Was die Digitalisierung für Manager, Steuern und Arbeitsrecht bedeutet

Was die Digitalisierung für Manager, Steuern und Arbeitsrecht bedeutet

Manager und Forscher beleuchteten auf Einladung der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater von SOT Treuhand und Libertas Intercount das Thema "Digitalisierung - die vierte Revolution". Inweit diese das Management betrifft, warum die Verunsicherung darüber unter den Mitarbeitern so groß ist, woran es beim Arbeitsrecht krankt und warum das Steuerrecht deshalb umgekrempelt werden sollte.

Die SOT Süd-Ost Treuhand Gruppe und Libertas Intercount Wien lud rund 100 Gäste in den Reitersaal der Wiener Kontrollbank zum traditionellen Frühjahrsgespräch. Diesmal befasste man sich mit der Digitalisierung und der Frage, ob diese eher eine Revolution oder Evolution sei.

Mangel an Risikofinanzierung und Tech-Infrastruktur problematisch

Karl-Heinz Leitner, vom Austrian Institute of Technology: "Innovationen scheitern oft nicht an der Technologie sondern an mangelnder organisatorischer Einbettung, schlechten Strategien oder falschen Geschäftsmodellen." Österreich böte durch seine Industriekultur und seiner Ingenieurtradition, und F&E Förderung zwar gute Voraussetzungen für das Zeitalter der Digitalisierung, "aber der Mangel an Risikofinanzierung und Anerkennung unternehmerischer Tätigkeit und die nicht ausreichende Infrastruktur, etwa bei der Breitbandversorgung, stellen Hindernisse darstellen." Er sieht die Entwicklung eher als Evolution, eine der sich Unternehmen eben zu stellen haben. Leitner erwartet, dass vor allem kleine Unternehmen und Start-ups von dieser Entwicklung stark profitieren können, da sie wesentlich flexibler sind, als große.

Digitalisierung bringt Neuerungen über gesamte Wertschöpfungskette

Hanno Bästlein, Aufsichtsratsmitglied der B&C Holding, erwartet sich einen starken Produktivitätsschub durch die Digitalisierung, jedoch einmahnte, dass dieses Thema ein Management-Thema und dementsprechend auch von dieser Ebene mit Umsicht zu implementieren sei. „Das ist keine Marketingaufgabe, denn wir stehen an der Schwelle einer neuen industriellen Produktion- wenn nicht gar Revolution. Digitale Vernetzung, Selbststeuerung und Optimierung der Fertigungsprozesse über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg werden Realität werden. Die Digitalisierung birgt enorme Chancen, aber auch die Gefahr ganze Geschäftsmodelle in Frage zu stellen“.

Fehlende Rahmenbedingungen für neue Arbeitsbedingungen


Peter Zellmann, Leiter des Forschungsinstituts für Lebensstil und Zukunftsforschung zum Thema Digitalisierung, man solle nicht immer die Ängste der Menschen vor Arbeitsplatzverlust in den Vordergrund stellen. Studien belegen, dass die Verunsicherung bei Mitarbeitern deshalb sehr groß sei, da es die Politik bisher verabsäumte die nötigen Rahmenbedingungen für das „neue“ Arbeiten zu implementieren. Die Menschen wollen mehr Selbstbestimmung oder starre Arbeitszeiten können die neuen Entwicklungen nicht fördern. Hier sind auch die Sozialpartner gefordert ihr Beharrungsvermögen aufzugeben und endlich in den Betrieben entsprechende Vereinbarungen zwischen MitarbeiterInnen und Unternehmen abschließen zu lassen. Kollektivverträge sind dafür nicht mehr geeignet.

