Zweite Chance: EU-Auffangnetz für arbeitslose Jugendliche

Im Rahmen ihrer Initiative für die Re-Integration aus dem System gefallener Jugendlicher unterstützt und fördert die EU Musterprojekte. Das Ziel ist, daraus neue Projekte und Methoden zu entwickeln um die Jugendarbeitslosigkeit in Europa einzudämmen.

Zweite Chance: EU-Auffangnetz für arbeitslose Jugendliche

Ein Mann mit einer Mission: Wim Embrechts, Creative Director und Mitgründer von ART2WORK

Ein Alltag geprägt von Tristesse und Langeweile. Dem ständigen Gefühl, nutzlos zu sein. Die Schule abgebrochen, ein ellenlanges Vorstrafenregister, das Leben, geprägt von Kleinkriminalität, Drogen, dem sprichwörtlichen Kampf um einen Bissen Brot und der Suche nach einem trockenen, beheizten und sicheren Schlafplatz. Und das mitten in Europa, sogar mitten in Österreich: Aus dem System gefallene jugendliche Langzeitarbeitslose sind eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, unserer Gesellschaft.

Laut Eurostat liegt die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum aktuell bei 18,7 Prozent, innerhalb der EU 28 bei 16,7 Prozent. Besonders problematisch ist die Situation in Griechenland, Spanien und Italien. In Griechenland haben über 46 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 24 keine Arbeit, in Spanien mehr als 40 Prozent und in Italien 34 Prozent. In Österreich ist die Situation dagegen mit einer Jugendarbeitslosenquote von 10,5 Prozent dagegen fast entspannt.

Doch die Eurostat-Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter den nüchternen Zahlen Einzelschicksale stehen - jedes für sich eines zu viel. Und dass es in den meisten europäischen Ländern Problembezirke mit extrem hoher Jugendarbeitslosigkeit gibt. Den Brüsseler Stadtbezirk Molenbeek etwa, der im Zuge des Attentats im Pariser Bataclan Club im November 2015 international traurige Berühmtheit erlangte: Das desolate Stadtviertel, in dem die Bataclan-Attentäter aufgewachsen sind oder Unterschlupf gefunden hatten, leidet neben vielen Problemen unter einer Jugendarbeitslosigkeit von geschätzten 50 Prozent. Mit sämtlichen damit verbundenen Schwierigkeiten und Konflikten: Zornigen, hoffnungslosen, jungen Menschen ohne jegliche Perspektive. Ein ständig steigende Kluft zwischen Jung und Alt bietet einen fruchtbaren Nährboden für Kriminalität und Radikalisierung.

Die Politik hat bisher nur unzureichende Antworten auf die Probleme und Spannungen gefunden, die daraus entstehen. Im Rahmen ihrer Initiative für die soziale Inklusion aus dem System gefallener Jugendlicher unterstützt und fördert die EU Musterprojekte, aus denen neue Projekte und Methoden entwickelt werden sollen, um die Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa ein Stück weit eindämmen zu können.

Die folgenden drei Projekte, eines in der erwähnten Problemzone Molenbeek (Belgien), eines in Lille (Frankreich) und ein drittes in Villach (Österreich) zeigen beispielhaft die Vielfalt der EU-weit angelaufenen Initiativen.


ART2WORK

Brüssel, Belgien


Wim Embrechts, Creative Director und Mitgründer von ART2WORK um Rahmen seiner Schützlinge.

Wim Embrechts ist ein Kämpfer gegen die Tristesse in Molenbeek. Der Erfolg seiner Anstrengungen erfüllt ihn mit Stolz, und er versucht gar nicht, das zu verstecken. Mit breitem Grinsen im Gesicht lässt er die Hand durch den Raum schweifen, der an einen Co-Working Space für Start-Ups erinnert: Keine Wände, große Küche plus Esstisch, überall PCs und Post-Its. Einige Jugendliche sitzen an den Bildschirmen, hochkonzentriert. "Das sind meine Schützlinge", sagt Embrechts.

Der Belgier ist Creative Director und Mitgründer von ART2WORK, einer Initiative, die Programme für die persönliche Entwicklung und wirtschaftliche Integration junge Leute in Brüssel entwickelt. Embrechts ermöglicht Jugendlichen, verschiedenste Projekte umzusetzen. Dazu erhalten sie Coachings und den eingangs beschriebenen Raum, der also tatsächlich ein Co-Working Space ist, nur nicht für Start-Ups, sondern für Schulabbrecher und junge Arbeitslose – die sind Embrechts Zielgruppe.

Die Projekte sind divers, momentan arbeiten einige Teilnehmer an Veranstaltungstechnik. Embrechts betont aber, sein Ziel sei „nicht die Ausbildung von Veranstaltungstechnikern, sondern das Entfachen von Schaffensfreude.“ Dieser Ansatz macht ART2WORK aus. Die Teilnehmer erlernen zwar handwerklich Fähigkeiten, doch in Wahrheit ist ART2WORK eine Art Arbeits-Simulator: Wer hierher kommt muss gepflegt aussehen, pünktlich kommen, kommunizieren und sich auf Teams einlassen.

