Unternehmen gründen: Pandemie als Chance für Gründer und Start-ups

Warum sich Krisenzeiten besonders gut zum Gründen eignen und gerade jetzt noch mehr Menschen mit ihren Ideen in die Selbstständigkeit gehen oder ein Start-up gründen sollten, analysiert Prof. Nikolaus Franke, Entrepreneurship- und Innovationsexperte der WU.

Thema: Executive Education
Unternehmen gründen: Pandemie als Chance für Gründer und Start-ups

Wendigkeit, Kreativität und Innovativität sind in der Krise mehr denn je entscheidende Erfolgsfaktoren.

Wenn die Corona-Pandemie schon internationale Großunternehmen und ganze Volkswirtschaften erschüttert – wie sollen neue und unbekannte Start-ups da noch bestehen können? Müssen wir uns auf das Ende des weltweiten Gründungsbooms einstellen? Ist Gründen doch nur ein Schönwettersport? „Zu diesem Schluss könnte man kommen“, sagt Nikolaus Franke, Entrepreneurship- und Innovationsexperte der WU und wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation der WU Executive Academy, „doch das genaue Gegenteil ist der Fall.“

Dabei könnte man meinen, dass die Vorzeichen kaum schlechter sein könnten, stellen doch Corona-Pandemie und ihre Bekämpfung einen der massivsten Änderungsschocks seit dem Ende des zweiten Weltkriegs dar. Wir erleben ihn als dramatische Wirtschaftskrise und soziale wie politische Zerreißprobe. Das Bruttoinlandsprodukt ist gefallen, die Arbeitslosenzahlen explodiert, die Zahl der Konkurse steigt stetig und die Staatsverschuldung läuft in vielen Ländern völlig aus dem Ruder. Investoren und Konsumenten sind verunsichert..

Aus der Geschichte lernen

Keine gute Zeit, um ein Unternehmen zu gründen? Ein Blick zurück kann bisweilen sehr erhellend sein. Auch in der großen Finanzkrise 2008 schien die Welt am Abgrund zu stehen. Gerade in dieser Zeit der fallenden Börsenkurse und ökonomischen Erschütterung wurden jedoch viele seither äußerst erfolgreiche und innovative Unternehmen gegründet. Uber, Airbnb, WhatsApp, Instagram, Pinterest oder Slack sind nur einige der Firmen, die seither zu internationalen Größen herangewachsen sind.

Aber woran liegt das? Dafür sind in einer Krise drei Gründe ausschlaggebend: Probleme der etablierten Wirtschaft und die geringere Zahl verfügbarer Stellen begünstigen die Selbstständigkeit. In der Krise verschiebt sich zudem die Nachfrage, und auf diese geänderten Voraussetzungen können wiederum agile Start-ups besser reagieren als mittelgroße Unternehmen oder Konzerne. (Siehe "Krisen-Erfolgsfaktoren für Start-ups".)


Krisen-Erfolgsfaktoren für Start-ups

1. Mehr potentielle Entrepreneure

In Unternehmen laufen Sparprogramme. Budgets werden eingefroren. Aussichtsreiche Projekte werden auf Eis gelegt. Es gibt Einstellungsstopps und Entlassungen, auch von hochqualifizierten Arbeitnehmern. All dies schafft eine große Basis von Menschen, die Chancen sehen, die nach neuen Möglichkeiten suchen - oder suchen müssen. Von Menschen, die mit einem Mal aus ihrer persönlichen Komfortzone gedrängt werden. Es gibt somit in der Krise mehr potenzielle Unternehmensgründer, die ihre Chancen nutzen können.

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2. Unternehmerische Chance

Krisen wie die Corona-Pandemie bringen uns dazu, unser Verhalten zu ändern. Daraus entstehen neue Bedürfnisse und auch eine geänderte oder verstärkte Nachfrage. Die wiederum schafft genau den Spielraum für Innovationen und neue Geschäftsmöglichkeiten, den Unternehmensgründer brauchen.