Gestaltung von Digitalisierung im Unternehmen bringt Chancen

Josef Kranawetter, Chef von Weidmüller, Spezialist für Maschinenbau und Betriebstechnik, hat sich in seinem Unternehmen bereits intensiv mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzt und fordert neue Management-Methoden. "Mitarbeiter werden in Zukunft wesentlich selbstständiger arbeiten müssen. Das erfordert eine hohe Vertrauensbasis. Und die Sicherheit der Daten ist und wird die größte Herausforderung.“ Er sieht noch bei vielen Unternehmen eine abwartende Haltung, ist aber überzeugt: “In Sachen Wohlstand, verhält es sich bei der Digitalisierung wie in vielen Bereichen: Lassen wir sie einfach geschehen, profitieren nur wenige davon. Gestalten wir sie, könnte der größte Wachstumsschub noch zünden“.

"Internationale Unternehmen wie Amazon zu adäquater Steuerleistung bringen"

Friedrich Spritzey, Partner SOT Süd-Ost Treuhand/Libertas Intercount, sieht die Politik gefordert. „Auf der einen Seite weiß man wie wichtig die betriebliche Aus- und Weiterbildung für die Mitarbeiter ist, auf der anderen Seite wurde im Rahmen der Steuerreform nun der Bildungsfreibetrag abgeschafft.“ Die Diskussion über eine mögliche Wertschöpfungsabgabe sieht er noch in den Anfängen. „Die Politik muss sich entscheiden, entweder entwickelt man ein zukunftsfähiges Steuermodell, das auch international tätige Unternehmen und Plattformen wie Amazon, Ebay oder Airbnb zu einer adäquaten Steuerleistung in Österreich bringt oder die steuerliche Situation verschlechtert sich und es dominiert reines Klienteldenken und das Steuersystem leidet und heimische Unternehmen werden noch mehr belastet. Das kann aber auf die Dauer nicht gut gehen“. Auch auf Wirtschaftsprüfer, Vorstände und Aufsichtsräte sieht Spritzey neue Herausforderungen zukommen. „Denn hier wird neues Wissen und ein Verstehen von digitalen Entwicklungen eingefordert, wodurch manchmal auch ganze Geschäftszweige in Frage gestellt werden müssen.“

Größere Vernetzung von Arbeit und Freizeit, aber keine neuen rechtlichen Rahmenbedingungen

Einig war man sich, dass diese Herausforderungen neuer Rahmenbedingungen bedürfen. Spritzey: „Wir brauchen ein völlig neues Steuerkonzept. Darüber hinaus sind wir auf dem Weg die klassische Arbeitszeit zu verlassen. Starre Arbeitszeiten wird es immer weniger geben. Work-Life-Balance, Work-Life-Blending - also das Vernetzen von Arbeit und Freizeit wird zunehmen - dafür gibt es jedoch keinerlei rechtliche Rahmenbedingungen. Der Sozialstaat ist dafür nicht vorbereitet., Weder die Politik, noch die Gewerkschaften oder Arbeiter- und Wirtschaftskammer wissen darauf eine Antwort. Sie werden sich aber mit Themen wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung auseinandersetzen müssen und die Politik der Beharrung aufgeben müssen, wenn Unternehmen in Österreich nicht den Anschluss verlieren sollen.“

 Friedrich Spritzey (Partner SOT Süd-Ost Treuhand Graz/Libertas Intercount), Josef Kranawetter (GF Weidmüller GmbH), Prof. Dr. Peter Zellmann (Leiter Forschungsinstitut für Lebensstil und Zukunftsforschung), Mag. Karin Keglevich-Lauringer (GF Special Public Affairs), Dr. Hanno Bästlein (Aufsichtsratsmitglied der B&C Holding GmbH), Priv.-Doz. Dr. Karl-Heinz Leitner (Austrian Institute of Technology)

Unter den Referenten und Gästen des Abends: (v.l.) Friedrich Spritzey (Partner SOT Süd-Ost Treuhand Graz/Libertas Intercount), Josef Kranawetter (Geschäftsführer von Weidmüller), Professor Peter Zellmann (Leiter Forschungsinstitut für Lebensstil und Zukunftsforschung), Karin Keglevich-Lauringer (GF Special Public Affairs), Hanno Bästlein (Aufsichtsratsmitglied der B&C Holding GmbH), Dozent Karl-Heinz Leitner (Austrian Institute of Technology).

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