Vorgesetzte: Von richtiger Führung keine Ahnung

Vorgesetzte: Von richtiger Führung keine Ahnung

Auf großen Manager machen, der alles weiß, aber bei der adäquaten Bezahlung vor allem an sich denkt: Eine leidvolle Erfahrung, die viele Mitarbeiter machen.

Leistung durch Erfolg? Lächerlich! Handschlagqualitäten? Ein Relikt aus der Vergangenheit. Persönlicher Respekt? Überbewertet. Mitarbeiter stellen laut einer Studie der Berater EY ihrer Firma und ihren Vorgesetzten vielfach ein schlechtes Zeugnis aus. Für viele Manager scheint richtiges Führen ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Welche Mitarbeiter sich das nicht gefallen lassen und was das für Konsequenzen für die Firmen hat, die glauben so "regieren" zu können.

Versagen von Vorgesetzten auf breiter Front

Mitarbeitern ist das Vertrauen in ihre Vorgesetzte teils völlig abhanden gekommen. Als Hauptgründe geben Mitarbeiter weltweit vor allem eine unfaire Bezahlung (53%), fehlende Chancengleichheit bei Bezahlung und Beförderung (48%) an. Fast die Hälfte führt die Probleme in Firmen auf ein eklatantes Führungsdefizit zurück, gefolgt von zu hoher Fluktuation und der mangelnden Fähigkeit der Vorgesetzten ein Team zu schaffen, in denen das gemeinsame Arbeiten Spaß macht und sogar beflügeln kann. Je 43 Prozent der Befragten sind dieser Ansicht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY unter knapp 10.000 Beschäftigten weltweit. Nur 46 Prozent geben an, ihrem Arbeitgeber zu vertrauen. Auch gegenüber Vorgesetzten und sogar den eigenen Kollegen überwiegt das Misstrauen: Weltweit schenken nur je 49 Prozent ihrem Chef und ihren Arbeitskollegen Vertrauen.

Junge Mitarbeiter lassen sich das nicht mehr gefallen

„ Mitarbeiter müssen sich auf die Firma als die Vorgesetzten verlassen können. Wenn sie das nicht tun, ist das ein Alarmzeichen", so Elfriede Baumann, Personalverantwortliche bei EY Österreich: "Gerade die junge Generation zögert in diesen Fällen nicht, sich nach einem neuen Job umzuschauen. Wir wissen, dass das Vertrauen der eigenen Mitarbeiter ein entscheidender Faktor für den Erfolg eines Unternehmens ist.“

Das 1 x 1 des richtigen Führens - für viele Manager ein Buch mit sieben Siegeln

Vertrauen der Mitarbeiter gibt es nicht umsonst. "Rahmenbedingungen dafür sind faire und gerechte Behandlung", so Baumann. Dazu gehöre Wertschätzung, Offenheit und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und Bewertungen. Wer Leistung einfordere, müsse auch ein Umfeld schaffen, in dem Menschen gerne Leistung erbringen. Eine werteorientierte Führung wird immer mehr zum Gradmesser für eine zukunftsorientierte Unternehmenskultur, in der sich Menschen produktiv entfalten können.

Unfaire Bezahlung und fehlende Chancengleichheit Hauptgründe für fehlendes Vertrauen

Konsequenzen der Mitarbeiter: Jobwechsel oder Dienst nach Vorschrift
Die Reaktion der Mitarbeiter mit geringem Vertrauen fällt entsprechend aus: 42 Prozent denken an einen Jobwechsel, 30 Prozent machen „Dienst nach Vorschrift” und arbeiten nur ihr Minimalpensum ab. 28 Prozent geben zu, weniger engagiert und produktiv zu sein. Für ein Viertel (25%) der Beschäftigten wird Qualität zur Nebensache und ebenfalls knapp ein Viertel spricht negativ über das Unternehmen gegenüber Kollegen oder Bewerbern.

