Weltwirtschaft: Abschied vom Shareholder Value?

Oliver Greiner, Strategieberater bei Horváth & Partners.

Oliver Greiner, Strategieberater bei Horváth & Partners.

SERIE MANAGEMENT COMMENTARY: Gastbeitrag von Oliver Greiner, Strategieberater Horváth & Partners, über den Abschied von der Profitmaximierung als dem alleinigen Kriterium für den Erfolg eines Unternehmens.

Die Vorstandschefs der weltgrößten börsennotierten Unternehmen nehmen Abschied von einem Grundprinzip, das ihr Handeln seit Jahrzehnten bestimmt hat. Der „Shareholder Value“, das Wohl der Aktionäre oder besser gesagt die Profitmaximierung, sei künftig nicht mehr allein entscheidend für den nachhaltigen Erfolg eines Unternehmens. Was sind die Folgen?

Wenn 200 der größten amerikanischen Unternehmen – darunter Apple, Amazon, Blackrock und JPMorgan – ihrer langjährigen Profitmaximierungspolitik abschwören, dann muss der öffentliche Druck groß sein. Umweltzerstörung, Ausbeutung von Arbeitskräften und Ressourcenverschwendung im Dienste des Profits können sich selbst die größten Konzerne der Welt nicht mehr länger leisten. Umso gewichtiger klingt die Erklärung des "Paradigmenwechsels", den der US-Verband der Unternehmenslenker kürzlich veröffentlicht hat.

Der Zweck (Purpose) eines Unternehmens soll es demnach künftig sein, den "Stakeholder Value" ins Zentrum des unternehmerischen Handelns zu rücken. Dieser Schwenk stellt die seit langem praktizierte Managementlehre auf den Kopf. Denn Stakeholder sind nicht nur die Eigentümer des Unternehmens, sondern auch andere Interessengruppen wie Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten, und nicht zuletzt auch Anrainer, Betroffene, Umwelt, Gesellschaft und Staat.

Dass die US-Konzernlenker die eigenen Lehren der vergangenen Jahrzehnte infrage stellen, kommt nicht von ungefähr. Die drastische Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen hat sich gerade in den USA eklatant verschärft, während Natur und Umwelt konsequent Schaden erleiden.

Rund 50 Millionen US-Bürger leben unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, immer mehr Menschen benötigen zwei oder mehr Jobs, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Und allen Leugnern des Klimawandels zum Trotz macht sich auch bei vielen Amerikanern die Sorge um unseren Planeten breit.

Mit Purpose zu nachhaltigem Gewinn

Dass es so weit kommen würde, haben sich die Begründer des Shareholder-Values nicht vorstellen können. Denn: Das Shareholder-Value-Denken war in seinen Grundfesten nicht auf Kurzfristigkeit oder auf Maximierung von Management-Gehältern ausgerichtet. Vielmehr bestand der Glaube darin, dass die Ausrichtung auf Profitmaximierung auch zu einer Verbesserung aller anderen Interessenslagen führen würde.

Wer Profite maximieren möchte, so die Annahme, braucht zufriedene Kunden, motivierte Mitarbeiter, ein positives öffentliches Ansehen, eine funktionierende Umwelt, usw. Statt den scheinbar unmöglichen Versuch zu starten, alle Interessengruppen glücklich zu machen, würde es ausreichen, wenn Unternehmen sich in letzter Konsequenz auf ihren Erfolg konzentrieren – alles andere würde automatisch folgen.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die zuletzt gültige Erklärung der Unternehmenslenker aus dem Jahre 1997 die Profitmaximierung für die Aktionäre klar an erster Stelle reihte. Und es ist umso bemerkenswerter, dass die neue Erklärung im krassen Gegensatz zu ihr steht. Mehr noch: die neue Erklärung über den Zweck eines Unternehmens gleicht einer Revolution.

Denn sie stellt das Eingeständnis dar, dass die alleinige Fokussierung auf die Profitmaximierung eben nicht – wie von Zauberhand – zum langfristigen Unternehmenserfolg führt. Erfolgreiche Unternehmen, so die Einsicht, sind langfristig nur dann erfolgreich, wenn sie dafür sorgen, dass auch ihr Umfeld intakt bleibt. Für Entscheidungsträger trägt dieser Verzicht auf die alleinige Ausrichtung am Mehrwert für Aktionäre somit zu einer Erleichterung ihres Denkens und Handels bei. Die Aussage ist ja eben nicht, dass Unternehmen keine Profite mehr machen sollen, sondern dass sie zusätzlich glaubwürdig Verantwortung für ihr Umfeld übernehmen müssen.

