Überleben im Job - Und die Wahrheiten über 7 Karriere-Mythen

Überleben im Job - Und die Wahrheiten über 7 Karriere-Mythen

Karrieremythen aus den Perspektiven von Wissenschaft und Erfahrung: frische Blicke auf Disziplin, Boni, Empathie, Charisma oder Komfortzone.

Eure Arbeit wird einen großen Teil eures Lebens ausmachen, und ihr werdet nur dann zufrieden sein, wenn ihr eure Arbeit für bedeutsam haltet - aber dafür müsst ihr sie lieben", sagte der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs in seiner berühmten Rede vor Stanford-Absolventen. "Was für ein Quatsch", kommentiert Daniel Rettig das in seinem neuen Buch (siehe unten) und legt nach: "Als Produktdesigner war Jobs ein Genie, als Karriereberater ein Stümper." Rettig darf als Karriereexperte gelten, er leitete das Ressort "Erfolg" der Wirtschaftswoche, ehe er heuer als Redaktionsleiter zu ada wechselte, der digitalen Bildungsplattform der Handelsblatt Media Group.

Was in Jobs Gefolge Manager von Sheryl Sandberg bis Jeff Bezos über Erfolgsgeheimnisse und Karriereweisheiten zu Leidenschaft, Charisma, Empathie oder Agilität veröffentlicht haben, klassifiziert Rettig als "moderne Hirtenbriefe". Mit seinem Buch wolle er "Nüchternheit reinbringen", denn: "Erfolg ist viel individueller, als Patentrezepte behaupten. Was einem hilft, muss bei anderen nicht funktionieren. Das Kernproblem ist, dass es Kausalität oft nicht gibt."

Rettig konfrontiert populäre Karrieremythen mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft und leitet daraus - mit Freude an journalistischer Zuspitzung - "77 schonungslose Jobwahrheiten" ab. Hinterfragt werden nicht nur Mythen zu Leidenschaft oder traditionellen Karrieretugenden wie Disziplin, Perfektionsstreben oder Charisma, sondern auch neue Werte und Moden wie Empathie, Work-Life-Balance oder Organisationsformen ohne formelle Hierarchie. Rettig dazu: "Dass es heute in Unternehmen weniger hierarchisch zugeht, ist schön und gut. Jetzt schlägt das aber ins andere Extrem um. Die Wissenschaft schaut sich an, ob das hilft, und es stellt sich heraus, dass dieses andere Extrem auch nicht hilft. Es wird sich wie in jedem Diskurs zu einem gesunden Mittelweg einpendeln."

Doch gerade bei Reizthemen, die an persönlichen Grundlagen und Einstellungen rühren, ist ein Mittelweg schwer zu gehen. Es handelt sich nun einmal oft um Glaubenssätze. Etwa den von Jobs, dass man seinen Job lieben muss. "Dass jeder seinen Job liebt, geht an der Lebensrealität vorbei und überfrachtet die Arbeitswelt", sagt Rettig: "Natürlich ist es der Idealfall, wenn man etwas gut kann und liebend gerne macht. Doch um erfolgreich zu sein, ist es besser, dass man etwas gut macht, als dass man es gerne macht. Jedenfalls besser als umgekehrt."

Expertenblick auf Reizworte

Ähnlich ambivalent verhält es sich mit häufig zum Nonplusultra für Führungskräfte glorifizierten Begriffen wie Charisma, Authentizität oder Empathie. Alles nicht schlecht oder falsch, aber überdosiert oder nicht situationsangemessen angewandt durchaus mit fatalen Nebenwirkungen verbunden, so das Resümee von Studien und Experimenten. Rettig dazu: "Nichts ist für immer und ewig in Stein gemeißelt. Ich stelle die wissenschaftliche Lage dar, und die ist besser als jeder persönlich gefärbter Rat."

Weil Wissenschaft kritisches Hinterfragen beinhaltet, sprach der trend mit renommierten Personalberatern und Karriereexperten über die zu sieben Themenfeldern zusammengefassten relevantesten und am stärksten polarisierenden Thesen des Buchs (siehe Kästen, unten) und erhob ihre Sicht der Dinge.

Andreas Landgrebe, Boyden: "Erstaunlich ist, wie sehr sich die Arbeitswelt in den letzten Jahren gewandelt hat und wie wenig alte Glaubenssätze hinterfragt werden."

Für Headhunter Andreas Landgrebe, Managing Partner bei Boyden, stimmt die Richtung von Rettigs publizistischem Vorstoß: "Arbeitswelt und Karrieremodelle haben sich in letzten 20 Jahren unglaublich gewandelt, und es ist erstaunlich, wie wenig Glaubenssätze und tradierte Vorstellungen hinterfragt werden." Regeln, so der Experte, seien heute viel situativer gestaltbar als früher. "Aus Fleiß, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit leite ich schon ab, wie motiviert jemand ist. Letztlich wird man aber am Ergebnis gemessen", sagt Landgrebe.

