehr angewendet wird. "Die rechtliche Aufwand und die bürokratischen Hürden werden größer", prognostiziert Burgstaller.

Steuerliche Komponente bei Verhandlungen mit Kunden beachten

„Österreichische Unternehmen mit Geschäftstätigkeit in Großbritannien sollten bereits jetzt die steuerlichen Auswirkungen des Brexit auf ihr Geschäftsmodell prüfen und die weiteren Entwicklungen im Auge behalten, um frühzeitig notwendige Anpassungen vorzunehmen und auch bei Verhandlungen mit Kunden berücksichtigen", rät TPA Steuerberaterin Burgstaller.

Einheitliche Bemessungsgrundlage für EU-Unternehmensbesteuerung nun realistisch

In der EU versuchen Mitgliedsländer seit Jahren einen Konsens für eine einheitliche Bemessungsgrundlage für die Unternehmensbesteuerung zu finden. Einer der größten Gegner war bisher Großbritannien. „Dieses Vorhaben scheint nun realistischer und unter Umständen auch schneller umsetzbar als bisher“, analysiert Burgstaller. Neuen Rückenwind erfährt das Vorhaben derzeit auch durch den jüngsten Vorstoß der EU zur Bekämpfung von Steuermeidungspraktiken, die häufig von großen Unternehmen angewandt werden. Der Entwurf für diese Richtlinien basiert auf Empfehlungen der OECD.

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