Digitaler Nachlass: Was Sie über digitales Vermögen wissen sollten

Digitaler Nachlass: Was Sie über digitales Vermögen wissen sollten

Ein Testament sollte nicht nur die Aufteilung physischer Güter beeinhalten, sondern auch virtuelles von Wert.

Ob ein Guthaben bei Amazon oder einem Wettbüro, ein Online-Konto bei Paypal, einer Onlinebank oder eine Liedersammlung bei iTunes, die Frage ist, was passiert nach dem Tod damit. Wie man seine digitale Hinterlassenschaft am besten regelt und was potentielle Erben unbedingt wissen sollten.

Die virtuelle Welt lässt vieles im Dunkeln. Die Erfahrung machen Hinterbliebene oft erst nach dem Tod eines ihnen Nahestehenden. Wurde der digitale Nachlass nicht geregelt, ist es für potenziellen Erben meist äußerst mühsam im Internet verschiedene Accounts, Guthaben oder Abos aufzuspüren.

Das digitale Zeitalter macht Erben damit um ein schwieriges Kapitel reicher. Im Sommer des Vorjahres hat der deutsche Bundesgerichtshof deshalb erstmals ein Urteil zum digitalen Nachlass gefällt, das auch für Österreich als richtungsweisend eingestuft wird. Bis dahin war nicht klar, wem im Todesfall die Inhalte auf digitalen Konten gehören. Damals ging es zwar um einen Streit über den Zugang zu einem Facebook-Konto von Eltern zum Profil ihres verstorbenen Kindes, grundsätzlich wurde aber festgehalten: „Ein Vertrag über ein Benutzerkonto ist vererbbar.“ Damit haben Erben auch das Recht vom Provider oder Dienstleister Zugriff auf Passwörter zu verlangen. In der Entscheidung dieses Karlsruher Urteils heißt es unmissverständlich weiter: „Eine Differenzierung des Kontozugangs nach Vermögenswerten und höchstpersönlichen Inhalten scheidet aus.

"Erben treten in alle Rechtsbeziehungen des Erblassers ein, also auch solcher zu Online-Konten und –Services", erklärt Philipp Nierlich, Notar und Spezialist für den digitalen Nachlass bei Notare Hupppmann, Poindl, Pfaffenberger und Partner . Der Erbe tritt damit auch in Online-Verträge des Erblassers ein und kann als Besitzer darüber verfügen.

Deshalb ist es vor Erbantritt umso wichtiger zu wissen, welche Konten und Services der Verstorbene überhaupt genutzt hat. Die Möglichkeiten sind groß. Die Wiener Städtische, die für ihre Kunden ein digitales Nachlass-Service anbietet, schätzt, dass in Österreich rund 250 Online-Dienste in Anspruch genommen werden.


Diese Vermögenswerte zählen zum digitalen Nachlass:

  • Konten bei Online-Banken
  • Guthaben bei Bezahldiensten wie Paypal
  • Guthaben bei Online-Shopping-Konten wie Amazon
  • Guthaben, etwa von Wettbüros
  • Digitale Verträge, wie Abos für Zeitungen, Dating-Portale oder bei Verleihen wie iTunes
  • Guthaben in Form von Kryptowährungen
  • Blogs, Domains und eigene Webhops

Liste der Online-Konten im Testament empfehlenswert
Um im Todesfall für die Hinterbliebenen rasch Licht ins Dunkel zu bringen, rät Nierlich, entweder eine Liste der elektronischen Konten und Diensten mit dazugehörigen Passwörtern im Testament als Anhang anzuführen oder die Liste entweder zu Hause in einem Ordner oder in einem Bankschließfach, aufzubewahren. „Ob der jeweilige Ort vor unerwünschten Zugriffen sicher ist, muss jeder selbst beurteilen“, so der Notar. In jedem Fall sollte die Liste über digitale Konten und Services immer wieder aktualisiert werden. „Auch ein Testament sollte alle paar Jahre mit neuen Daten aktualisiert werden, neu überdacht und gegebenenfalls überarbeiten werden“, rät der Experte.

