Karriere als Wirtschaftsprüfer: Nachwuchs dringend gesucht

Wer Wirtschaftsprüfer werden will, muss vorher die komplette Ausbildung zum Steuerberater durchlaufen. Das soll sich nun ändern, um den Prüfer-Nachwuchs zu sichern. Den weit mehr auf Wirtschaftsprüfung denn auf Steuerberatung fokussierten "Big 4" drohen Engpässe beim Prüfernachwuchs.

Karriere als Wirtschaftsprüfer: Nachwuchs dringend gesucht

ESTHER BRANDNER-RICHTER, EY: "Die Hürde der doppelten Prüfung kostet das Berufsbild Wirtschaftsprüfer Attraktivität."

Sie gelten als eine besonders smarte Spezies unter den kompetenten jungen Checkern mit frischen Studienabschlüssen. Die meisten von ihnen haben dieses Mindset durchaus verinnerlicht und verstehen es, dem durch dynamisches Auftreten und adrettes Business-Outfit Ausdruck zu verleihen: Junge Menschen auf dem Karriereweg zum Wirtschaftsprüfer sind in der Regel selbstsichere Erscheinungen.

Können sie auch sein. Wer sich etwa als Jungakademiker für eine Laufbahn bei einem der "Big 4" der Branche entscheidet - das sind die globalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften PwC, KPMG, EY und Deloitte - gehört schon bald nach dem Einstieg zu jenen Prüfungsteams, die in den Konzernzentralen ihrer Klienten aus-und eingehen und dort - selbstverständlich strengst vertrauliche - Einblicke erhalten, von denen selbst langgediente Mitarbeiter dieser Unternehmen nur träumen können.

Bevor sie bei solchen Prüfungen des Zahlenwerks bedeutender Konzerne noch größere Verantwortung übernehmen oder gar ein Prüfungsteam leiten können, müssen sie sich allerdings selbst zwei ziemlich heftigen Prüfungen stellen, die sogar ihre Selbstsicherheit auf eine harte Probe stellen: der Fachprüfung zum Steuerberater (zwei Klausuren zu je sieben Stunden und ein mündlicher Prüfungsteil) und der Fachprüfung zum Wirtschaftsprüfer (drei Klausuren zu je viereinhalb Stunden plus mündliche Prüfung). Das liegt an einem berufsständischen Spezifikum, das es nur hierzulande und in Deutschland gibt. "In Österreich ist die Ausbildung zum Steuerberater jener zum Wirtschaftsprüfer vorgelagert", erklärt Peter Pessenlehner, Partner und Leiter der Abteilung für Wirtschaftsprüfung bei PwC Österreich, das bestehende System.


Fünf, sechs Jahre bis zum Beruf Wirtschaftsprüfer, das passt nicht mehr ins Selbstbild vieler Absolventen

Obwohl es möglich wäre, beide Berufsbefugnisse in einer "Monster-Prüfung" direkt zur erlangen, absolvieren Berufsanwärter in der Regel nach drei Jahren zuerst die Steuerberaterprüfung und nach einiger Zeit weiterer Berufstätigkeit dann die Prüfung zum Wirtschaftsprüfer . Das Prinzip lautet also: In Österreich ist jeder Wirtschaftsprüfer zugleich auch Steuerberater, doch nicht jeder Steuerberater ist auch Wirtschaftsprüfer.

"Derzeit ist es schwierig, junge Absolventen für die Wirtschaftsprüfung zu begeistern", sagt PwC-Geschäftsführer Pessenlehner. "Man muss 22-bis 24-jährigen Akademikern klarmachen, dass sie noch fünf bis sechs Jahre bis zum Beruf des Wirtschaftsprüfers vor sich haben, also bis 30 weiterlernen und Prüfungen ablegen müssen. Das passt oft nicht in ihr Selbstbild." Esther Brandner-Richter, Head of Human Resources bei EY Österreich, sieht es ähnlich: "Die Prüfung ist oft ein Hemmnis, den an sich attraktiven Beruf zu ergreifen. Wir müssen sehr viel an Recruiting-Aktivitäten setzen, um gute junge Leute als Berufsanwärter zu gewinnen."

