Robin Lumsden: Briefe aus Kalifornien

Robin Lumsden

Robin Lumsden

Der Wiener Rechtsanwalt Robin Lumsden ist für mehr als ein Jahr mit der ganzen Familie nach Stanford in Kalifornien übersiedelt - um zu studieren und eine Kanzlei zu eröffnen. Einmal im Monat wird er an dieser Stelle über seine Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Begonnen hat es gut: Mark Zuckerberg frühstückt nebenan und ein Nobelpreisträger führt ihn im Tesla zu einer Veranstaltung.

Für ein Jahr in die USA, mit der ganzen Familie? In der momentanen Situation mit einem Präsidenten Donald Trump?" Einige Male wurden mir diese oder ähnliche Fragen bezüglich meiner Pläne für die nächsten 18 Monate gestellt. Ich werde in Kalifornien ein MBA-Programm an der Universität Stanford absolvieren und neben dem Tagesgeschäft als Anwalt auch eine weitere US-Repräsentanz meiner Rechtsanwaltskanzlei aufbauen.

Ich will mich als Rechts-und Wirtschaftsberater jetzt auch mit neuem, besonders zukunftsrelevantem Wissen "aufladen". Es war für mich von Anfang an klar, dass ich diesen Schritt gemeinsam mit meiner Familie tun werde. Wir werden am Stanford-Campus leben. Ich freue mich außerordentlich, sowohl auf die berufliche als auch auf die akademische Herausforderung. Vielleicht auch auf die familiäre.

Die ersten Wochen in Stanford

Die Uni hat ihren stolzen Preis, nicht vergleichbar mit Europa, aber bereits an den ersten Tagen merkt man, dass man nicht nur eine Nummer im System, sondern ein gezielt und überlegt ausgewählter Teil dieses System wird. Die Professoren kennen den Lebenslauf jedes Studenten und überlegen sich, wie sie uns "tunen" können. Sie sind an uns interessiert, und daran musste ich mich wieder gewöhnen.



Auch deshalb habe mich akademisch immer für Kalifornien entschieden und nicht für die näher liegende Ostküste. Hier lebt man "Understatement" und treibt es auf die Spitze. Mark Zuckerberg frühstückt regelmäßig neben mir in einem Studentenlokal. Er wäre für jeden ansprechbar, der Respekt gebietet aber, dies aber nur zu tun, wenn man eine präzise Agenda hat. Ein Professor, der einen Nobelpreis gewonnen hat, nimmt sich eine Stunde nach dem Unterricht Zeit, Fragen zu beantworten, und fährt mich in seinem Tesla zu einer Veranstaltung, die er mir spontan empfohlen hat.

Die leichte Skepsis, die bei Fragen der kompletten Übersiedelung in die USA mitschwingt, hat keine materiellen Gründe: Die USA sind ein hochentwickeltes Land, man wird uns (vermutlich) nicht entführen und es sind keine größeren medizinischen Probleme zu erwarten (hoffentlich). Dennoch sind vielen in Österreich die USA fremder als fast jedes europäische Land.

Woran das wohl liegt? An Sprache und Gebräuchen eher nicht: Das Land wurde historisch (auf Kosten der indianischen Ureinwohner) von Europäern besiedelt, da müsste es doch eine Art Grundverständnis geben. Und auch aktuell ist der "American Way of Life" weiter Kern jener kulturellen Globalisierung, die auch uns Europäer seit dem Zweiten Weltkrieg voll im Griff hatte und hat - von Elvis Presley über Marilyn Monroe bis zu Steven Spielberg.

Die Klischees

Bei einem genaueren Blick sieht man aber große Diskrepanzen, in Zeiten von "The Donald" gerade auch auf gesellschaftspolitischem Feld. Dem Europäer drängen sich bei der näheren Verfolgung der US-Medien spontan mehrere Fragen auf.

  • Was soll an einer verpflichtenden Krankenversicherung eigentlich schlecht sein?
  • Warum verschärft man angesichts der täglichen Gewaltexzesse mit Schusswaffen nicht einfach die Waffengesetze?
  • Wieso sind -auch nach den Wirbelstürmen von "Irma" bis "Maria" - Klimaschutz und Umweltschutz nur "Nischenthemen"?
  • Woher kommen dieser offen zur Schau gestellte Nationalstolz und die Begeisterung für das Militär?

Natürlich kann man als Antwort auf diese und ähnliche Fragen auf "bewährte" Vorurteile zurückgreifen: US-Amerikaner seien eben dumm, ungebildet und unzivilisiert, seien Sklaven von manipulativen Medien und Turbokapitalismus. Wie immer bei Klischees greifen diese zu kurz. Die Antwort für die meisten dieser Fragen liegt in der Vergangenheit, in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Geburt der USA ist eine Geschichte des Kampfes und der Eroberung - von der nicht ungefährlichen Überfahrt, der Ankunft in einem Land ohne die gewohnten Strukturen und Regeln bis zur Aneignung dieser Naturlandschaft und der Auseinandersetzung mit den verständlicherweise nicht gerade begeisterten Ureinwohnern.

Diese Siedlermentalität ist bis heute tief in der Gesellschaft verwurzelt, der Kampf um dieses Land und seine Unabhängigkeit, ihr starker Glaube an sich selbst und die damit verbundene Eigenverantwortung sind noch immer prägend.

Gesetzliche Eingriffe in die subjektive Freiheit des Menschen werden, selbst wenn sinnvoll, von vielen Amerikanern vor allem als Bevormundung gesehen. In einer Situation, wo man auf den Schutz von Institutionen nicht vertrauen konnte, musste man sich auch selbst schützen können. Das heute in den USA verklärte Bild des wehrhaften Amerikaners wurzelt darin und findet aktuell im stärksten und verehrtesten Militär der Welt seine Entsprechung.

Der "American Dream"

Die USA scheinen ihnen noch immer als Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Jeder soll den "American Dream" leben können, wonach jeder durch persönlichen Einsatz alles erreichen kann. Der Glaube an diesen Traum ist allgegenwärtig.

Viele Amerikaner - bekanntlich keine Mehrheit - haben deshalb Donald Trump gewählt, die scheinbare Verkörperung dieses Traums. Die Amerikaner könnten schon bald aus dieser Vorstellung aufwachen: Fast zwei Drittel von ihnen sind derzeit nicht mehr mit Trump zufrieden.

In den nächsten Monaten werde ich mich immer wieder Themen widmen, die mit dem amerikanischen Selbstverständnis, dem "American Way of Life" zu tun haben, und einen europäischen Blick darauf werfen.

Womit wir wieder zur einleitenden Frage kommen: Warum der Schritt in die USA und warum gerade jetzt? Weil ich Themen wie Artificial Intelligence, Big Data und Machine Learning im Detail und akademisch verstehen möchte. Weil ich erfahren möchte, wie sich die USA - im speziellen Kalifornien - entwickelt haben in den zwölf Jahren, seitdem ich in Berkeley, dem akademischen Rivalen von Stanford, ein Jus-Studium absolviert habe. Und weil Zeiten starker Polarisierungen und Veränderungen auch Zeiten großer Chancen sind. Diese möchte und werde ich nützen, daher jetzt der Schritt in die USA, gleich, was andere machen.


Der Autor

Robin Lumsden, 40, ist Wirtschaftsanwalt in Wien und auch in New York zugelassen. Der ehemalige Vizepräsident des Tennisverbandes ist Integrationsbotschafter des Außenministeriums und Generalkonsul von Jamaika in Österreich.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 39/2017 vom 29. September 2017 entnommen.

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