Zugang zu privaten Daten auf Firmen-Computer des Verstorbenen?
Gerade jene, die unerwartet aus dem Leben gerissen werden, haben Passwörter jedoch mitunter nicht zu Hause gesammelt, sondern am Firmencomputer gespeichert. „Die Hinterbliebenen haben aber keinen gesicherten Anspruch darauf, dass dessen Arbeitgeber private Daten herausgibt“, klärt Nierlich auf. Es sei denn, es wurde vertraglich so festgehalten.

Was im digitalen Nachlass festgelegt werden sollte
Im Testament sollte also genau festgehalten werden, wer welche digitalen Inhalte erbt. Je detaillierter ein Testament formuliert, auch was Online-Geld betrifft, formuliert ist, umso besser, denn die rechtlichen Rahmenbedingungen sind vielfältig und noch nicht vollständig geklärt.

Weiters kann eine Vertrauensperson zum digitalen Nachlassverwalter bestimmt werden. Dieser kann dazu bestimmt werden, Blogs oder andere soziale Inhalte zu verwalten.

Solange das Verlassenschaftsverfahren läuft, dürfen Erben bei Amazon & Co keine Auskunft verlangen
Doch was, wenn der Erblasser über seinen digitalen Nachlass nicht verfügt hat und es kein Verzeichnis der genutzten Online-Dienste gibt? Eine schwierige Situation, vor der nicht nur potentielle Erben stehen, sondern auch der betreffende Gerichtskommissär, der das Verlassenschaftsverfahren durchführt. Das ist ein Notare, die für den entsprechenden Bezirk vom Gericht für das jeweilige Verfahren zugeteilt wird. Die Hinterbliebenen selbst dürfen nicht einfach bei Paypal & Co im Namen des Verstorbenen Konten aufspüren und Zugang zu diesen verlangen. „Solange das Verlassenschaftsverfahren läuft und die Erben das Erbe nicht angenommen haben, haben die Erben rechtlich keine Stellung“, erläutert Notar Nierlich

Online-Sparbücher unter 15.000 Euro können nicht als Schenkung gewertet werden Selbst wenn Online-Konten und Passwörter den Hinterbliebenen bekannt sind, kommen anders als beim klassischen Inhaber-Sparbuch (ein legitimiertes auf den Erblasser lautendes Sparbuch), Beträge unter 15.000 Euro rechtlich nicht einer Schenkung gleich. Bei einem legitimierten Sparbuch in Papierform kommt dieses allerdings auch nur dann einer Schenkung gleich - sofern das Passwort bekannt ist - wenn das Konto nicht im Testament aufgelistet ist.

Musik des Verstorbenen von iTunes nicht vererbbar
Einen Spezialfall bilden Online-Abschlüsse von Musikstores wie iTunes. „Das Unternehmen wirbt zwar damit, dass Kunden Inhalte wie Musik und Potcasts kaufen können, tatsächlich werden diese aber nur verliehen. Der Leihvertrag erlischt mit dem Tod“, hält Nierlich fest. Anspruch auf Nutzungsrechte der Lieder, die der Verstorbene im Laufe seines Lebens erworben hat, gibt es damit nicht. Ähnliches gilt für viele andere Musik- und Streaming-Dienste.

Dasselbe gilt auch für E-Books. Auch da werden nur Nutzungsrechte vergeben. Nicht immer ist es möglich, eine Kopie auf einem anderen Gerät zu speichern. Wenn iTunes & Co jedoch nichts vom Ableben des Nutzers erfahren und die Zugangsdaten bekannt sind, können die Hinterbliebenen bis auf Weiteres die Lieder hören und die Bücher lesen.

Ob man bei Abos Geld zurückfordern kann, hängt von den Nutzungsbedingungen ab
Bei Abos, die fortlaufende Kosten verursachen oder für die eine Jahresgebühr bezahlt wurde, kann es sich jedoch lohnen, diese sobald als möglich nach dem Tod des Nutzers zu stornieren. Nierlich: „Ob die Erben etwa bei einem Jahresvertrag das Geld für die verbleibende Laufzeit zurückfordern können, hängt von den Nutzungsbedingungen ab.“ Selbst wenn davon nichts im Vertrag steht, sollte man trotzdem den Kontakt mit dem jeweiligen Dienst suchen, um eine kulante Lösung zu finden.

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