Selbständig mit 55: Vom IT-Manager zum Gastro-Gründer

Selbständig mit 55: Vom IT-Manager zum Gastro-Gründer

Gastro statt IT: Osman Öndoğan hat sich mit Mitte 50 in die Selbständigkeit gewagt.

"Vita brevis, ars longa" zu Deutsch: Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang. Ein passender Aphorismus für den 55-jährigen früheren IT-Manager Osman Öndoğan, der seinen sicheren Job bei Siemens aufgab, um sich mit seinem Lokal "Brevis" selbständig zu machen.

Eine zweite Karriere als Selbständiger. Schon lange trug Osman Öndoğan, als Product-Line-Manager bei Siemens diesen Gedanken mit sich herum. Nun, im Alter von 55 Jahren, setzte er den Wunsch in die Realität um. "Die Zeit ist reif, ich mache jetzt etwas anderes", war sein Entschluss. Gemeinsam mit einer Freundin und einem Investor gründete er die Brasserie "Brevis" im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Öndoğan ist kein Einzelfall für einen spätberufenen Aussteiger und Unternehmensgründer. Mit gut 50 Jahren ist er ein Paradebeispiel für einen neuen Gründertyp, der erfahren und ziemlich entspannt an das Abenteuer Selbstständigkeit herangeht. Die Kinder sind groß, das Haus abbezahlt und die Karriereleiter ist erklommen. Aber statt auf die Pension zu warten, wollen es die Silver Ager noch einmal wissen. In den letzten 20 Jahren stieg die Zahl der Neugründer 50plus um das Neunfache. Bei "Jungunternehmern" über 60 vermehrten sich die Neugründungen sogar um das 18-fache - Frauenanteil steigend.

Gründen 50plus

Nach 30 Jahren erfolgreicher Karriere in der Telekommunikationsbranche ist der Schritt in die Selbständigkeit aber alles andere als einfach, sagt Öndoğan: "Meine Familie war sehr skeptisch: Gutes Gehalt, Sicherheit, am Abend nach Hause kommen - das alles aufzugeben und ob man die Kraft aufbringen kann, wieder von Null anzufangen, waren die größten Bedenken", erinnert sich der Gastronom aus Leidenschaft. Bedenken, die nicht unbegründet waren. Öndoğans Arbeitstage sind nun tatsächlich erheblich länger als sie es in seiner Managementfunktion bei Siemens waren: Er macht das meiste selbst. Vom Organisieren, Termine absolvieren über das Einkaufen und das Service im Lokal bis zwei Uhr in der Früh. Dennoch ist er froh, den Schritt gewagt zu haben. "Das Wichtigste ist, dass ich Spaß habe", sagt er.

Obwohl Öndoğan sehr gerne bei Siemens gearbeitet hat, kündigte er nach gefasstem Entschluss und nahm den Sozialplan in Anspruch. Heute beneiden viele Ex-Kollegen den gebürtigen Istanbuler. Die Reaktionen seiner früheren Kollegen motivierten ihn zusätzlich. "Du bist der Klügste von uns allen." "Zum Aussteigen bist du nicht zu feig." "Du hast Mut mit 55 Jahren etwas Neues zu machen."

Beratung, Ausbildung und Mut

Der Wirtschaftsinformatiker ging seinen Ausstieg aus der alten Arbeitswelt sehr strukturiert an. Er belegte Kurse, ließ sich bei der Zielsetzung und beim Erstellen des Businessplans beraten und absolvierte eine Ausbildung zum Restaurantmanager. Darüber hinaus besuchte er Lehrgänge zum Barista und Barkeeper, machte sich fit für den Service und absolvierte eine Weinakademie.

Zeitgleich lief die Suche nach dem passenden Lokal. Über 60 Adressen schaute sich der Neugründer an, denn er wusste, dass die Lage im Gastgewerbe ein besonderer Erfolgsfaktor ist. Schon in den 1990er Jahren hatte er gemeinsam mit einem Kollegen, ein Jazzlokal, das "Bebop" am Wiener Mariahilfergürtel geführt. Diese Zeit hat ihn stark geprägt: "Dieses Soziale, mit Menschen, etwas aufbauen, den Gästen ein Wohnzimmer geben, die Begeisterung zu sehen. Das ist für mich ganz wichtig gewesen und ist auch jetzt wieder meine Motivation".

Ein besonderer Vor- oder Nachteil sei sein Alter beim zweiten Anlauf im Gastgewerbe nicht. "Ich habe meine klare Vision und die will ich durchsetzen, das ist sicher ein Vorteil", sagt er. Möglicherweise sei es auch vorteilhaft, etwas zurückhaltender und vorsichtiger zu sein, "Ein Junger ist vielleicht risikobereiter. Ich analysiere und beobachte erst einmal", sagt er.

"ars longa, vita brevis"

Die Kunst ist lang, das Leben ist kurz

Einen Nachteil gibt es dem Gründerservice der Wirtschaftskammer zufolge für ältere Gründer dennoch prinzipiell: Eine Finanzierung über Bankkredite fällt oft schwerer, da die Kreditlaufzeiten vergleichsweise kurz wären und daher viele Kreditanträge abgelehnt werden. Alternative Finanzierungsmodelle oder andere Vergabekriterien wären gefragt, um diese Einstiegshürde abzubauen.

Die größte Herausforderung war es für Öndoğan allerdings, ein schlüssiges Lokalkonzept zu kreieren. Er serviert nun leichte, frische, mediterrane Küche mit guten Zutaten zu einem fairen Preis und abends passend zu Afterwork, Cocktails und Wein mit Cicchetti, also raffinierte, venezianische Häppchen. Die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg, so Öndoğan, ist jedoch die Offenheit und der Mut zu Neuem.

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