Was wir von Harun ar-Raschid über Resilienz lernen können

Wer das Leben als Zyklus von wechselnden Auf- und Abwärtsphasen versteht, kann Krisen besser, vor allem gelassener bewältigen. Für resiliente Menschen gehören Enttäuschungen sogar zu den stärksten Antriebskräften in ihrem Leben. Um den Sinn des Lebens zu finden, kann ein einziger Satz helfen, der in diesem Essay verraten wird.

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Andreas Salcher - Bestsellerautor, Bildungskritiker und regelmäßiger trend-Autor.

Es gibt zwei Kurven, die unseren Lebenszyklus bestimmen. Eine führt nach oben und bedeutet ein Mehr an Geld, Erfolg, Karriere und Status. Das ist eine Zeit der Expansion in der äußeren Welt, in der das Ego zunimmt. Die andere Kurve führt nach unten. Sie steht für Verlust von Gewohntem, Niederlage, für Kränkung und Stagnation. Entwicklung findet interessanterweise fast immer in dieser zweiten Phase des Wenigerwerdens statt, weil dadurch ein innerer Vertiefungsprozess ausgelöst wird.

Die westliche Philosophie versucht vor allem, den Wachstumsprozess in dieser äußeren Welt zu begründen. Darauf basieren fast alle Management-Erfolgslehren nach dem Motto: Du musst dir nur klare Ziele setzen, diese konsequent verfolgen und die richtigen Methoden kennen - und die lernst du an der WU, an der Harvard Business School, in diesem Seminar, in diesem Buch und natürlich im trend.

Die asiatische Kultur beschäftigt sich dagegen primär mit der Kurve des "Weniger", weil eben dort die tatsächliche Weiterentwicklung passiert. 2020 war sicher ein Jahr, in dem vieles für uns weniger geworden ist. Und 2021 zeigt sich auch noch nicht von seiner besten Seite. Das heißt: weniger persönliche Begegnungen mit Freunden, Kollegen und Familie, weniger Kundenkontakte, weniger Sicherheit, weniger Chancen, neue Menschen kennenzulernen, und weniger Reisen. Das Einzige, von dem es deutlich mehr gibt, sind Zoom-oder Teams-Meetings.


Sieger leiden sicher nicht weniger als Verlierer an Niederlagen, aber sie fühlen sich nicht als ohnmächtige Opfer.

Nur besonders reflektierende Menschen denken schon in der Phase des Wachstums, des Erfolges und somit der Bestärkung des Egos daran, dass diese einmal enden wird. Erst mit zunehmender Erfahrung können wir lernen, eine fundamentale Lebensweisheit zu verstehen: Der Zyklus des Auf und Ab ist keine Verschwörung des Schicksals gegen uns.

Unser Leiden kommt von den Blockierungen , wann immer wir uns dieser Realität verweigern. Wenn wir die Erfolge unseres Lebens reflektieren, werden wir feststellen, dass wir davor meistens Verluste erleiden mussten, die uns zur Auseinandersetzung mit uns selbst gezwungen haben. Durch diesen Lerneffekt konnten wir dann wieder wachsen und erfolgreich werden. Was ist nun der Unterschied zwischen Verlierern, also Menschen, die an widrigen äußeren Umständen und Krisen zerbrechen, und den Siegern, Menschen, die daraus große Fähigkeiten entwickeln können? Müsste ich diesen Essay in drei Worten zusammenfassen, dann wären diese: Selbstverantwortung statt Schuldzuweisung.

Die Resilienz

Sieger leiden sicher nicht weniger als Verlierer an Niederlagen, aber sie fühlen sich nicht als ohnmächtige Opfer. Sie suchen im Ernstfall nicht den Schuldigen, sondern den Neuanfang. Diese Fähigkeit zur Resilienz ist teilweise angeboren, wir können sie aber auch erlernen. Resilienz ist ein Begriff aus der Baukunde und beschreibt die Biegsamkeit von Material. Resiliente Menschen lassen sich biegen, aber nicht brechen, sie gedeihen trotz widriger Umstände - wie Schilf in einem Sturm.

Resilienz bedeutet nicht nur psychische Resistenz, sondern auch Anpassungsfähigkeit an veränderte Umweltbedingungen. Wer nur wenige Verhaltensmuster hat, wird schwer in den unterschiedlichen Phasen des jeweiligen Lebenszyklus auf die richtigen Kompetenzen zurückgreifen können, die er benötigt. Deshalb tun sich jetzt "Command und Control"-Leadership-Typen so schwer, wenn niemand im Büro ist, den sie ständig kontrollieren können.

