Richard Straub: Meister sein, nicht Zauberlehrling #GPDF17

Richard Straub, Gründer und Organisator des Global Peter Drucker Forums (www.druckerforum.org)

Richard Straub, Gründer und Organisator des Global Peter Drucker Forums (www.druckerforum.org)

Laut Peter Drucker ist Management an der Schnittstelle von Kunstfertigkeit und Sozialtechnik angesiedelt. Management benötigt den Input aus den Sozial- und Humanwissenschaften wie etwa Psychologie, Philosophie, Ökonomie und Geschichte oder Ethik.

Die Auswirkungen von Management auf die Gesellschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Peter Drucker hat auf diesen Faktor bereits früh hingewiesen. Denn das Management entscheidet nicht nur über Erfolg und Versagen von Unternehmen, Behörden oder Vereinen – seine Konsequenzen schlagen sich auch in Gesamtwirtschaft und letztlich in der Gesellschaft nieder.

Zunächst scheint die Geschichte des Managements von Erfolgen gekrönt zu sein: Wirtschaftliche Innovationen, gepaart mit sozialen Errungenschaften wie dem Wohlfahrtsstaat, verbesserten seit der industriellen Revolution die Lebensgrundlage sehr vieler Menschen auf breiter Basis. Wir sind gesünder als je zuvor, besser ernährt, leben wesentlich länger und verfügen über ein höheres Bildungsniveau. Hinter dieser Entwicklung standen Unternehmer mit ihren Innovationen. Dennoch ist Selbstzufriedenheit fehl am Platz, denn die technischen Neuerungen offenbarten auch ihre dunkle Seite. Zwei Weltkriege im vergangenen Jahrhundert legen davon Zeugnis ab. Gewaltige Fortschritte bedeuten immer auch gewaltige Verantwortung. Als etwa die mechanischen Webstühle die Produktivität um den Faktor fünfzig erhöhten, verloren viele Weber ihre Arbeit. Doch die niedrigen Textilpreise schufen neue Märkte, die eine Vielzahl von Jobs kreierten – auch neue Arbeitsplätze für Weber.

Die große Frage, die sich Experten heute stellen: Wird es diesmal ähnlich sein – oder schlittern wir geradewegs in eine dramatische Technologie-Arbeitslosigkeit? Werden unsere Institutionen in der Lage sein, die Grundlagen für einen neuen Sozialvertrag zu schaffen? Manager befinden sich ­heute im Spannungsfeld dieser gesellschaftlichen Fragen. Sie sind gefordert, Antworten zu liefern.

Was ist Management?

Laut Peter Drucker ist Management an der Schnittstelle von Kunstfertigkeit und Sozialtechnik angesiedelt. Management benötigt den Input aus den Sozial- und Humanwissenschaften wie etwa Psychologie, Philosophie, Ökonomie und Geschichte oder Ethik. Das Managementwissen beinhaltet das Was, also Theorien und Konzepte, ebenso wie das Wie mit den Werkzeugen und Methoden.

Die Innovationen innerhalb des Managements der vergangenen zwanzig Jahre – etwa Design Thinking, Agile & Scrum und Lean Start-up – hatten eine Fülle neuer Methoden im Gepäck. Worauf jedoch oft vergessen wurde, ist das Fundament, auf dem all diese Managementtheorien und -methoden fußen: das Warum. Hier geht es um Sinnfragen, um Werte wie etwa den ökonomischen Nutzen und das Gemeinwohl, es geht um menschenwürdige Arbeitsplätze, um Fairness und damit verbundene adäquate Steuerleistung, es geht um ökologische Nachhaltigkeit sowie um das Engagement und die Selbstverpflichtung zur Innovation. Letzteres übersteigt die aktuelle Definition von Corporate Social Responsibility (CSR) bei Weitem. Ohne Selbsterneuerung durch Innovation ist eine Firma über kurz oder lang massiv gefährdet. Innovation, die Chancenmaximierung bedeutet – und nicht kurzfristige finanzielle Maximierung. Weit entfernt von jener Shareholder-Value-Philosophie, die an der Wall Street propagiert wird.

Wir konstatieren, dass dieses Warum vor allem in den Großunternehmen verloren ging: Im Blickpunkt stand allzu oft allein die Kostensenkung, die, reduziert auf den reinen Selbstzweck, sowohl die strategische Ausrichtung des Unternehmens als auch dessen gesellschaftliche Verpflichtung ad absurdum führt. Das Weltbild, das uns aus Silicon Valley entgegenschwappt, trägt nicht zur Beruhigung bei: Da ist der Mensch nicht mehr als ein Informationsbündel, das mittels digitaler Technologie scheinbar grenzenlos „verbessert“ werden kann. Aber wollen wir tatsächlich dieses technokratische Menschenbild?