Vertrauen: Handschlagqualität und Sicherheit wichtiger als Gehalt
Umgekehrt ergibt sich ein eindeutiges Bild bei den Gründen für Vertrauen in den Arbeitgeber: Das Einhalten von Versprechungen wird von 67 Prozent der Beschäftigten weltweit als vertrauensbildender Faktor anerkannt, gefolgt von der Arbeitsplatzsicherheit (65%). Diese beiden Faktoren sind für Arbeitnehmer auch wichtiger als das Gehalt: Die gerechte Bezahlung folgt mit 63 Prozent erst auf dem dritten Platz. Für 59 Prozent sind zudem Offenheit und Transparenz wichtig. Gleiche Chancen bei Bezahlung und Beförderung schaffen für 57 Prozent der Befragten Vertrauen. Weltweit ist zudem ein hohes Maß an Diversität im Arbeitsumfeld mittlerweile für 38 Prozent der Beschäftigten Voraussetzung für ein gutes Vertrauensverhältnis zur Firma.

Motivationsschädlich: Mehr als ein Drittel glaubt nicht an Erfolg durch Leistung
Bedenklich für die Motivation: Mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer glaubt nicht an Erfolg durch Leistung. 34 Prozent der Beschäftigten glauben nicht, dass ihnen hartes Arbeiten und das Erreichen der gesteckten Ziele eine Gehaltserhöhung oder Beförderung einbringen. Weltweit zweifelt zudem immer noch fast ein Fünftel (22%) der Beschäftigten an gelebter Inklusion und glaubt nicht, dass ihr Arbeitgeber das Konzept der Vielfalt schätzt. Ebenfalls nicht gerade förderlich für das Wohlbefinden der Mitarbeiter: 28 Prozent der Arbeitnehmer weltweit erwarten Nachteile für sich, wenn sie keine Überstunden machen. Auch auf dem eigenen Konto erwartet eine Mehrheit keine zusätzliche Leistungsanerkennung: Mehr als ein Drittel (36%) der Beschäftigten erwartet in diesem Jahr keine Gehaltserhöhung beziehungsweise keinen Bonus.

Generation Z – Jugend will Perspektiven und Werteorientierung
Parallel zu den rund 10.000 Beschäftigten wurden 3.200 Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren befragt, die in Kürze in den Arbeitsmarkt eintreten. Sie nennen mit 66 Prozent zuerst die Chancengleichheit bei Bezahlung und Beförderung sowie die Möglichkeit zu lernen und sich weiterzuentwickeln als entscheidende Faktoren, wenn es um das Vertrauen in den zukünftigen Arbeitgeber geht. Aber auch die angemessene Bezahlung und Abgeltung von Zusatzleistungen stehen mit 64 Prozent hoch im Kurs, gefolgt von Arbeitsplatzsicherheit mit 62 Prozent und Flexibilität mit 52 Prozent. Am ehesten sehen die Jugendlichen diese Rahmenbedingungen offensichtlich bei größeren Unternehmen erfüllt: 48 Prozent wollen in einem Unternehmen arbeiten, das mindestens 2.000 Mitarbeiter hat.

Persönlicher Respekt gibt dem Nachwuchs Vertrauen
Wenn es um das Vertrauen in eine Führungskraft geht, so steht der persönliche Respekt ihnen gegenüber für 71 Prozent der Jugendlichen an erster Stelle. 65 Prozent erwarten, dass sich ihre Vorgesetzten ethisch korrekt verhalten und 64 Prozent, dass bei Bezahlung und Beförderung Chancengleichheit gelebt wird.

„Gerade die demnächst auf den Arbeitsmarkt kommende Generation macht deutlich, dass wechselseitiger Respekt, Wertschätzung für die Arbeit und ethisch korrektes Verhalten auch eine andere Einstellung notwendig machen. Die junge Generation will von Anfang an ernst genommen werden“, so Baumann.
Der Wunsch nach einer offenen und transparenten Kommunikation (62%) sowie nach der Fähigkeit, kluge Unternehmensentscheidungen zu treffen (61%), runden das Bild einer gegenüber Führungskräften anspruchsvollen Generation ab.

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