Die weit verbreiteten Homeoffices haben zum Beispiel zu einem steigenden Bedarf an Kommunikationsmedien und Teamplattformen geführt. Die Lockdowns haben Bereiche wie Online-Shopping, Lieferdienste, Unterhaltungssoftware, Heim-und Gartenbedarf oder Outdoor-Sportartikel gefördert. Neue Anforderungen im Bereich der Hygiene haben die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln erhöht und neue Chancen haben sich rund um Schutzmasken, COVID-Schnelltests und Impfstoffe ergeben.

3. Neue Angebote

Prof. Nikolaus Franke, wissenschaftlicher Leiter Professional MBA WU Executive Academy

Prof. Nikolaus Franke, wissenschaftlicher Leiter Professional MBA WU Executive Academy

Die neuartige Nachfrage trifft auf eine Angebotsseite, die Start-ups Chancen eröffnet. Zumal viele bestehende Unternehmen in der Krise mit sich selbst beschäftigt sind. Sie kämpfen ums Überleben. Kostensenkungsprogramme und Restrukturierungen erschweren langfristige Investitionen, wie Innovationen es nun mal sind. Dazu kommt, dass Großunternehmen notorische Schwächen in Bezug auf Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit haben. Schon mittelständische Unternehmen können oft wesentlich schneller reagieren und handeln.

Der Unterschied zwischen großen und kleinen Unternehmen wird oft mit dem Vergleich von Tankschiffen und Schnellbooten illustriert. Wenn mittelständische Unternehmen wendige Schnellboote sind, dann sind aber Start-ups wie Jetski, die leicht um die Schnellboote herumkurven können.

Keine ökonomische Organisationsform ist auch nur ansatzweise so agil wie ein kleines Gründerteam. Weder Bürokratie noch Koordinationserfordernisse halten sie zurück. In der Vergangenheit etablierte Strukturen, die sich zäh gegen Veränderung stemmen, gibt es nicht. Wenn sie am Morgen eine Idee haben, haben sie zu Mittag bereits die ersten Schritte in Richtung Umsetzung gemacht. Damit können Start-ups einen wesentlichen Beitrag leisten, um das durch die Krise entstandene Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage schnell auszugleichen – und so helfen, die Krise zu überwinden.


Kreativität, die Zauberformel für globale Herausforderungen

Noch ein weiterer Effekt wäre wünschenswert. Die Corona-Pandemie führt der Gesellschaft ihre Verwundbarkeit vor Augen. Das Virus ist aber nicht die einzige „Grand Challenge“, vor der wir stehen, und die entsprechende unternehmerische Ideen und innovative Lösungen erfordert.

Klimawandel, Migration, Energiesicherheit und demografische Verschiebungen sind Beispiele für solche Herausforderungen. Erste Anzeichen dafür, dass sich Start-ups mit ihrer kreativen Energie besonders auch in diese Bereiche einbringen, sind unverkennbar.

Ein schönes Beispiel ist das Start-up „Dachgold“ mit der Initiative „Tausendundein Dach“. Unsere ehemalige Studentin Cornelia Daniel verfolgt mit ihrem Team das Ziel, Firmendächer mit Solarzellen auszurüsten. Aktuell haben sie das schon bei über 700 Dächern geschafft und damit einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz geleistet und die begehrte Auszeichnung zur „Österreicherin des Jahres 2020“ erhalten. Die Menschheit kann durch einen solchen Gründungsboom nur gewinnen.


WU Executive Academy

Die WU Wien bündelt in ihrer Executive Academy ihr Programmportfolio im Bereich „Executive Education“. Dazu zählen MBA und Master of Laws Programme, das Universitätsstudium Diplom BetriebswirtIn, Universitätslehrgänge, Custom Programs und Kurzprogramme. Durchschnittlich 800 Graduate Students und ca. 1.200 Führungskräfte, Fachleute und High-Potentials aus über 75 Ländern werden jedes Jahr in den Programmen aus- und weitergebildet.

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