Faktum ist jedenfalls: Den weit mehr auf Wirtschaftsprüfung denn auf Steuerberatung fokussierten "Big 4" drohen Engpässe beim Prüfernachwuchs. Während 2014 der Umsatz der Branche um 4,2 Prozent wuchs, stieg die Zahl der Wirtschaftsprüfer gerade einmal um 1,2 Prozent. Die Problematik wurde mittlerweile erkannt und angegangen: Die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer soll im Zuge einer Reform des Berufsrechts 2016 von jener zum Steuerberater entkoppelt werden. Ein solcher Anlauf war vor einigen Jahren innerhalb der Kammer der Wirtschaftstreuhänder (KWT), der Standesvertretung der gut 5.300 Steuerberater und 1.900 Wirtschaftsprüfer im Lande, noch gescheitert. Jetzt steht nach interner Abstimmung dazu auch die Kammer hinter der Reform.

"Die Berufsbilder haben sich deutlich weiterentwickelt, vor allem durch internationale Entwicklungen in der Wirtschaftsprüfung. Die Spezialisierung schreitet voran, und Spezialistentum ist auch erforderlich", sagt KWT-Vizepräsident Herbert Houf. "Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sind heute zwei Berufe, die abgekoppelt voneinander existieren können", meint Houf und beschreibt die neue Ausbildungsstruktur: Sie soll künftig aus einem Basismodul für beide Gruppen und weiteren spezifischen Modulen für die jeweiligen Berufe bestehen. So werden Steuerberater neben dem Abgabenrecht insbesondere intensiv im Verfahrensrecht ausgebildet; für Wirtschaftsprüfer , die sich natürlich weiterhin im Steuerrecht auskennen müssen, geht es stärker um Prüfungsorganisation sowie internationale Rechnungslegungs- und Prüfungsstandards.

"Wirtschaftsprüfer wurden durch den bisherigen Aufbau vielleicht als noch bessere Steuerberater angesehen. Von diesem Bild muss man sich lösen. Heute gelten ganz andere Anforderungen", stimmt Peter Pessenlehner die eigene Branche und die Öffentlichkeit auf die Änderung ein. Und Herbert Houf ergänzt in Richtung der Anhänger des alten Ausbildungsschemas: "Die Möglichkeit, die Ausbildung zu entkoppeln, bedeutet ja nicht, dass man das tun muss. Auch in Zukunft ist die Kombination Steuerberater und Wirtschaftsprüfer ja nicht ausgeschlossen." Das dürfte dann allerdings durch die notwendige doppelte Spezialisierung noch um einiges schwieriger und somit zeitaufwendiger für die Kandidaten werden als schon bisher.


KARRIERE ALS WIRTSCHAFTSPRÜFER

Argumente für Berufseinsteiger

Ausbildung: Intensives Training neben der Praxis ist bei großen Prüfungsgesellschaften für Berufseinsteiger obligatorisch. Im Schnitt deutlich mehr als 200 Stunden sind es bei PwC im ersten Berufsjahr. Dazu kommen "Peer Group Learnings" und Schulungen in Soft Skills.
Karrierefundament: Berufsstart in der Wirtschaftsprüfung ist nach ein paar Jahren Erfahrung eine exzellente Basis für den Wechsel in die Industrie oder die Finanzbranche.
Aufstieg: Hängt an Einsatz und Leistung, weniger an externen Faktoren. Große Kanzleien haben deutlich mehr Partner als Unternehmen Vorstände.
Saisonalität: Hohe Arbeitsbelastung in der Prüfungssaison (Winter) und Jahresarbeitszeitmodell bringen attraktive Möglichkeiten im Sommer.

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