Natürlich ist Kontrolle notwendig, vor allem in sensitiven Branchen wie der Medizin oder der Luftfahrt, wo es um Menschenleben geht. Wann immer wir uns aber selbst dabei ertappen, nach einem Mitarbeiterfehler zu sehr auf Kontrolle zu setzen, empfiehlt der legendäre Netflix-Gründer Reid Hastings, sich zu fragen: Habe ich die Ziele und Strategien genau und oft genug kommuniziert? Diese Frage sorgt dafür, dass die Neugier in einem Unternehmen immer größer bleibt als die Angst.

Resilienz ist ein uraltes Thema. Wenn wir uns die archetypischen Heldengeschichten von Aschenputtel, Oliver Twist, Frodo Beutlin in "Herr der Ringe", Luke Skywalker in "Star Wars" bis zu Harry Potter anschauen, dann fällt auf, dass die Protagonisten fast alle Waisenkinder sind, die ganz schwierige Startbedingungen überwinden müssen. Sie richten die Energie, die sie in Krisen erzeugen, auf ihre natürlichen Talente und nützen diese Stärken für sich und andere. Dieses Muster "Selbstverantwortung statt Schuldzuweisung" findet man in den Biografen vieler besonders erfolgreicher Menschen.

Was bedeutet das für die Herausforderungen der hybriden Arbeitswelt? Redet man mit Mitarbeitern, Lehrern, Eltern und Führungskräften, dann kommt ein Thema immer wieder: Erschöpfung. Wenn wir davon überzeugt sind, unser Bestes in der Familie und im Job zu geben, und trotzdem keine Anerkennung dafür bekommen, dann fühlen wir uns abgewertet. Egal, was wir tun und wie sehr wir uns anstrengen, es ist nie genug.

Die To-Do-Listen werden immer länger. Leistungen werden als selbstverständlich genommen, Misserfolge dagegen seziert. Wir verlieren jede Freude daran, Erfolge zu genießen, irgendwann erkennen wir die positiven Ereignisse sogar selbst nicht mehr. Wir leiden unter Kurzsichtigkeit. Wir sehen nicht mehr, wer wir sein könnten. Die tiefere Ursache für das subjektive Gefühl der Erschöpfung ist oft nicht Überforderung, sondern Sinnverlust.

Die Feier der Lebendigkeit

Diesen Sinn für sich zu finden und in Krisen immer neu zu entdecken, kann natürlich nur jeder für sich selbst. Am Ende seines inspirierenden Buches "Der Sinn des Lebens" gibt Julian Baggini eine verblüffend einfache Antwort: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Zu dieser Erkenntnis kam schon Johann Wolfgang von Goethe nach einem langen, erfüllten Leben. Das klingt zu einfach? Alle großen Weisheiten sind ganz einfach. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" bedarf keiner Erklärung. Für mich liegt im Satz "Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst" eine tiefe Weisheit verborgen.

Den Lebenszyklus des Mehr und Weniger kann man genauso wenig ignorieren wie den Wechsel der Jahreszeiten. Es ist nicht möglich, das Schicksal durch administrative Maßnahmen abzuschaffen, um uns Menschen vor Rückschlägen zu bewahren. Im Leben wird es immer ungerechtfertigte Kündigungen, private Rückschläge und unberechenbare Katastrophen wie die Corona-Pandemie geben. Das meiste davon können wir nach einiger Zeit bewältigen. Ein gelungenes Leben sollte daher gerade in dunklen Zeiten eine Feier der Lebendigkeit sein.

Dabei helfen einfache Fragen: Wo bemerke ich, dass ich Lebensfreude verliere, und wie kann ich diese in mir wieder zum Leben erwecken? Mit welchem Gefühl erwache ich am Morgen? Mit welchem würde ich gerne erwachen? Manchmal hilft es schon, die Augen zu öffnen, wie es der Wesir Ja'far einst seinem großen Kalifen empfohlen hat.

Harun ar-Raschid war Kalif von Bagdad in dessen Blütezeit Ende des 7. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Karl dem Großen ist er nicht durch seine Taten, sondern durch seine sagenhafte Gestalt in den Geschichten "Tausendundeine Nacht" bis heute in Erinnerung geblieben. In vielen dieser Erzählungen kommt Harun ar-Raschid selbst vor, und ein Fünkchen Weisheit steckt immer in ihnen. So beklagt er sich bei seinem Wesir Ja'far über seinen Kummer, der ihm den Schlaf raubt. Ja'far rät ihm: "Befreiung von Sorgen liegt in einem von drei Dingen: darin, dass man sieht, was man noch nie gesehen hat, oder dass man hört, was man noch nie gehört hat, oder dass man ein Land betritt, das man noch nie betreten hat."

Wir dürfen hoffen, dass es weniger als tausendundeine Nacht dauern wird, bevor wir das alles wieder tun dürfen...


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