Rückkehr ins Büro: Strategien gegen Konflikte

In vielen Unternehmen wird das Ende der Homeoffice-Zeit eingeläutet werden. Manche Mitarbeiter sind froh darüber, andere möchten an dem Modell festhalten, denn zurück im Büro zeigen Differenzen. Damit befasst sich der Kommunikationsexperte Stefan Häseli.

Rückkehr ins Büro: Strategien gegen Konflikte

Rückkehr aus dem Homeoffice: Langsam füllen sich die Büros wieder, doch nicht jeder Ellbogen-Check ist freundlich.

Gehören Sie auch zu den Anhängern flexibler Arbeitsorte und Homeoffice? Arbeiten Sie in Ihrem Unternehmen auch schon seit zehn oder sogar zwanzig Jahren sowohl remote, hybrid und mobil als auch gleichzeitig physisch? Lange Zeit wurde diese Praxis noch etwas belächelt: Wer nicht einmal ein zentrales Office mit Arbeitsplätzen für alle zur Verfügung hatte, galt als unkonventionell. Heute ist es völlig selbstverständlich geworden – wer noch anders arbeitet, hinterlässt unterdessen schon fast einen etwas anachronistischen Beigeschmack.

Wir reden seit 15 Monaten von Vor- und Nachteilen dieses Arbeitens. Was vor dem ominösen März 2020 eher Einzelfälle oder Zeichen global tätiger Firmen oder von Start-ups war, ist seit damals die Regel – zumindest in Beschäftigungen, die überhaupt von zu Hause aus erledigt werden können.

Es war ein Segen, dass in der Pandemie Dienstleistungsunternehmen und Stabsabteilungen in der Industrie praktisch weiterhin reibungslos weiter funktionieren konnten. Man hat immer raffiniertere Wege gefunden, über Distanz zu arbeiten. Das hat so gut funktioniert, dass es schon fast unbestritten ist, dass dieses Setting der Arbeit auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil bleibt.

Hybride Arbeitsweisen und die dramatischen Folgen

So weit so gut – wirklich? Nein! Denn selbst die Anhänger solcher hybriden Arbeitsweisen nehmen nun immer mehr eine kritische Haltung ein. Einerseits machen uns die Fakten von Forschungen unmissverständlich sichtbar, dass wir in den letzten Monaten ein Problem in der zwischenmenschlichen Kommunikation hatten. Die social health@work-Studie der BARMER und der Universität St. Gallen unter der Leitung des Gesundheitsforschers Stephan Böhm zeigt, welche teilweise dramatischen Folgen das hat und wie sich der oft auch falsche Umgang mit Homeoffice auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden auswirkt.

Die Art und Weise der Kommunikation hat sich massiv verändert. Größtenteils wurde das persönliche Gespräch auf eine Kommunikation per E-Mail, Kurznachrichten, Videokonferenzen oder Telefongespräche verlagert. Auch das ist per se noch nicht schlecht, solange man bewusst auch Wege gefunden hat, das Zwischenmenschliche zu pflegen. Denn genau das bildet die Grundlage für soziale Beziehungen und schlussendlich für des Wohlbefindens. Ersetzen lassen sich persönliche Begegnungen zwar ohnehin nicht, zumindest aber die negativen Auswirkungen der reinen Online-Kommunikation und der Remote-Arbeit abschwächen. Das ist auch dringend notwendig, denn jedem Dritten fehlt die Gesellschaft, jeder Vierte fühlt sich isoliert. Anlass zur Sorge muss vor allem die Tatsache geben, dass Umfragen im Rahmen dieser Studien zeigen, dass sich die Tendenz im Vergleich zum Sommer 2020 nochmals verstärkt hat.