Wenn ein Schulabbrecher, der sich vorher kaum eine Stunde zum Lernen hinsetzen konnte, plötzlich stundenlang am PC sitzt und ein Projekt zu Ende bekommt, wirke das Wunder für Motivation und Leistungswille. Das Projekt selbst ist dabei Nebensache. Der von EU-Geldern ermöglichte Arbeitsraum liegt mitten im Brüsseler Problembezirk Mollenbeek-Saint-Jean, an jungen Menschen mit Bedarf an persönlicher Entwicklung mangelt es Embrechts also nicht. Er zeigt sich zuversichtlich: „Das Projekt läuft noch zu kurz für eine Evaluation, doch die Ergebnisse werden uns Kredibilität verschaffen.“

Weitere Projektinformationen: www.art2work.be/en/


Ecole de la Deuxieme Chance

Lille, Frankreich


Die Ecole de la Deuxiemme Chance gibt aus dem Stystem gefallenen Jugendlichen eine zweite Chance.

„Wenn du 20 bist, ist das Leben noch lang.“ So lautet das optimistische Motto der Ecole de la Deuxiemme Chance („Schule der zweiten Chance“) in Lille. Jugendliche ohne Ausbildung werden hier Schritt für Schritt in den Arbeitsmarkt eingeführt. Der Stundenplan ist strikter als bei ART2WORK, das Programm bereit Jugendliche spezifisch auf einen bestimmten Beruf vor. Die Stärke von E2C liegt im Netzwerk, seit 2014 gibt es über 116 derartiger Schulen in der Grande Nation.

Stolz ist Managing Director Michèle Mathé, auf den privatwirtschaftlichen Anstrich der Schule, sowohl beim Führungsstil als auch in der Finanzierung. Denn neben der EU fördern auch zahlreiche Unternehmen die E2C, einige bieten den Jugendlichen Praktika und Lehrstellen an.

Einer dieser Jugendlichen ist Victor Lannoy, ein hagerer Mittzwanziger mit schwarzer Brille und Ohrring. Nachdem Victor das E2C-Programm absolvierte, bekam er eine Lehrstelle im Partnerunternehmen Lambeline, ein Getränkelieferant. Für den Direktor Christophe Deknyut ist Victor ein Glücksfall: „Victor hat sich hier von Anfang an stark eingebracht.“ Das Lob zaubert ein Lächeln in dessen Gesicht. Und tatsächlich ist er nun wieder zuversichtlich. Während er nach dem Schulabbruch er null Perspektive sah, hat er nun dank spezifischem Training und dem E2C-Netzwerk wieder einen Grund, morgens aufzustehen.

Weitere Projektinformationen: www.e2c-grandlille.fr/


Produktionsschule

Villach, Österreich


In der Produktionsschule Villach des FAB: Die Produktionsschule wendet sich an Jugendliche bis zum 21. bzw. bis zum 24. Lebensjahr mit einer Behinderung bzw. sonderpädagogischem Förderbedarf, Lernbehinderung, sozialen oder emotionalen Beeinträchtigungen, die eine (Berufs-)Ausbildung absolvieren wollen und deren Berufswunsch zum aktuellen Zeitpunkt klar erscheint.

„Man muss Jugendliche da abholen, wo sie abzuholen sind“, fasst Holzarbeits-Coach Markus Hofreiter das Credo der Villacher Produktionsschule des Verein zur Förderung von Arbeit und Beschäftigung (FAB) zusammen. Im Vergleich zu ART2WORK und E2C arbeitet die Produktionsschule pädagogischer: Hierher kommen Jugendliche, die mit ihrer beruflichen oder schulischen Ausbildung überfordert sind – wegen Lese- oder Rechenschwäche, aber auch aufgrund eines verminderten Selbstwerts oder Ziellosigkeit.

In Einzelbegleitung finden Jugendliche und Coaches gemeinsam heraus, ob Probleme vorliegen, bei denen das Programm der Produktionsschule helfen kann. Dieses umfasst IT- und Kochkurse, Holzarbeit sowie Sport und Team-Building. "Das wichtigste dabei ist die Beziehung zwischen dem Coach und den Jugendlichen", betont Gastronomie-Coach Siegfried Stoj. Einer seiner ehemaligen Schützlinge, Marcel Dragi, kam ohne Perspektive in Stojs Küche, und ist nun Lehrling bei der Baumarktkette OBI und trägt stolz eine orangene Lehrlingsjacke des Unternehmens. An der Produktionsschule habe er „gelernt, wie richtiges Arbeitsleben funktioniert“. Es habe ihn allerdings „angezipft“, dass er das Handy immer abgeben musste, fügt er hinzu.

Seit Jahresbeginn wird die Produktionsschule im Rahmen der EU-Projektförderung unterstützt. Damit konnten einige zusätzliche Coaches eingestellt und das Programm ausgebaut werden. Heinz-Rudolf Miko, Sprecher der österreichischen Vertretung der Europäischen Kommission, betonte den Vorteil des EU-weiten Erfahrungsaustausches für Projekte wie diesem: Die Produktionsschule Villach habe man ausgewählt, weil ähnliche Projekte in Dänemark gute Ergebnisse lieferten. Miko: „Wir brauchen solche strategischen Investments. Jetzt mehr denn je.“

Weitere Projektinformationen: www.fab.at

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