Schöne, neue Arbeitswelt: Raum für neue Arbeitsweisen

Die Open Space Büros im Signa-Projekt "The Icon" am Wiener Hauptbahnhof haben nichts mehr von früheren Großraumbüros

Die Open Space Büros im Signa-Projekt "The Icon" am Wiener Hauptbahnhof haben nichts mehr von früheren Großraumbüros

Wenn Unternehmen nach neuen Büroflächen suchen, um neuen Arbeitsweisen gerecht zu werden, bleibt oft kein Stein auf dem anderen. Die Aufgabe alter Strukturen zahlt sich allerdings aus.

Skepsis war durchaus spürbar, als vergangenes Jahr Tausende Mitarbeiter der Erste Bank ihre Umzugskartons packten, um von unzähligen, über ganz Wien verstreuten Standorten in den neuen Erste Campus am Wiener Hauptbahnhof zu übersiedeln. Statt Altbaubüros, langen Gängen und fixen Schreibtischen waren nun Transparenz, große Arbeitsinseln und Desksharing angesagt. Über einen eigenen Schreibtisch verfügen seitdem nicht einmal die Manager. Gearbeitet wird ganz dem Konzept Activity-based Working, und zwar genau dort, wo es die jeweilige Aufgabe nötig macht.

Nun, ein Jahr später, sind die meisten Vorbehalte verflogen. Das vom Wiener Architekturbüro Henke Schreieck konzipierte Gebäude wurde vom Immobilienunternehmen CBRE als "Office of the Year" prämiert, Tausende Besucher kommen vorbei, um zu sehen, wie die neue Arbeitswelt aussehen kann und Ursula Tavolato-Kuntner, Future Work Manager der Bank, freut: "Die transparente Architektur unterstützt unsere Arbeitskultur sehr. Die Kommunikation untereinander ist freier, offener und schneller geworden." Auch, weil man sich abteilungsübergreifend öfter trifft: Sei es beim Abarbeiten von Mails in der Cafeteria, in einer der vielen unterschiedlichen Arbeitszonen oder am Dachgarten. Der Umzug hat sich also ausgezahlt.

Nur 20 Prozent der Arbeitnehmer sind mit ihrem Büro zufrieden.

Die Motive dafür sind laut Julian Schramek, Leiter von CBRE Building Consultancy, in den meisten Unternehmen ähnlich: "Die Gebäudeeffizienz und die damit verbundenen finanziellen Einsparungen sind an einem neuen Standort leichter möglich. Unsere weltweiten Studien haben gezeigt, dass Kommunikation und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit ebenfalls Umzugstreiber sind." Ein Grund, den der Organisationsberater Andreas Gnesda häufig hört, wenn er Unternehmen in Hinblick auf Umzüge und Bürogestaltung berät. "Meist stellen Führungskräfte fest, dass die alten Räumlichkeiten nicht mehr so recht zum Unternehmen und seinen Arbeitsweisen passen wollen." Dass dem "physischen Move" meist auch ein kultureller folgt, sei durchaus erwünscht.

Trend Campus-Projekte

Besonders gefragt sind laut Gnesda Campus-Projekte, wie sie zum Beispiel der Immobilienkonzern Signa derzeit gleich an zwei Wiener Standorten realisiert. So entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft des Erste Campus "The Icon", wo sich nächstes Jahr die Bawag ansiedelt. Die Bank Austria lässt sich hingegen im zweiten Bezirk im "Austria Campus" nieder. Dessen Beinamen, "The Living Office", kommt nicht von ungefähr, sondern trägt der Neudefinition der Arbeitswelt Rechnung. Arbeitsmodelle sind dabei nicht an feste Zeiten und Strukturen gebunden. Dementsprechend fließend, flexibel und veränderlich sollen nun auch die neuen Büroräume sein. Schließlich verschränken sich auch Arbeit und Freizeit immer mehr. Da ist es gut, den Nachwuchs zufrieden im Kindergarten am Areal zu wissen und mit ihm nach der Arbeit im nahen Prater noch Kastanien sammeln zu gehen - oder ins Ärztezentrum am Campus, wenn das Kind verkühlt aus dem Kindergarten kommt. In den Geschäften in den Erdgeschoßzonen lässt sich zwischendurch schnell der Einkauf fürs Abendessen erledigen. Dafür, dass nach Büroschluss die Gehsteige nicht hochgeklappt werden, sorgen Gastronomie, ein Kongresszentrum und ein Hotel.

Durchaus ähnlich ist auch "The Icon" angelegt. Dass hier je nach Anforderung vom Open Space bis hin zu Kleinbüros und Mischformen kein Mieterwunsch unerfüllt bleibt, hat auch die Bawag überzeugt. "Wir können unser bereits gelebtes Modell der Zusammenarbeit - etwa Projektarbeit -auch teamübergreifend außerhalb der Linienorganisation und einen kommunikativen Arbeitsstil ohne Hierarchiebarrieren durch entsprechende Infrastruktur unterstützen", sagt Werner Rodax, Leiter für Strategisches Immobilienmanagement.