Dass Unternehmen gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich sein und zum Gemeinwohl beitragen können, ist eine gute Nachricht für die Öffentlichkeit. In Zukunft wird an dieser Logik jedenfalls kein Weg mehr vorbeitführen, sind sich Experten sicher. In einem Risikobericht betont etwa das Weltwirtschaftsforum in Davos, dass die Privatwirtschaft im Kampf gegen gesellschaftliche, politische und ökologische Herausforderungen eine Führungsrolle übernehmen müsse.

Konzerne, die täglich mehrere Millionen Verbraucher erreichen, haben auch die Verantwortung, eine neue, auch dem Gemeinwohl verpflichtete Geschäftslogik zu etablieren, heißt es da – auch wenn es natürlich falsch wäre zu erwarten, Unternehmen allein könnten die Probleme der Welt lösen. Allerdings tragen sie neben Politik und Gesellschaft eine zentrale Verantwortung für Umwelt und nachhaltiges Ressourcenmanagement.

Gesellschaftliche Verantwortung strategisch verankern

Allerdings: Gutmenschen sind die US-Unternehmenslenker und ihre weltweiten Kollegen über Nacht deshalb nicht geworden. Vielmehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Verzicht auf die alleinige Fokussierung auf den Shareholder-Value ironischerweise genau dazu führen kann: zu mehr Shareholder Value. Denn die neue Auseinandersetzung mit dem Wirken der Unternehmen auf ihre Umfeld eröffnet für strategisch denkende Unternehmer langfristig neue Geschäftschancen.

Doch wie könnte das aussehen? Wie können Manager kurzfristige wirtschaftliche Ziele mit einem nachhaltigen gesellschaftlichen und ökologischen Beitrag vereinbaren? Im Rahmen einer Studie der Forschungskooperation „Leaders in Purpose“ wurden die Spitzen europäischer Unternehmen zum Thema „Leadership for the 21st Century“ interviewt – mit vier wichtigen Erkenntnissen:

1. Top-Führungskräfte sind sich immer stärker bewusst, dass der Erfolg ihrer Organisationen in einem größeren Kontext untrennbar mit der Zukunft unseres Planeten verbunden ist. Dem wachsenden politischen Isolationismus müsse mit branchenübergreifenden strategischen Partnerschaften begegnet werden, um Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit voranzubringen. So können auch völlig neue Produkte und Geschäftsmodelle entstehen.

2. Die gesellschaftliche Verantwortung muss in die Kernstrategie von Organisationen eingebettet werden. Grundlage sind die 2017 definierten globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Sie zeigen eindrücklich, dass sich eine langfristige, nachhaltige Perspektive auszahlt. Denn sie erzielen „Wachstum, auf das man stolz sein kann“ und „unternehmerische Auswirkungen, von denen alle Beteiligten profitieren, nicht nur die Aktionäre“ (Grant F. Reid, CEO Mars). Und sie liefern Impulse, wo Unternehmen nach neuen Geschäftsperspektiven suchen können – sowohl im Sinne neuer Leistungen als auch höherer Produktivität.

3. Der Wandel zu einem langfristigen Ansatz erfordert eine neue, am höheren Unternehmenszweck orientierte Steuerung. So könnten Unternehmensverbände internationale Kennzahlen aushandeln, die die ökologischen und sozialen Auswirkungen ihrer Tätigkeit berücksichtigen und bspw. steuerliche Anreize für eine gute Unternehmensführung schaffen (Vorschlag Feike Sijbesma, CEO DSM).

Neues Führungsparadigma

4. Wichtigste Erkenntnis schließlich ist der enge Zusammenhang zwischen den neuen Führungsansätzen und dem finanziellen Erfolg einer Organisation. Diese Ansätze stellen ein neues Führungsparadigma dar, das Unternehmenskulturen, Strukturen, Prozesse und Beschaffungsstrategien neu definiert und transformiert, um den Purpose (Unternehmenszweck) und ein hohes Maß an Agilität in der gesamten Organisation freizusetzen.

Fazit: Für US-Unternehmen ist die "Erklärung über den Zweck von Unternehmen" eine Revolution. In Europa wird das Thema nachhaltiger Unternehmensführung schon länger diskutiert, unter anderem von „Leaders on Purpose“, einer Forschungskooperation von Harvard University, Weltbank und London School of Economics. Unternehmen, die sich demnach auch um das Gemeinwohl kümmern und dieses strategisch verankern sowie sichtbar dokumentieren, werden künftig wirtschaftlich erfolgreicher sein.


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Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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