Mit dem Widerstand gegen Globalisierung und ungleiche Chancen ist das Warum wieder ins Blickfeld gerückt. Die politischen Erdbeben aus der jüngsten Vergangenheit zeugen davon. Auf ein Mal wird öffentlich darüber diskutiert: über die sozialen Folgen der sogenannten Plattform-Ökonomie. Über die Auswirkungen des digitalen Tsunamis auf die Beschäftigung. Über die Angst, dass künstliche Intelligenz Arbeitsplätze kosten könnte.

Die Einzigartigkeit des Menschen

Es ist paradox – doch scheint es, als würde gerade die hitzige Debatte um die Technologiefolgen eine historische Chance bieten: Plötzlich rückt die Einzigartigkeit des Menschen wieder in den Fokus. Wir Menschen haben Vernunft, Gefühle, einen Sinn für Recht und Unrecht, wir können Weisheit entwickeln. Wir haben Bewusstsein und einen freien Willen – unerreichbar für Maschinen. Freude an Natur und Kunst, Liebe und Mitgefühl können mit Maschinen maximal nachgeahmt, nicht aber authentisch empfunden werden.

Wir tun gut daran, unsere Grundhaltung aus der Antike zu entlehnen. Gnothi seauton – erkenne dich selbst. So lautet der berühmte Spruch am Apollotempel zu Delphi. In dessen Licht gilt es, die Dominanz der Technokraten zurückzudrängen und das menschliche Maß neu zu definieren: in der Art und Weise, wie wir Arbeit und Organisationen gestalten, wie wir persönliche Nähe und elektronisches Netzwerk ausbalancieren, wie die menschlichen Fähigkeiten durch Technologie verstärkt und ergänzt werden können.

„Wunder-Technologien“ an allen Ecken und Enden: 3D-Printing, Internet of Things, Bio- und Nanotechnologien, Big Data oder Advanced Analytics. Lassen wir uns nicht zu Zauberlehrlingen degradieren, die die Geister, die sie riefen, nun nicht mehr loswerden. Wir sind gefordert, die Rolle des Meisters zu übernehmen, der die Technologie zu seinem wohlverstandenen Nutzen einsetzt.

Fakt ist auch: Manager können die Rahmenbedingungen, unter denen sie agieren, nicht im Alleingang ändern. Mit Incentives, Gruppendruck und Regulierung wird allzu oft eine falsche Richtung eingeschlagen. Selbst wenn man Mitarbeiter als die wertvollsten „Vermögenswerte“ des Unternehmens bezeichnet, so werden sie dennoch bilanztechnisch als Ausgabenposten behandelt. Andererseits gibt es Beispiele für eine menschenorientierte Gestaltung von Organisationen und Institutionen, die Schule machen könnten: Denken wir an die Mittelstandsunternehmen, die auch im Wachstum und als Weltmarktführer (Hidden Champions) das menschliche Maß erhalten; denken wir an die sogenannten B-Corporations (Benefits Corporations), Genossenschaften oder stark dezentralisierte Großunternehmen wie etwa die französische Vinci Group oder die Haier Group in China.

Letztlich sollten wir danach trachten, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen gemäß ihren Fähigkeiten eingesetzt werden können. Ein Umfeld, in dem sie ihr Potenzial leben und weiterentwickeln können. Technologie kann dabei sehr hilfreich sein – letztlich bleibt dies jedoch eine zutiefst menschliche Aufgabe.

Was wir daher heute brauchen, sind Persönlichkeiten, die sich den großen Anforderungen unserer Zeit stellen können. Mit Technokraten, Experten und Spezialisten allein wird das nicht gelingen. Wir benötigen humanistisch gebildete Führungskräfte, die die Geisteswissenschaft und die Naturwissenschaften versöhnen. Menschen, die sich mit philosophischen, psychologischen und anthropologischen Fragestellungen ebenso auseinandersetzen wie mit digitaler Transformation und künstlicher Intelligenz. Denn eine menschliche Welt kann nicht von jenen geschaffen werden, deren Horizont auf Ökonomie, Technologie und Bürokratie beschränkt ist.

Das alljährliche Drucker Forum in Wien hat sich genau dieser Aufgabe verschrieben – die dem Management inhärente Leistungs- und Ergebnisorientierung mit der Ausrichtung auf den Menschen zu verbinden, der letztlich Ursache und Ziel aller Bestrebungen in Wirtschaft und Gesellschaft ist. Denn genau dies ist die Herausforderung unserer Zeit – und wohl nobelste Aufgabe des Managements: Führungspersönlichkeit zu sein, die die Gesamtheit des menschlichen Spektrums abdeckt und sich die Technologie dafür dienstbar macht. Oder, in anderen Worten: Ein Meister, der die Geister, die er rief, in konstruktive Bahnen lenkt.


Zur Person

Richard Straub ist Gründer und Organisator des Global Peter Drucker Forums (www.druckerforum.org). Das 9. Global Peter Drucker Forum findet am 16. und 17. November 2017 in Wien statt. Zum trend Themenspecial "Global Peter Drucker Forum 2017"

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