Gebaute Kultur

Bevor sich ein Unternehmen an einen Umzug heran wagt, gilt es allerdings, die passende Immobilie zu finden. Dafür müssen zuerst einmal das Unternehmen und seine Arbeitsweisen analysiert werden. "Gespräche mit Verantwortlichen aus allen Bereichen verschaffen einen Überblick über die Strukturen. Die Immobilie muss sich daran anpassen können", erklärt Schramek. Am Markt blieben dann oft ohnehin nur noch wenige Objekte übrig, die den Ansprüchen gerecht werden. Das neu entwickelte Raumkonzept muss dann auch noch zum Unternehmen passen. "Immobilien sind gebaute Kultur, aber ausschlaggebend sind Werte und Haltung eines Unternehmens. Der Raum kann sie zwar positiv beeinflussen, aber nicht umkrempeln", so Gnesda. Damit sich ein neues Konzept umsetzen lässt, bedarf es also auch einer Selbstreflexion. So kommt ein Studie des Zukunftsinstituts für Signa zu dem Schluss, dass es besonders auf drei Faktoren ankommt: Einbindung der Mitarbeiter, Wertschätzung der Unternehmenshistorie -und: die Zukunft für alle begreifbar zu machen.

Signa-Projekt "The Icon" am Wiener Hauptbahnhof: Ende nächsten Jahres übersiedelt die Bawag dorthin. Die Räume lassen flexible Nutzung zu.

Der Erste Campus setzt auf Offenheit.

Ein Prozess, der in der Erste Bank drei Jahre in Anspruch nahm. Mitarbeiter wurden regelmäßig über den Stand der Dinge informiert, ein "Botschaftersystem" sorgte dafür, dass ein Vertreter je Abteilung in die Abläufe eingebunden war und Vorstellungen, Ängste und Vorschläge kommunizieren konnte. Auf ein ähnliches Konzept der Mitarbeiterpartizipation setzt auch die Bawag, damit moderne Arbeitswelten und innovative technische Lösungen mit den Bedürfnissen der Mitarbeiter und mit aufsichtsrechtlichen Anforderungen in Einklang gebracht werden können.

Damit ein solches Konzept aufgeht, muss selbstverständlich die Führungsetage voll dahinter stehen, selbst wenn das eine Umstellung bedeutet, wie Michael Mauritz, Konzernsprecher der Erste Bank, verrät: "Auch die Vorstände sitzen alle gemeinsam in einem Büro. Dadurch hat sich die Konfliktkultur positiv verändert, weil sich niemand mehr in seinem Büro verschanzen kann."

Employer Branding

Mitunter machen auch neue Technologien und damit verbundene Arbeitsweisen einen Umzug notwendig. Bereits vor 16 Jahren übersiedelte die Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) vom noblen Innenstadtpalais in den IZD Tower in Wien-Donaustadt; vergangenes Jahr zog man nach einer Erweiterung der Büroflächen innerhalb des Turms um und konzipierte das Büro gleich neu. "Wir arbeiten in Teams und über Abteilungsgrenzen hinweg, weil Kunden sowohl in Steuer-als auch etwa in IT-Angelegenheiten beraten werden wollen. Teilweise wird auch beim Kunden gearbeitet. Das sind Faktoren, die die Arbeitsstruktur stark beeinflussen. Weil mehr Flexibilität nötig ist, wuchs auch der Wunsch der Mitarbeiter danach", erklärt EY-Country-Manager Gunther Reimoser. Work Smart lautet die Devise bei EY, wo man aus diesem Grund die Präsenzkultur abgeschafft hat. Nach einem langen Tag beim Kunden für eine Stunde ins Büro zu kommen, ist hier nicht mehr notwendig. Gearbeitet werden kann dank mobiler Lösungen schließlich von überall. Das macht auch fixe Schreibtische im Open-Space-Büro, das in unterschiedliche Zonen eingeteilt ist, obsolet. Diese gibt es nur noch für Backoffice und Steuerberater, die mehr Zeit im Büro verbringen. Um den Arbeitsort so angenehm wie möglich zu gestalten, wurden keine Kosten und Mühen gescheut: Für optimalen Schallschutz wurden Schranktüren mit Mikroperforierung bezogen, die Teppiche sind hochflorig, und ein ausgeklügeltes Beleuchtungskonzept sorgt für die richtige Atmosphäre. Weil ein Teil der Mitarbeiter laufend oder per Rad ins Büro kommt, wurden auch noch Duschen eingebaut.

Eine Arbeitsplatzqualität, die auch zum Employer Branding beiträgt. Denn im "War of Talents" zählen für Millennials, die schon die Werte der Sharing Economy verinnerlicht haben, nicht länger Statussymbole, sondern Lebensqualität -die eben an jenem Ort, an dem ein Gutteil der Zeit verbracht wird: im Büro.

Eine Erkenntnis, die selbst Erste Bank - Future Work-Expertin Tavolato-Kuntner überrascht hat. Seit dem Umzug auf den Erste Campus stieg die Anzahl der Bewerbungen um acht Prozent.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 42/2017 vom 20. Oktober 2017 entnommen.

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