Eklatante Bewegung zurück zu „Physis“

In manchen Unternehmen kann die Rückkehr zum Echten, zum persönlichen Miteinander nun gar nicht schnell genug gehen. Die Menschen haben sich vermisst, man trifft sich wieder. Und wir erleben mitunter herzberührende Szenen in Firmen, in denen sich die Mitarbeitenden nach zwölf Monaten erstmals wieder im Büro treffen – von Angesicht zu Angesicht, ohne dazwischen geschalteten Bildschirm, in 3D-Qualität, leibhaftig und hautnah.

Doch die Rückkehr zur ganz klassischen Kommunikation kann auch ihre Tücken haben. Nach der anfänglichen und gut zu beobachtenden Euphorie geschieht das, was in der Gruppendynamik eben oft passiert: nach der Phase von „Reforming“ folgt das „Storming“. Die Menschen im Unternehmen, im Team, in der Abteilung spüren, dass man sich schlichtweg auseinandergelebt hat. Plötzlich werden auch Vorwürfe formuliert, die man vorher nicht aussprechen oder artikulieren konnte – oder wollte. Viele fühlen sich ungleich oder unfair behandelt, die oft nicht funktionierenden Prozesse werden einem Schuldigen zugeteilt. Jetzt keimen Konflikte auf, die in den letzten Monaten unter dem Deckel der remoten Arbeit reifen konnten.

Nun ist es wie im Straßenverkehr: Man kann das Autofahren gut finden und befürworten, doch dann sollte man es beherrschen. Dazu gehört es eben auch, die Gefahren zu kennen. Auch die Arbeit im Homeoffice kann man als etwas Gutes erachten. Gleichzeitig sollte man es beherrschen und die Risiken im Griff haben. In der derzeitigen Übergangszeit lässt sich mancherorts in den Unternehmen eine förmliche Implosion der remoten Zeiten erleben. Da gilt es, die darauffolgende Zeit rechtzeitig und vor allem professionell zu kalibrieren. Das bedeutet gerade für Unternehmer und Führungskräfte, dass sie bewusst diese neue Zeit anzugehen haben, alles an aufkommenden, gereiften und auch niederschwelligen Konflikten aufzuarbeiten und die Mannschaften neu einzunorden und zu justieren, manchmal sogar neu aufzustellen. Das wäre der kluge Weg.

Drehen Sie das Rad bitte nicht zurück!

Es eröffnen sich jedoch auch andere Möglichkeiten. Tendieren Sie eher zu radikalen Ansätzen? Dann könnten Sie sofort wieder Homeoffice einführen, damit wieder alles so läuft, wie in den letzten Monaten. Diese Strategie kann gut gehen, muss aber nicht. Oder Sie verbietet das Homeoffice-Arbeiten schlichtweg wieder, auch das passiert bereits in ersten Unternehmen. Die Hoffnung, dass Sie als Chef Ihre „Schäfchen“ wieder persönlich „an die Zügel“ nehmen können ist wohl auch nicht das zeitgemäße Rezept. Denn beiden gemein ist: Sie drehen das Rad zurück. In dem einen Fall um vier Wochen, im anderen um 15 Monate.

Übergangszeiten sind in jedem Change-Prozess anspruchsvolle Zeiten. Es sind einerseits Sollbruchstellen im Arbeitsklima und sie bieten andererseits auch Möglichkeiten, die neue Zeit bewusst anzugehen, zu regeln und die Kommunikationskultur nicht sich selbst zu überlassen. Wenn es implodiert, erodiert es – und am Schluss ist nichts mehr Schlaues da.


Über den Autor

Stefan Häseli

Stefan Häseli

Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Als Kommunikationsexperte begleitet er seit Jahren zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen. Er doziert an Universitäten und Fachhochschulen im Themenfeld Kommunikation.

In seinem neuesten Buch „Glaubwürdig – Von Schauspielern fürs Leben lernen“ beleuchtet er, wie wir unsere Selbstwirksamkeit kritisch hinterfragen, glaubwürdig und authentisch rüberkommen und unsere Rollen und den Umgang mit Erwartungen besser gestalten können.

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