Dass verträgliche Charaktere, wie Forscher erhoben, in Sachen Bezahlung den Kürzeren ziehen, muss aus seiner Sicht nicht sein: "Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, sich losgelöst von Gehaltsverhandlungen mit dem Unternehmen zu entwickeln und am Wachstum beteiligt zu sein. Damit können nette Menschen auch gut verdienen, weil man sie gerne als Partner im Führungsteam oder bei einem MBO dabei hat." Erfolg, davon ist er überzeugt, gründe letztlich auf harter Arbeit, "aber ob man das eher aus Disziplin oder aus Begeisterung macht, ist auch eine Frage des persönlichen Stils".

"Streit kann befruchtend sein. Aber zwischen produktiv und zerstörerisch liegt nur eine schmale Grenze." HANS JORDA JORDA & PARTNERS HR CONSULTING

Während Disziplin, eng definiert im Sinne sturen Festhaltens an einmal gesetzten Zielen, laut Rettig zu Unrecht idealisiert wird, geht für Personalberater Hans Jorda ohne Disziplin gar nichts in Sachen Erfolg. "Selbstdisziplin", präzisiert er. Diese erkennt der Gründer von Jorda & Partners, der über jahrzehntelange internationale Erfahrung in seinem Metier verfügt, in Lebensläufen von Kandidaten an Merkmalen wie einem neben dem Beruf absolvierten Studium, Engagement im Hochleistungssport, aber auch bei Aufsteigern aus bescheidenen oder schwierigen sozialen Verhältnissen. Dass Belastung und Stress Erfolgstypen aufblühen lassen, unterschreibt Jorda.

Empathie und Ellbogen

Nicht unkommentiert stehenlassen will er dagegen die Relativierung von Lob. "Institutionalisiertes Lob in US-Unternehmen mag manchmal künstlich und glatt wirken. Aber wenn in österreichischen Unternehmen mehr gelobt würde, stiegen Produktivität und Leistung überproportional", ist er überzeugt.

Auch dass Charisma und Empathie zu Unrecht überschätzt und glorifiziert würden, wie Rettig aus Studien ableitet, bezweifeln die heimischen Praxisexperten. "Mitarbeiter wollen mit charismatischen Chefs zu tun haben, die sie mitnehmen und motivieren", erklärt Personalberaterin Manuela Lindlbauer. "Charismatiker bringen es weit", meint auch Jorda, "mittel- bis langfristig kommt es dann schon auf ihre Substanz an."

"Nicht die Höhe des Gehalts macht glücklich, sondern das, was ich mit dem Gehalt mache, kann glücklich machen." ALFRED BERGER, KIENBAUM CONSULTANTS

Empathie und Lob abzuwerten, ist aus Lindlbauers Sicht verkehrt: "Jeder Mitarbeiter braucht und verdient Wertschätzung und Anerkennung." Das sieht auch Alfred Berger vom Wiener Büro des internationalen HR-Beraters Kienbaum so: "Anerkennung motiviert, Feedback spornt an. Vorgesetzte sollten zeigen, dass sie Leistungen von Mitarbeitern wahrnehmen."

Auf der anderen Seite des Emotionsspektrums provoziert Rettigs These "Streit tut gut. Aus Reibung entsteht Energie". Lindlbauer widerspricht vehement: "Streit schafft vergiftete Kultur und schlechtes Klima. Das sollte man nicht fördern." Jorda räumt ein, dass Streit auch befruchtend und produktiv sein kann, warnt aber: "Zwischen produktivem und zerstörerischem Streit liegt nur eine schmale Grenze."

Frauen, konstatiert Lindlbauer, treten im Job nach wie vor zu wenig selbstbewusst auf und werden deshalb oft auch im Hinblick auf ihre Gehaltsentwicklung unter Wert gehandelt (siehe Interview) .

Einig sind sich die Experten mit dem Buchautor darin, dass es mehr denn je notwendig ist, scheinbare Gewissheiten in Karrieresachen in Frage zu stellen und Wege abseits überlieferter Patentrezepte zu finden. "Man neigt dazu, bestimmte Bilder an die nächste Generation weiterzugeben, aber traditionelle Verhaltensweisen können heute Karrierefallen sein", sagt Berger. Landgrebe sieht Karrieren stärker als früher "Opportunity-driven" im Sinne von Chancen abseits ausgetretener Pfade.

Auch Autor Rettig sieht Erfolg individueller denn je und meint: "Wenn auch nur ein Teil der vorgestellte Jobwahrheiten hilft, vermeintlichen Erfolgsrezepten aus dem Weg zu gehen oder von falschen Vorstellungen zu befreien, hat das Buch seinen Zweck erfüllt."


Die Serie "7 Karriere-Mythen" ist der trend-Ausgabe 49-50/2019 vom 6. Dezember 2019 entnommen.

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