Wie Corona die Banken fordert [Gastkommentar]

Gastkommentar von Rainer M. Zierhofer, Partner bei Horváth & Partners: Trotz rekordverdächtiger Umsätze und neuer Nachfragespitzen insbesondere im Wertpapiergeschäft wird die Coronakrise auch für die Banken immer herausfordernder.

Thema: Management Commentary
Rainer M. Zierhofer

Rainer M. Zierhofer

Der „digitale Schock“ durch Covid-19, die radikale Umstellung der Kundenansprache und Kundenbetreuung auf virtuelle Plattformen und Kommunikationswege, ist gewaltig. Manche sehen diese Entwicklung schon als Ende des traditionellen Bankgeschäfts, andere wiederum als Chance. Allen Banken ist jedenfalls klar, dass die Krise eine radikale Überprüfung der Vertriebs- und Betriebsmodelle auslöst – und dass sie diese neue Normalität aktiv gestalten müssen.

Hinzu kommt: Schon im ersten Quartal 2021 werden die Kreditausfälle drastisch ansteigen, und die hybride Kundeninteraktion – mal online mal offline in der Filiale – zur Regel.

Digitalisierung war schon vor der Pandemie ein zentrales Thema, doch jetzt steht die digitale Transformation ganz oben auf der To-do-Liste. Gefragt ist ein digitales, kosteneffizientes und resilientes Post-Corona-Betriebsmodell. Da sind sich auch die über 200 Befragten einer Horváth-Studie einig: Es geht nicht nur um Homeoffice-Modelle, die den Echtzeittest längst bestanden haben, sondern um massiv beschleunigte Entscheidungsprozesse, die Konzentration aufs Wesentliche, verbund- und sektorübergreifende Kooperationen in kundenferneren Bereichen und Geschäftsmodelle, die einem neuen Börsen-Crash standhalten.

Online-Vertrieb forcieren

Auch wenn das für viele bisher schwer denkbar war: Kreditinstitute werden den digitalen und mobilen Verkauf von Bankprodukten massiv intensivieren und neue Ertragsmöglichkeiten identifizieren – auch ,,beyond banking‘‘, also außerhalb des traditionellen Kerngeschäfts. Gute Beispiele dafür sind Chinas Webank und Spaniens BBVA. Dass die Unternehmensautomatisierung vollständig überdacht und beschleunigt werden muss, ist dabei nur ein Detail am Rande.

Nötig sind ein ganzheitlicher Ansatz, neue Arbeitsmodelle und agiles Teamwork, ebenso wie die weitere Verbesserung der digitalen Kompetenzen. Die Transformation wird umfassend, gutes Innovations- und Technologiemanagement zur Voraussetzung dafür, dass sich klassische Institute – strategisch – behaupten können. Da braucht es Mut, smarte Ideen und Geschwindigkeit, denn das eigene Geschäftsmodell wird ja von fast allen Seiten angegriffen.

Innovation statt Beharrlichkeit

Ein Problem vieler Banken sind auch die angehäuften technischen Schulden, die spätestens jetzt behoben werden müssen – also die Diskrepanz zwischen dynamischer Technologie-Entwicklung einerseits und vorhandener „Legacy“ in der IT und Organisation andererseits. Die oft geringe Fortbildungsbereitschaft der Belegschaft, der hohe Altersdurchschnitt und die Verschwendung von Mitteln für den Fortbestand alter Systeme anstelle von IT-Erneuerung hemmen die Innovation. Das Problem ist zum Teil auch ein europäisches: In den USA und in China investieren Banken bis zu viermal so viel in die Technologie.

Fazit: Rechtzeitige und umfassende Investitionen in digitale Technologien haben nicht nur positive Kosteneffekte, sondern auch Auswirkungen auf die künftige Performance der Geldinstitute. Übersehen Banken die rasanten Entwicklungen im Mobile- und Online-Vertrieb, werden sich Wettbewerber zwischen sie und ihre Kunden schieben und das Geschäft machen. Das, was Amazon und Airbnb in anderen Branchen geschafft haben, könnte nämlich früher oder später auch ein Tech-Unternehmen schaffen.


Über den Autor

Rainer M. Zierhofer ist Partner bei Horváth & Partners und Leiter des Beratungsbereichs Finanzindustrie bei Horváth & Partners sowie Leiter von Horváth Digital.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".

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